Kategorie
Autor:innen
Jahr

Wie Sissi Romy tötete

1981 gab der Weltstar Romy Schneider einem Journalisten vom «Stern» ein Interview. Nie zuvor hatte sie sich der Presse geöffnet wie in diesen drei Tagen an der bretonischen Küste. Das hatte auch mit dem Journalisten zu tun, der sie gnadenlos in ihre Abgründe stiess. Emily Atefs Film 3 Tage in Quiberon ist in Zeiten von Social Media, Photoshop und Influencern brandaktuell.
Von  Frédéric Zwicker
Wenn der Alkohol fliesst, kehrt die Lebensfreude zurück.

«Ich sags jetzt zum allerletzten Mal. Ich bin schon längst nicht mehr Sissi, und ich wars auch nie. Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren, und ich heisse Romy Schneider.»

Wie viel von ihrem Unglück von der jungen österreichischen Kaiserin abhing, welche Schneider in drei Filmen so kindlich-fröhlich wie erfolgreich verkörpert hatte, sei dahingestellt. Klar ist, dass ihr diese Rolle zu Weltruhm verhalf, dass sie das kräftigste Sprungbrett war und gleichzeitig der schwerste Klotz, von dem sie sich zeitlebens nicht befreien konnte.

Auch ein Jahr vor ihrem Tod nicht, 1981, als sie einige Tage im französischen Quiberon an der bretonischen Küste verbrachte, um von Alkohol und Tabletten loszukommen und sich zu erholen. Die Suchtmittel waren zumindest teilweise ein Symptom ihrer Biographie. Rampenlicht ab 15, Ende der 50er-Jahre die Beziehung zu Alain Delon und die «Flucht» aus Deutschland, vor dem deutschen Heimatfilm der Nachkriegszeit hin zum französischen Kino und zu französischen Theaterbühnen, hin zu anspruchsvollen Rollen.

Wut und Häme

Das passte Deutschland ganz und gar nicht, dieser Landesverrat. Und deshalb ergossen sich in einer hemmungslosen, boulevardmedialen Hetzkampagne Wut und Häme über das talentierte, schöne Haupt des werdenden Weltstars. Es wurde ausgeschlachtet und gelogen, dass sich die Balken bogen.

Nein, die Journalisten konnte Romy Schneider nicht ausstehen, diese niederträchtigen Ratten, und war ihnen doch hörig. So willigte sie auch in Quiberon ein, dem «Stern» ein Interview zu geben, das zum intimsten Interview der Todgeweihten avancierte.

Diese drei Tage in Quiberon beleuchtet der gleichnamige Film der deutsch-französisch-iranischen Regisseurin und Autorin Emily Atef. Romy Schneider wird darin von einer atemberaubend aufspielenden Marie Bäumer verkörpert. Sie erhält im Fünfsterne-Hotel Besuch von ihrer (erfundenen) Sandkastenfreundin Hilde (Birgit Minichmayr) sowie vom befreundeten Fotografen Robert Lebeck (Charly Hübner) und dem ihr bis dahin unbekannten Starporträt-Journalisten Michael Jürgs (Robert Gwisdek).

Und dann tun sich die Abgründe auf, diese unüberwindbaren, von Medien und Fans in blindem Fanatismus negierten Abgründe zwischen dem Menschen hinter der Schauspielerin und der Sissi, die doch so ein braves, glückliches Mädchen sein sollte.

Das «Franzosenflittchen»

Hier die Frau, die sich fürchtet, ihren Sohn zu verlieren, weil er lieber bei seiner Stieffamilie leben will, die Alkohol- und Tablettensucht, der Bankrott, weil verschiedene männliche Zecken an ihrem Vermögen saugen. Dort die Sissi, die ihr Land beschmutzt hat. «Vaterlandsverräterin», «Franzosenflittchen» oder «dumme Liese» wurde Schneider in der Presse geschimpft. Die Fehlgeburt und die anderen, aufgebauschten Skandale wie ihr Engagement mit Alice Schwarzer für das Recht auf Abtreibung, wurden genüsslich mit aller Boshaftigkeit ausgeschlachtet.

Romy Schneider war eine zerrissene öffentliche Frau. Und nie wurde diese Zerrissenheit sichtbarer als in jenen drei Tagen in Quiberon, als sie dem Stern ihr legendäres Interview gab.

<em>3 Tage in Quiberon</em>:
ab 12. April, Kinok, St.Gallen
kinok.ch

Wie bei einem Werk von Lars von Trier liegt die Katastrophe bereits in den ersten Minuten in der Luft und wird greifbar, als der manipulative, scheinbar gewissenlose Journalist Jürgs auftaucht, der keine Gelegenheit auslässt, die Angegriffene zu schinden, um zu ihrer Schmutzwäsche vorzudringen.

Drei Tage in Quiberon ist ein höchst aktueller Film, wirft er doch ein (zumindest anfangs sehr düsteres) Licht auf das schwierige Verhältnis zwischen Medien und öffentlichen Personen. Er ist hervorragend gespielt und berührend fotografiert zwischen der bretonischen Felsenküste und dem noblen Hotel, wo der witzige Charme der Kellner wunderbar mit der Übellaunigkeit der hungrigen Diätgäste kollidiert.

Man muss dem Film einzig vorwerfen, dass es den Machern von South Park mit der 20-minütigen Episode Britney’s new Look gelungen ist, die zerstörerische Spannung, die zwischen den Ansprüchen des Publikums an einen Weltstar und dessen Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben entsteht, pointierter spürbar zu machen.

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi