Synth-Klänge tropfen aus den Boxen. Ein repetitives Prasseln, über das nach wenigen Sekunden eine sphärische, etwas traurige Melodie zu fliessen beginnt, ehe sich die Schleusen ein erstes Mal weit öffnen und ein grossflächiger Akkord, begleitet vom Schlagzeug, den Raum flutet. Später folgen Gitarre und Gesang. Der ganze Raum erzittert – und füllt sich mit der mal sanften, mal wuchtigen Musik von Lord Kesseli and The Drums.
Hier, in einem Luftschutzkeller im zweiten Untergeschoss eines unscheinbaren Bürogebäudes an der Oberstrasse in St.Gallen, haben Dominik Kesseli (Gesang, Gitarre, Synths und Michael Gallusser (Schlagzeug) ihren Proberaum. Es ist Anfang Dezember, das Duo bereitet sich auf die anstehenden Konzerte für ihre neue Platte I Was In Love vor. Und das Gespräch bestätigt den Höreindruck, dass das dritte Werk für die beiden Mittvierziger eine Art Neubeginn markiert.
Zugänglicher und poppiger
Er habe während der Pandemie Zeit gehabt, vom Vorgängeralbum etwas Abstand zu nehmen und Lord Kesseli and The Drums «von aussen zu betrachten», sagt Kesseli. Diese Selbstreflexion wirkte sich hörbar auf die Musik aus: Die neuen Songs sind zugänglicher, ja poppiger als das bisherige Material. Das liege insbesondere an einer neuen Herangehensweise, sagt Kesseli: «Die letzte Platte war eine Forschungsreise. Damals fokussierten wir uns vor allem auf die Sounds. Wenn uns ein Klang gefiel, arbeiteten wir damit und bauten den Song drumherum. Diesmal standen die Melodien und Akkorde am Ursprung und gaben die Richtung der Songs vor.»
Anders als früher arbeiteten die beiden Musiker oft getrennt am neuen Material. Während Gallussers halbjährigem Aufenthalt im städtischen Künstler:innenatelier in Berlin baute Kesseli das Grundgerüst aus Melodien, Akkorden und Texten. Nach der Rückkehr gingen sie die Ideen zusammen durch und schauten, was sie zusammen aus ihnen machen konnten. Von den über 20 Entwürfen finden sich jetzt zehn als fertige Songs auf dem Album.
Die Sperrigkeit bewahrt
I Was In Love ist eine Platte mit hohem Suchtpotenzial. Und alles andere als glattgebügelt: Das Sperrige, das ihre Musik so spannend macht, schwingt weiterhin mit, es gibt Brüche, Ausbrüche, Widerborstigkeiten, und vor allem: Unvorhersehbarkeiten. Und man hört diese Detailverliebtheit. Kein Sound ist zufällig, alles ist an seinem Platz. Arrangement-Kunst auf höchstem Niveau.
Lord Kesseli and The Drums: I Was In Love (Irascible), erscheint am 19. Januar auf Vinyl und digital.
Plattentaufe: 20. Januar, 21 Uhr, Palace St.Gallen; Support: Verveine
Und auch wenn I Was In Love nicht so beklemmend und düster ist wie der Vorgänger Melodies Of Immortality, das Melancholische haben sich Lord Kesseli and The Drums bewahrt. Zu dieser besonderen Stimmung trägt auch der Stimmton bei. Wie auf dem Vorgängeralbum haben sich Lord Kesseli and The Drums auch diesmal für A4 = 432 Hertz statt 440 Hertz entschieden, «eine alternative Stimmung, die mathematisch mit dem Universum konsistent ist», wie es auf der LP heisst.
Auch gesanglich macht Dominik Kesseli einen Schritt nach vorne. Seine Stimme ist so direkt wie nie zuvor. Das ist – zumindest indirekt – ebenfalls der Pandemie geschuldet. Im November 2020, mitten im zweiten Lockdown, spielte er für Radio Stadtfilter ein Konzert im leeren Salzhaus in Winterthur. Nur er, seine Stimme und ein Piano. Fünf der acht Songs stammten von den ersten beiden Platten von Lord Kesseli and The Drums. Der Musiker baute sie auf ihr Grundgerüst zurück und kleidete sie neu aus. Herausgekommen ist ein berührendes, dunkles, tieftrauriges Werk. Durch diese Soloplatte habe er stimmlich sehr viel gelernt, sagt Kesseli. Als Folge davon habe er auch auf I Was In Love mit seiner Stimme viel mehr ausprobiert.
Was liegt noch drin?
Rund zehn Jahre ist es jetzt her, seit die beiden Musiker, die man in umgekehrten Rollen – Gallusser an der Gitarre und am Synthesizer und Kesseli am Schlagzeug – von Stahlberger kennt, Lord Kesseli and The Drums gründeten. Ihre doomig-rockigen, in einen dicken Schleier aus Hall und Nebel gehüllten Songs und die Konzerte, die wie okkulte Messen wirkten, lösten schweizweit ein positives Echo aus. Dieses hörte man auch im Ausland: 2020 fand sich das Duo plötzlich im Lineup für South by Southwest (SXSW), das jährlich stattfindende, weltweit grösste Showcase-Festival in Texas. Auch in Deutschland waren bereits grössere Konzerte geplant. Doch dann kam die Coronapandemie, und all die Pläne stürzten wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Was ist jetzt, fast vier Jahre später, vom Traum vom internationalen Durchbruch geblieben? «Den Newcomer-Bonus haben wir nicht mehr, den Jugendbonus ohnehin nicht, und gendermässig sind wir auch eher langweilig», sagt Michael Gallusser. Zudem habe sich das ganze Business durch die Pandemie grundlegend verändert. «Die einzigen Argumente, die wir haben, sind die Musik an sich und unsere Livequalitäten.»
Grundsätzlich müsste das ja reichen. Es ist mehr, als viele andere Bands in diesem Land in die Waagschale werfen können. Die Probe lässt das einen am ganzen Körper spüren: Man sitzt mittendrin und wird mitgerissen von dieser Musik, in der man ertrinken möchte.
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.