Kategorie
Autor:innen
Jahr

Flüchtlingskinder und Frauenstimmrecht

Dora Rittmeyer-Iselin (1902–1974), eine zentrale Persönlichkeit der St.Galler und Schweizer Frauenbewegung, erhält endlich eine eigene Biografie. von Peter Müller
Von  Gastbeitrag
Dora Rittmeyer-Iselin mit Sohn Heiner. (Bilder: Familienarchiv)

Schade, dass es auf YouTube keine Ton- oder Filmclips mit Dora Rittmeyer-Iselin gibt. Da könnte man ihr wenigstens ansatzweise «live» begegnen. Schade auch, dass sie offenbar keine autobiografischen Aufzeichnungen verfasst hat. Sie hätte mit Sicherheit viel Interessantes zu erzählen gehabt, nur schon über patriarchalische Strukturen, Männer-Netzwerke und männliches Autoritätsgehabe.

Aber solche Aufzeichnungen hätten wohl nicht zu Dora Rittmeyer-Iselin gepasst. Dafür war sie zu diskret, zu wenig selbstbezogen. Umso erfreulicher ist, dass es nun eine Biografie über sie gibt, die erste überhaupt, verfasst von der St.Galler Historikerin Marianne Jehle-Wildberger.

Von der Musikkritik zur Flüchtlingshilfe

Das 270 Seiten starke Buch ist eine lesenswerte Lektüre. Es erzählt das Leben einer bemerkenswerten Frau und ist gleichzeitig ein Gang durch die Flüchtlingshilfe im Zweiten Weltkrieg und durch 40 Jahre Frauenbewegung. In beidem hat sich Dora Rittmeyer-Iselin grosse Verdienste erworben.

Dabei beginnt ihre Biografie eigentlich ganz anders: Die Baslerin aus gutem Haus, eine Intellektuelle, studiert Musikwissenschaften, schreibt ihre Dissertation und wird 1929 Musikkritikerin in St.Gallen. Im selben Jahr heiratet sie den Juristen und Politiker Ludwig Rittmeyer, mit dem sie eine partnerschaftliche Ehe führen wird. 1932 wird sie als eine der ersten Frauen überhaupt Lehrbeauftragte an der Hochschule St.Gallen und hält musikwissenschaftliche Vorlesungen.

Ihr protestantisches Wertesystem und ihr eigenes Wesen führen sie dann in die Flüchtlingshilfe: Von 1936 bis 1948 ist sie Präsidentin der St.Galler Hilfe für Emigrantenkinder und kümmert sich – neben ihrer eigenen Familie – um hunderte von Emigrantenkindern. Es ist eine harte, oft frustrierende Arbeit, bei der sie viel über den Umgang mit Behörden, Institutionen und patriarchalisch-autoritäre Strukturen lernt. Ihr Mann kritisiert derweil öffentlich die offizielle Flüchtlingspolitik der Schweiz. 1942 fordert er im Nationalrat eine grosszügigere Aufnahmepraxis, was ihm viele Feinde macht – auch in der eigenen Partei, der FDP.

Die Macht behielten die Männer

Praktisch zeitgleich mit dem Kriegsende 1945 wendet sich Dora Rittmeyer-Iselin mit vollem Engagement der Frauenbewegung
zu und wird Präsidentin der Frauenzentrale St.Gallen. Auf sie und ihre Kolleginnen warten gewaltige Aufgaben. In der politischen, rechtlichen und beruflichen Gleichstellung der Frauen liegt vieles im Argen. Nach dem Aktivdienst kehren die Männer zurück und besetzen die alten Stellen, beharren auf der alten Macht. Die Frauen haben in den Kriegsjahren Enormes geleistet, jetzt sollen sie zurück an den Herd. Die Schweiz steht vor einer konservativen Zukunft.

Dora Rittmeyer-Iselin und ihre Frauenzentrale engagieren sich in verschiedensten Belangen: von der Volksgesundheit bis zur Situation der Hausangestellten, von der Lohngleichheit bis zur AHV. Das Hauptthema ist das Frauenstimmrecht. 1959 muss Dora Rittmeyer-Iselin erleben, wie auch die zweite Volksabstimmung darüber negativ ausgeht, im Kanton St.Gallen gibt es 80,7 Prozent Nein-Stimmen.

Biografin Marianne Jehle-Wildberger schreibt dazu: «Anders als beim sozialen Engagement hatte die Frauenzentrale unter Dora Rittmeyer trotz grossem Einsatz wenig Erfolg beim Kampf um die politische Gleichberechtigung. Es lag nicht an ihr und
ihrem Team, sondern an den Zeitumständen, dass nicht mehr zu erreichen war. Bewunderswert ist, dass sie sich nicht geschlagen gab.» Die Kraft für diese Arbeit lieferten ihr die Familie und der protestantische Glaube. Um so schmerzlicher trifft sie 1963 der Tod ihres Mannes.

1960 gibt Dora Rittmeyer-Iselin das Präsidum der St.Galler Frauenzentrale ab und engagiert sich nun unermüdlich für die Frauenbewegung auf der nationalen und europäischen Ebene. Marianne Jehle-Wildberger zeichnet sie als kluge und unpathetische Frau mit hoher Intelligenz und gesundem Menschenverstand, kommunikativem Talent, Empathie und politischem Gespür. Bemerkenswert auch das Zitat von Sohn Heiner Rittmeyer: «Gegen aussen konnte sie manchmal forsch wirken, war im Grunde aber überaus sensibel und hatte ein mitfühlendes Herz.»

Marianne Jehle-Wildberger: Wo bleibt die Rechtsgleichheit? Dora Rittmeyer- Iselin (1902–1974) und ihr Einsatz für Flüchtlinge und Frauen. Theologischer Verlag Zürich und Verlagsgenossenschaft St.Gallen 2018, Fr. 32.90

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42