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Gilg, das Atom und die Frauen

Literaturschauplatz St.Gallen: Die Kellerbühne holt mit einer szenischen Lesung den St.Galler Roman «Parsifal» von Hans Rudolf Hilty (1925–1994) aus der Vergessenheit. von Daniel Fuchs
Von  Gastbeitrag

Umtriebig war er und prägend für die hiesige Literaturszene in der Nachkriegszeit. In der von ihm gegründeten Zeitschrift für moderne Dichtung «hortulus» gelang es Hans Rudolf Hilty zwischen 1951 und 1964, praktisch alle zeitgenössischen Stimmen von Rang und Namen in Erstdrucken zu versammeln. In Zusammenarbeit mit 
dem Tschudy-Verlag gab er die «Quadratbücher» heraus.

Schriftstellerisch betätigte sich Hilty in allen literarischen Sparten. Er verfasste Lyrik, Prosa und Theaterstücke. Dafür wurde er 1986 für sein Schaffen mit dem St.Gallischen Kulturpreis gewürdigt.

«Gymnasiales Gemüse»

Familienname: Gilg. Vorname: Ekkehard. Sohn bürgerlicher Eltern aus einer bürgerlichen Stadt, aufgewachsen in der Dienstwohnung des Stadtbibliothekars, 40-jährig, Junggeselle, Klavierlehrer, Bach-Liebhaber, Studentenname Parsifal, verzehrt eine atomar verseuchte Thunfischkonserve. In der Folge leidet er an «radioaktivem Unwohlsein» und Weltekel und vertieft sich ins Studium der Atomphysik.

Sein Studienkollege Hermann Schlumpf vulgo Trotzki, erzliberal, verschafft ihm einen Kompositionsauftrag des Stadttheaters. Gilg soll eine Ballettmusik nach Saint-Exupérys Der kleine Prinz schreiben. Die junge Solotänzerin Rahel Aubépine soll diesen verkörpern. Er verliebt sich in sie.

In sieben Heften protokolliert Ekkehard Gilg seinen
 Kampf gegen die Bedrohung durch das Atom, gegen die Vereinnahmung durch seinen politisierenden Freund. Er notiert 
sein Ringen um einen der Zeit angemessenen künstlerischen Ausdruck und sucht nach einer ernsthaften Liebe.

«Man möge sich das Jahr 1957 als Zeit der Handlung vorstellen», heisst es im Vorspann. In der Tat wird der Leser in die Zeit des Kalten Krieges versetzt. Kernphysik, Versuche mit atomaren Megabomben, die sich ankündigende Raumfahrt, führen zu einem «vierdimensionalen» Weltbild.

Parsifal-Autor Hans Rudolf Hilty

Es ist stofflich viel, was Hilty in seinen Roman hineinzwingt, und das macht die Lektüre stellenweise harzig. Wir geben
 dem Autor Recht, wenn dieser sich in der Rückschau selbstkritisch äussert: «Ich empfinde heute, dass noch etwas gymnasiales Gemüse darin ist; es gibt noch manches, das ich einmal streichen würde, nicht das Zeitbezogene, sondern gewisse Gefühligkeiten.»

Anita, Lilian, Silke, Marion, Regula, Rahel – ein Reigen von Frauen kreuzt den Weg des Protagonisten. Hier würde ein kritisches Lektorat dem Roman sicher gut tun.

Parsifal, ein St.Galler Roman?

Parsifal, ein Musikerroman? Die Kapitelung in «Die sieben Hefte des Musikers Ekkehard Gilg» lassen das vermuten. Es ist ein langer Weg für einen, der noch nie eine Note geschrieben hat, zu einer «Meta-Tonalität», einer Neuen Musik, die sich in Parallelität zur neuen Physik orientiert. Glaubwürdig nachvollziehen lässt sich die musikalische Entwicklung Gilgs im Roman aber nicht.

Für Gilg werden Paul Klees Tagebücher und Kandinskys Schrift Das Geistige in der Kunst zu Quellen von Inspiration und Befreiung. Ob Der kleine Prinz, als geplantes Gesamtkunstwerk aus Wort, Musik und Tanz, instrumentiert für Flöte, Vibraphon, Xylophon und Klavier und Sprechstimmen, je komponiert werden wird?
 Der Roman lässt das offen.

Der Auftrag oder Ekkehard Gilgs Häutung.
 Szenische Lesung nach Parsifal von Hans Rudolf Hilty: 14., 16., 18. Mai, 20 Uhr, Kellerbühne St.Gallen

kellerbuehne.ch

Ist Parsifal ein St.Galler Roman? Der Lektüre eines teilweise vor Ort angesiedelten Romans ist immer etwas Geschmäcklerisches beigemischt. Man hat das alte Stadttheater am Marktplatz noch in Erinnerung. Ist das «Milster» das Café Seeger? Warum heisst der Theaterdirektor ausgerechnet Karl Hummel? Nur ist es so, dass die Stadt nicht erwähnt wird und einige Dinge bewusst auch topografisch nicht stimmen. Die Erfahrungen in Bezug auf St.Gallen seien mehr von der Atmosphäre ausgegangen, sagt Hilty 30 Jahre später.

Dazu ein pikantes Detail: Auf Seite 44 heisst es im Roman: «Nun wollten die Schwarzen den Auftrag schon wieder dem Domkapellmeister zuschanzen, der doch in den letzten Jahren drei Viertel aller Kompositionsaufträge in unserer Stadt bekommen hat.» Der hier Schreibende kann aus privatester Quelle vermelden, dass Domkapellmeister Johannes Fuchs nie komponierte!

Anstoss für eine Neuauflage?

Nachspiel: Hans Rudolf Hilty engagierte sich für die damalige Atomwaffenverbots-Initiative. «Beim St.Galler Tagblatt, wo ich regelmässiger Mitarbeiter war, hat man mir das übelgenommen. Das ist nicht St.Gallen; das St.Galler Tagblatt ist auch damals nicht St.Gallen gewesen, nur war es einer meiner Brotgeber», räsoniert er 1987, längst nach Zürich weggezogen.

Der Buchstadt St.Gallen wäre es jedenfalls würdig, über eine Neuedition des Romans nachzudenken. Hilty hat dazu in einem Interview in der Zeitschrift «Noisma» gesagt: «Wenn der Parsifal wieder aufgelegt werden könnte – und ich möchte eigentlich eine Taschenbuchausgabe, nicht eine Neuauflage des Leinenbandes –, dann würde es von mir aus so heissen: Parsifal. Protokoll einer Häutung.»

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

Alexandre Pelichet, Matthias Peter und Simone Stahlecker bei der szenischen Lesung, im Hintergrund Pianist Urs Gühr und der Schauplatz des Romans: das alte Stadttheater am Bohl. (Bild: Kellerbühne)

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