Das Olma-Gastprogramm aus Luzern umfasst Film und Spoken Word. Warum gerade die beiden Sparten?
Die Idee war, mit Luzern und St.Gallen zwei Brennpunkte der Spoken Poetry zusammenzubringen. Zudem gibt es in Luzern einen wichtigen Verlag, «Der gesunde Menschenversand» von Matthias Burki. Die Filmsparte hat dank vielen Einzelkämpfern ebenfalls Gewicht, sie wird im neuen Kulturleitbild des Kantons denn auch besonders herausgestrichen.
Neben Einzelkämpfern scheint der Film auch institutionell gut verankert zu sein, u.a. mit dem Verein «Film Zentralschweiz» und der Hochschule.
Der Verein wurde 2009 gegründet, Auslöser war ein Interview der städtischen Kulturamtsleiterin, in dem sie mit Blick auf die Filmförderung sagte: «Man kann ja auch nach Zürich ziehen, wenn man Filme machen will.» Das hat mich und andere gefuxt. Und dank ihrer sicherlich auch provokativ gemeinten Äusserung hat man sich zusammengerottet. Mittlerweile zählt der Verein rund siebzig Filmschaffende und Filminteressierte. Die Hochschule ist enorm wichtig. Es gibt eine wachsende Zahl von Absolventen, die zum Teil versuchen, in der Zentralschweiz zu bleiben – was man sich aber erkauft mit einem Leben am Existenzminimum. Unsere Zielsetzung ist es, das Loch in Sachen Filmförderung in der Mitte der Schweiz zu stopfen.
Ein ähnliches Loch ist die Ostschweiz – wie kann man es denn stopfen?
Das sind politische Entscheidungen. Dass filmisches Wissen und Können nicht abwandert, wäre auch im Sinn der Kantone. Es gibt zwar die IFFG, eine Kommission für Luzern, Nidwalden, Obwalden, Uri, Schwyz und Zug, die Filmeingaben beurteilt. Wir setzen uns aber darüber hinaus dafür ein, dass die sechs Kantone eine Filmstiftung aufbauen. Und wir behaupten: Mit zwei Millionen Franken jährlich könnte man zehn Millionen retour holen in die Kantone.
Dank Bundesgeldern?
Einerseits ja. So machen es auch die Bauern, alle machen es so, aber in der Zentralschweiz hat man diesen Sachverhalt noch nicht richtig realisiert. Andrerseits geht es darum, dass vor Ort eine Industrie entstehen kann, dass die Leute hier bleiben, hier arbeiten und hier auch wieder Geld ausgeben. Rundherum gibt es solche Initiativen, in der Romandie, in Zürich, Bern, Basel, überall wird regional gefördert.
Trotz Ihrer Klage, dass zuwenig Geld vorhanden sei: Das Luzerner Kino-Gastspiel an der Olma ist sehr reichhaltig. Was soll man nicht verpassen?
Was ich als ein poetisches Highlight empfehlen würde: «Halbdichtheiten», ein kurzer Film von Ralf Kühne. Oder den humorvollen Diplomfilm «Eigenbrand» des Ex-St.Gallers Jan Buchholz. Der erste Programmblock widerspiegelt auch die Leistung der Hochschule, die ihr Angebot über die Jahre stark ausgebaut hat. Das ist ein Herz, das pulsiert und ausstrahlt in die ganze Schweizer Filmszene.
A propos pulsierend: Aus Distanz gesehen ist Luzern nicht Slam- oder Filmstadt, sondern in erster Linie Touristenstadt und in zweiter Linie Klassikmetropole. Sind das zwei Welten, zwei Städte quasi?
Es käme mir nie in den Sinn, Kulturbereiche gegeneinander auszuspielen. Sie bereichern sich gegenseitig extrem. Natürlich: Luzern ist eine unglaubliche Kulisse. Die Inder haben sie schon vor Jahren fürs Kino entdeckt. Für uns, die wir hier arbeiten und produzieren, ist das zu wenig. Wir wollen nicht für Bollywood oder für den «Tatort» herhalten, sondern Geschichten aus dieser Gegend selber erzählen. Gerade der «Tatort» ist aber auch ein positives Beispiel. Zodiac, die grösste Produktionsfirma der Region, hat schon zwei Folgen produzieren können. Das vernetzt Kräfte und führt auch zu einer Öffnung.
Im Saitenheft mit dem Titelthema «Luzern retour», Januar 2012, stand unter anderem: In der Innenstadt von Luzern gebe es keine einzige Metzgerei mehr. Nur noch Touristenläden.
Das stimmt nicht ganz, es gibt noch zwei Metzgereien, aber zum Beispiel keinen Blumenladen mehr, was ich sehr bedaure. Und es gibt eine grosse Diskussion über die Touristenströme, die die Stadt mit Cars verstopfen.
In der Subkultur herrsche ein Gefühl von Ohnmacht, viele würden abwandern, stand damals ebenfalls im Heft. Wie würden Sie das Kulturklima heute auf den Punkt bringen?
Es wird immer besser. Die Jungen rücken nach. Der Südpol ist ein Beispiel dafür: ein guter Ort. Aber es gibt schon auch Stimmen, die dort die «Subkultur» vermissen. Nach meiner Meinung ist das ein veralteter Begriff. Basiskultur finde ich treffender – man kann nicht einfach von oben fördern, Kultur muss immer wieder neu entstehen, muss Forderungen stellen, Platz beanspruchen, Räume besetzen. Das passiert zum Teil auch im halb-legalen Bereich, wie mit der «Aktion Freiraum», die in leerstehenden Häusern Parties veranstaltet. Kritische Stimmen sagen dann: bloss Konsum … – aber das ist es nicht. Da wird produziert, daraus wachsen neue Trends und Vernetzungen mit anderen Städten. Da legt eine neue Generation die Basis für die Leitkulturen von morgen.
Welches ist die bessere Stadt? Luzern oder St.Gallen?
Berlin. Andreas Stäuble, aufgewachsen in St.Gallen, ist seit siebzehn Jahren in Luzern tätig, u.a. mit der Film-Produktionsfirma Filmonauten und als Mitinitiant von Film Zentralschweiz. Er koordiniert das kulturelle Programm des Olma-Gastkantons Luzern.
Luzern in St.Gallen: Freitag, 3. bis Sonntag, 5. Oktober, Lokremise. Infos: kinok.ch; lokremise.ch, menschenversand.ch
Bild: Tine Edel. Der Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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