Georg (Franz Rogowski) will aus Paris fliehen. Er braucht Geld und einen Transport, und als ihm ein Bekannter beides bietet, willigt er ein, im Gegenzug dem Schriftsteller Weidel zwei Briefe zu überbringen. Einen von seiner Frau und einen vom mexikanischen Konsulat in Marseille. Das ist ein gefährliches Unterfangen. Denn Weidel wird wie Georg von der Polizei gesucht. Als dieser dessen Hotelzimmer findet, ist die Badewanne voller Blut. Weidel hat sich umgebracht.
Zurück auf der Strasse beobachtet Georg, wie sein Bekannter, der ihm einen Platz im Fluchtauto geboten hat, verhaftet wird. Er entgeht selber knapp der Verhaftung und gelangt schliesslich auf einem Güterzug nach Marseille. Auf sich trägt er die Briefe und ein neues Manuskript des toten Weidel. Bei der Ankunft wird der Güterzug durchsucht. Flüchtlinge werden unzimperlich aus dem Zug gezerrt. Wieder gelingt Georg die Flucht. Aber es wird klar: Auch in Marseille ist er nicht sicher vor der Verfolgung.
Doch wer verfolgt ihn? Christian Petzold verfilmt mit Transit den gleichnamigen Roman von Anna Seghers. In diesem schilderte sie die Not deutscher Emigranten im Jahr 1941, die den Weg durch Marseille im südlichen Vichy-Frankreich ins sichere Ausland suchen. Es heisst im Film, dieser sei frei nach dem Roman interpretiert. Dabei ist die Nähe zur Buchvorlage offensichtlich – der grosse Unterschied ist, dass Georg nicht im Jahr 1941 vor den Nazis, sondern in der Gegenwart vor nicht näher definierten, aber ebenso bedrohlichen Faschisten flüchtet.
Genau das ist eine der grossen Stärken des Films: dieser Bogen zwischen den europäischen Emigranten vor 70 Jahren und den heutigen Flüchtlingsbewegungen, die nach Europa führen. Während man bei einem Kostümfilm mit uniformierten Nazis auf Lastwagen aus den 40er-Jahren vielleicht schreiben würde, die Geschichte sei in Anbetracht der grossen Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahre nach wie vor aktuell, lässt die Übertragung in die heutige Zeit diesbezüglich keine Fragen offen.
Plötzlich Weidel
Es geschieht eher aus Zufall, dass sich Georg auf der Botschaft als Schriftsteller Weidel ausgibt, auf den zwei Visa für die Überfahrt nach Mexiko warten. Eines für ihn und eines für seine Frau, die Weidel verlassen hat, wie Georg aus dem Brief weiss, den sie ihrem Mann geschrieben hat.
Es muss eine äusserliche Ähnlichkeit zwischen Georg und Weidel bestehen. Denn kurz nach seiner Ankunft in Marseille tippt ihm eine verzweifelt wirkende Frau auf die Schulter, der er in der Folge immer wieder begegnet. Es ist Marie (Paula Beer), die Weidel sucht. Es tut ihr leid, dass sie ihn brieflich verlassen hat. Sie war schon auf einem Dampfer auf dem Weg in die Sicherheit, hat ihn aber im letzten Moment verlassen, weil sie ohne Weidel nicht weg will.
Transit von Christian Petzold: ab 1. Juni in diversen Kinos in der Ostschweiz.
Anstatt ihr die Wahrheit vom Suizid des Gesuchten und den Reisepapieren zu erzählen, verliebt sich Georg in sie. Stellt sich bloss die Frage, ob er alles auf die Karte Marie setzt und gemeinsam mit ihr fliehen will, oder ob er sich allenfalls doch für den kleinen Jungen Driss entscheidet, den Sohn eines auf der Flucht verstorbenen Freundes, den er kurz nach der Ankunft kennengelernt hat. Das wäre dann die menschliche Option in der allgegenwärtigen Unmenschlichkeit des Films.
Ein ganz Grosser
Die grosse Stärke des Films, die zeitgenössische Kulisse, die Polizisten in ihren modernen Kampfmonturen, die wie Robocops auflaufen, ist gleichzeitig die grösste Schwäche. Denn die Bedrohung bleibt diffus. Es wäre zwar kein Problem, Fragen in dieser Richtung unbeantwortet zu lassen. Die aktuellen Verschiebungen der politischen Kräfteverhältnisse nach rechts in vielen europäischen Staaten würden als Hintergrundahnung durchaus ausreichen. Aber wieso Driss und seine Mutter maghrebinische Züge haben, wieso nach ihrem Verschwinden eine afrikanische Grossfamilie in ihrer Wohnung lebt, das lässt dann etwas gar viel Raum zur Interpretation.
Trotzdem ist Petzold mit Transit ein zwar bedrückender, gleichzeitig aber äusserst sehenswerter, spannender, überraschender und unterhaltsamer Film gelungen. Auch wegen Paula Beer als Marie und wegen Franz Rogowski in der Hauptrolle. Vor wenigen Wochen war Rogowski in Thomas Stubers genialem Film In den Gängen zu sehen. Jetzt glänzt er in Transit, und die Zeichen verdichten sich, dass er sehr bald ein ganz Grosser im deutschen Film sein wird.
Dieser Beitrag erscheint im Juniheft von Saiten.
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