Seine Stimme zu erheben, konnte den Tod bedeuten. «Tagsüber müssen wir auch immer sehr leise gehen und leise sprechen, denn im Lager dürfen sie uns nicht hören», schreibt sie in ihrem Tagebuch unter dem 11. Juli 1942. So stumm sie im Versteck sein musste, so eindringlich und mit unverminderter Dringlichkeit klingt Anne Franks Stimme bald 80 Jahre nach ihrem Tod noch immer.
Anne Frank – A Living Voice: So nennt die US-Komponistin Linda Tutas Haugen denn auch ihre Komposition auf Texte aus Anne Franks Tagebuch. 2013 haben die Frauenstimmen St.Gallen das Werk unter grosser Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zur europäischen Erstaufführung gebracht. Am vergangenen Wochenende erklang es erneut vor vollen Reihen in der Christuskirche St.Gallen sowie in Zürich und Bern.
Entsetzen und Hoffnung
In der kostbaren Besetzung für Frauenchor und Streichquartett macht die Komponistin Anne Franks Stimme als wogenden, weit ausladenden Klagegesang lebendig. Sie verzichtet dabei auf vordergründige Ausmalungen des Texts, lässt die Spannung vielmehr hintergründig beben, die beklemmende Stille, die Furcht vor dem Entdecktwerden.
Die dramatischen Höhepunkte gibt es dann auch, wie den vielstimmigen Chor-Aufschrei, wenn Anne von den auseinandergerissenen Familien schreibt, vom «ganzen Erdball», der Krieg führt – und dann die plötzliche Ruhe umso erschütternder klingt zu den Worten «All we can do is wait»: Warten auf den Tod.
Mehr zu den Frauenstimmen: singschule.ch
Die Sängerinnen des Frauenchors der St.Galler Singschule lassen die reibungsvolle Partitur mit ihrer moderat erweiterten Tonalität mit grosser Sicherheit aufblühen. Fast volksliedhaft und lebenszugewandt erklingen nach dem düsteren Auftakt das Hanneli-Kapitel und die kurze Liebesbegegnung mit Peter. In den hellen jungen Stimmen und ihren reinen Klängen ist Annes Lebensmut und Glaubensstärke unmittelbar spürbar. Und schmerzt umso mehr im Kontrast zu unserem Wissen um ihren Tod 1945 im KZ Bergen-Belsen.
Farbig zeichnet der Chor und das exzellent begleitende Manesse-Quartett auch die existentielle Zerrissenheit im Finale nach. In den Streichern rumort der «anrollende Donner» der Weltzerstörung, dem der Chor im Unisono sein «And yet…» entgegensetzt: Das grosse Aber, die Perspektive einer künftigen Zeit in Frieden.
Glasklar
Dem gewichtigen Hauptwerk des Abends stellte Dirigent Bernhard Bichler weitere textlich und musikalisch engagierte Stücke voraus. Zum Auftakt erklangen, wiederum mit Streichquartett, die fünf hebräischen Love Songs von Eric Whitacre, sorgfältig gestaltete Chorminiaturen in farbiger Bildlichkeit: Schneeflocken taumeln, Küsse lachen, die Liebe singt verhalten, ohne überzuschäumen.
In himmlische Stimmhöhen führte dann ein Schon-beinah-Klassiker der zeitgenössischen Chormusik, Stars des lettischen Komponisten Erik Esenvalds. Den Stimmencluster, unterlegt mit sirrenden Wassergläsern, zelebrierte der Chor als reine Klangekstase. Das Programm komplettierten zwei sperrigere Werke: David Langs jiddische Silbenetüde I Lie und die Sztrikierynka des St.Galler Komponistentrios Widring, Mijnssen und Wiener auf einen Text von Laura Vogt. Der poetische Text über ein Paar Strümpfe, das von Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück für deutsche Soldaten hergestellt wurde, war Teil der Uraufführung Auf der Haut am Jubiläumskonzert der Singschule 2023.
Frauenchöre gibt es in der Region wenige – und wohl kaum einer ist so auf der Höhe seiner stimmlichen Fähigkeiten und der zeitgenössischen Chormusik wie die Frauenstimmen der Singschule. Das Publikum applaudierte den «Living Voices» denn auch begeistert.
Chorleiter Bernhard Bichler, Co-Vereinspräsidentin Barbara Nef und Frauenstimmen-Sängerin Vera Blaser sprechen im Jubiläumsinterview der St.Galler Singschule über die Wichtigkeit des Singens, den Wert klassischer Musik und Demokratieprobleme im Chorwesen. Von Roman Hertler und Peter Surber
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