Mit Zufallstheorie und -praxis kennt er sich aus: Bernard Tagwerker (Jahrgang 1942) arbeitet seit rund vier Jahrzehnten künstlerisch dem Zufall in die Hände oder besser: lässt sich vom Zufall den Stift führen. In den Anfängen war es noch die Künstler-Hand, die sich führen liess. Ein Bild wie „Konstellation“ (1977) zum Beispiel entstand so: Tagwerker teilte die Bildfläche in einen Raster mit Zahlen von 0 bis 999 ein. Per Los bestimmte er den Anfangspunkt einer Linie sowie deren Schlusspunkt. Nun wurde noch die Art des Stifts (Graphit oder Kreide) durch Würfeln bestimmt, und dann ging es los mit Linienziehen – ein Experiment mit ungewissem, aber optisch faszinierendem Ausgang.
Später übernahm der Computer die Hand-Arbeit, die Zahl der Felder, Pixel gewissermassen, hat sich verhundertfacht. Doch die Neugier (und zugleich Demut) des Künstlers blieb dieselbe: Er misstraut der romantischen Vorstellung vom schöpferischen Künstler-Ich und setzt stattdessen auf die Überraschungseffekte des Zufallsgenerators.
Das ästhetische Resultat freue ihn zwar, aber interessiere ihn nicht in erster Linie, sagte Tagwerker dazu in einem Künstlergespräch mit Karin Bühler in der Trogner Rab-Bar kürzlich. Ihn interessiere das Konzept Zufall an sich, und das Entwickeln der passenden Algorhythmen. Dass ihn das Resultat weniger kümmere, ist typisch Tagwerker’sche Bescheidenheit – denn die abstrakten „Wimmelbilder“ sind eine Schaulust, in der man sich verlieren kann.
Mehr dazu kann man am heutigen Abend erfahren, wenn Bernard Tagwerker den grossen, mit 30000 Franken dotierten Kulturpreis der Stadt St.Gallen entgegennimmt – mehr möglicherweise auch zum jüngsten Forschungsfeld des Künstlers, mit dem er einmal mehr technologische Pionierarbeit leistet und das er ebenfalls in Trogen vorstellte: computergenerierte Skulpturen in 3D.
An der Feier von heute Abend würdigt der Liechtensteiner Museumsdirektor Friedemann Malsch Tagwerkers Werk. Und der Pianist Stefan Wirth spielt Musik von Edu Haubensak, einem Komponisten, der mit neuen Stimmungen (Skordaturen) experimentiert – und damit an die Musik ähnlich elementare Fragen stellt, wie dies Tagwerker in der Kunst tut.
Kulturpreis der Stadt St.Gallen für Bernard Tagwerker: heute Samstag 22. November 18 Uhr, Lokremise St.Gallen
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.