Ich schreibe die Kolumne in dem Zimmer, in dem ich ein Drittel meines Lebens verbracht habe. Bis auf Tisch, Stuhl und Bett ist es leer und meine Tastaturanschläge hallen beissend den leeren Wänden entlang. Draussen vor dem Fenster liegt die Ostschweiz und egal, wie wenig oder wie viel da draussen los ist, egal, wie leer mein Zimmer ist, alles fühlt sich viel zu eng an.
Seit über zehn Jahren bewege ich mich in der (Ost-)Schweizer Musikszene, mal als Musikerin, mal als Tontechnikerin oder als Bookerin, bei einem Label oder bei einem Festival, dies und das, hie und da, hier und dort. Und die meisten meiner Freund:innen sind auch hier und dort, meistens aber auf Gästelisten und mit vier oder fünf Projekten in der Instagram-Bio. Selten was kommerziell Grosses, versteht sich, dafür ist man dann doch zu nischig, zu broke oder zu mentally unstable. Klingt eigentlich alles sehr cute, Kulturmenschen lieben wir, right?
Mit meiner Transition bin ich irgendwie Teil des informellen Flüsternetzwerkes geworden. Menschen, meistens Frauen, erzählen sich, vor wessen Misogynie und Gewalt man sich in Acht nehmen sollte, welcher Rapper eher Rapist ist, welcher Veranstalter mal an den Arsch grapscht. Und seither sehe ich auf Konzertplakaten und in Clubs nicht mehr Nischenkünstler und Kulturschaffende, sondern Gewalttäter und Menschen, die wissentlich mit Gewalttätern kollaborieren. Wobei: «Mutmassliche» Gewalttäter muss man schreiben, wegen Klagedrohungen, weil noch gar nichts bewiesen ist, im Fall. Und in der Schweiz, in der laut Amnesty International nur vier von hundert Vergewaltigern verurteilt werden, ist halt nie etwas bewiesen, alles mutmasslich. Aber selbst auf mutmassliche Arschlöcher hab ich wirklich keinen Bock mehr.
Deswegen also: Auswandern. Neuanfang. Irgendwohin, wo ich nichts über die Szene weiss. Oder at least: Nichts über deren Gewalttäter. Als ich also im Railjet nach Wien sass, überflog ich das Programm des Waves Vienna, des Österreichischen Pendants zum Schweizer Networking- und Szeneanlass m4music, und von keinem Act wusste ich was über mutmassliche Gewalt, sondern nur, dass die eine oder der andere Künstler:in mutmasslich cool ist. Wahrscheinlich wird sich das noch ändern, aber ich mag die Tage, Wochen oder Monate geniessen, in denen ich Szenefestivals besuchen kann, ohne Gewaltassoziationen zu haben.
Die Kolumne, in der Ostschweiz begonnen, schreibe ich jetzt also in der leeren Wohnung in Wien fertig. Erst ein Bett und ein paar Ikeakartons. Draussen, nur ein paar Minuten entfernt, liegen gleich eine Hand voll alternative Konzertlokale. Mein Tippen hallt hier genauso unangenehm den Wänden entlang wie in meiner alten leeren Wohnung in der Schweiz. Aber wenn ich nach draussen schaue, dann sehe ich da noch keine Gewalt und keine Netzwerke, die Täter schützen oder rehabilitieren wollen. Sondern ich sehe da einen fucking Würstelstand. Fingers crossed, dass das noch eine Weile so bleibt.
Mia Nägeli, 1991, arbeitet nach einer Journalismusausbildung und ein paar Jahren bei verschiedenen Medien heute in der Musikbranche in der Kommunikation, als Tontechnikerin und als Musikerin. Seit Herbst 2024 studiert sie Kunst in Wien.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele