Da liegt er im Morgengrauen, der Grossmarkt. Den ausladenden, noch verlassenen Parkplatz sieht man zuerst, dann die langen Gänge mit den vollgestellten Regalen im schummrigen Licht. Dazu Johann Strauss’ Donauwalzer. Kein Fluss dieser Welt durchquert so viele Länder wie die Donau. Zehn sind es, von Deutschland bis zur Ukraine hinunter, wo die Donau ins Meer mündet.
So beginnt In den Gängen, der neue Spielfilm des deutschen Regisseurs Thomas Stuber. Bereits zum dritten Mal arbeitete er mit dem Autor Clemens Meyer zusammen. Das gemeinsam verfasste Drehbuch beruht auf Meyers gleichnamiger Kurzgeschichte aus der 2008 erschienenen Sammlung Die Nacht, die Lichter. Und wenn man sich oft nervt, weil ausufernde Romane zu eineinhalbstündigen Filmen verkürzt werden, so sticht ins Auge, dass hier aus einer Kurzgeschichte ein zweistündiger Spielfilm wurde.
Liebe im Neonröhrenschein
Christian steht pünktlich bereit für seinen ersten Arbeitstag. Als erstes erhält er seinen Kittel, den er künftig täglich überzieht. «Immer schön lang tragen», mahnt der Chef freundlich. Denn Christian hat «ein bisschen Farbe auf der Haut», ist tätowiert vom Hals bis zu den Handgelenken.
Dann wird Christian Bruno vorgestellt, der verantwortlich ist für die Getränke. Bruno wird sein Lehrmeister, dem es egal ist, dass Christian fast nichts sagt und auch, dass er für eine Reihe von Diebstählen zwei Jahre gesessen hat. Denn er sieht Christian als das, was er ist: «ein Guter».
Ebenfalls früh eingeführt werden der Handhubwagen, die hydraulische Ameise und schliesslich der König der Palett-Transportgeräte: der Hubstapler. Christian tut sich schon mit dem Hubwagen schwer, der sich nicht in die anvisierte Richtung lenken lässt. Mit der Ameise, die er eigentlich nicht bedienen dürfte, verursacht er beinahe einen Unfall. Es dauert ein ordentliches Weilchen, bis er sich auf den Gabelstapler setzen darf.
Und dann heisst es unter den Angestellten bald, der Christian stelle sich auf dem Stapler ein bisschen blöd an. Zumindest sagt ihm die hübsche Marion, das habe sie gehört, und bietet ihm Privatunterricht an. Denn bald steht die Prüfung an.
Christian, Marion und Bruno. Das sind die drei Hauptfiguren in diesem Film, der mit ebenso spärlichen wie pointierten Dialogen aufwartet. Es ist im Kern eine Liebesgeschichte, deren Schauplatz fast ausschliesslich der Grossmarkt im Licht der Neonröhren ist. Aber wer denkt, das sei ein enger, vielleicht bald langweiliger Raum für zwei Stunden Handlung, der irrt gewaltig.
In diesem Grossmarkt liegen Welten. «Sibirien» zum Beispiel, die Tiefkühlabteilung. Oder «das Meer», wo lebende Frischfische in zu engen Aquarien auf Käufer warten. «Warst du schon einmal hier?», fragt Bruno. «Nein», antwortet Christian, und man versteht: Am Meer war er noch nie.
Am Ende das Meer
Alles spielt sich in diesem Markt ab, Freundschaft, Liebe und Tod, und wenn Christian über die Zeit nach Feierabend sagt: «Das war, wie wenn alle in einen tiefen Schlaf gefallen sind und am nächsten Tag nach Hause zurückkommen», dann hinterfragt man seine Empfindung keine Sekunde lang.
In den Gängen: ab 1. Mai, Kinok St.Gallen und Kino Cameo Winterthur kinok.ch, kinocameo.ch
Obwohl man nur sehr wenig von Christians Geschichte weiss, ahnt man, dass der Job in der Getränkeabteilung das Beste ist, was Christian seit langem widerfahren ist. Die spärlichen und doch so liebevollen Gespräche mit Marion zwischen den Regalen hindurch oder im Pausenraum, wo die Wände mit Palmen bemalt sind und man auch einmal das Meer rauschen hört, oder die Zigaretten mit der Vaterfigur Bruno.
Clemens Meyer arbeitete selbst drei Jahre als Gabelstapelfahrer. Und weil er offensichtlich gut aufgepasst hat und es hervorragend versteht, die Gesprächskultur in diesen Kreisen destilliert auf lakonisch vorgetragene Perlen zu reduzieren, lacht man trotz der überall drohenden Tragik immer wieder laut auf.
Aber man lacht keineswegs über die schlecht gebildeten Arbeiterinnen und Arbeiter. Im Gegenteil: Dieser Film zeigt eine Welt, in der es nichts gibt als einen Grossmarkt und seine Angestellten, Handhubwagen, eine Ameise und das Ballett der Gabelstapler. Er tut es mit Respekt und Zuneigung. Und so ist dieser Mikrokosmos gross genug, um darin das ganze Leben gespiegelt zu sehen. Und am Schluss hört man es wieder, und bloss an scheinbar überraschendem Ort: das Meer.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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