Was ist eigentlich los mit unserer Welt? Und mit uns? Wer bestimmt überhaupt, was los ist? Und wieso sagen so wenige etwas? Fällt alles auseinander? Und ist alles möglich? Wie sieht man das auf einem anderen Kontinent? Unsere Zeit und uns? – In schönstem Berndeutsch fragt uns das die Stimme aus dem Off zu Beginn von Contradict. Das wars dann aber mit dem heimeligen Akzent, ab jetzt wird Englisch gesprochen. Viel gesprochen. Dinge ausgesprochen, die man vielleicht auch schon gedacht hat, aber nicht unbedingt laut.
2013 in Ghanas Hauptstadt Accra. Die FOKN Bois streifen mit einem gelben Kanister durch die Strassen und sammeln Geld für Uncle Sam. «Help America! Help Amercia!», rufen sie. Sie müssten nämlich schon jetzt mit dem Spendensammeln beginnen, erklären sie, da Amerikas Schulden und Defizite so enorm seien. Bis das bodenschatzreiche Afrika in einigen Jahren zur neuen Weltmacht aufgestiegen sei, müsse einiges zusammenkommen, sonst sei Amerika verloren.
Provokation oder Prophezeiung? Keine Ahnung, Spass macht es jedenfalls. Die FOKN Bois, das sind Wanlov The Kubolor und M3nsa, machen nur Andeutungen: Ihre Musik sei eine Art Selbsttherapie. Ihre Witze dazu da, um gesund zu bleiben. Wichtig sei ihnen, jene Dinge laut zu sagen, die andere nur denken. Sie seien nie dazu erzogen worden, patriotisch zu sein wie die Amis, sagt Wanlov einmal, sie seien dazu erzogen worden, sich ein Visum zu organisieren, um schnellstmöglich in den Himmel, to heaven, zu kommen. Der Mann weiss, wie man mit dem Western Gaze, dem westlichen Blick, spielt.
Brandnew hair, brandnew society
Accra 2017. M3nsa und Wanlov, die Sängerin Adomaa und die Rapper Worlasi, Akan und Mutombo Da Poet sitzen auf farbigen Stühlen draussen und diskutieren über den Zustand Ghanas und der Welt. «Wer Geld hat, kann alle ficken», sagt Akan mit Blick auf die Eliten dieser Welt. Und Mutombo Da Poet versucht mit gesundem Menschenverstand eine Bilanz oder besser: einen Vergleich der weltweiten Missetaten zu ziehen. Spoiler: Amerika kommt schlecht weg.
Diese Gesprächsrunde ist ein roter Faden des Films. Die Stimmung ist nicht mehr so ausgelassen wie vor vier Jahren, eher gedämpft. Die Künstlerinnen und Künstler sind wütend. Vor allem M3nsa wirkt nachdenklich. Ihr Protest sei immer noch leidenschaftlich, sagt er, aber weniger leichtfüssig. Später wird er einer Radiomoderatorin erklären, dass er die sozialkritischen Songs nach zehn Jahren endgültig satt habe und künftig mehr Bottom Songs, mehr Arschwackelsongs machen werde, jetzt, da er Familie habe. Ernstgemeint oder nicht? On verra.
Adomaa und die Fokn Bois live: 1. Februar, Kulturpunkt Flawil
kulturpunkt-flawil.ch
Die Männer nehmen viel Raum ein zu Beginn des Films. Dann kommt Adomaa und singt über ihre Haare, über ihre Bantuknoten, Twists und Sisterlocks. Wer reflexhaft denkt, das habe nichts mit Politik zu tun, irrt. Ihre Lyrics sind durchaus politisch zu verstehen, nicht zuletzt, weil schwarze Frauen immer noch einer Art Frisurzwang ausgesetzt sind. Bis heute wird teilweise von ihnen erwartet, dass sie ihre Haare strecken und glätten. In den USA und Südafrika sind Afros und Dreadlocks in Schulen oder am Arbeitsplatz teilweise bis heute verboten. Im Kontext des Kolonialismus und Sklavenhandels standen sie für Unvollkommenheit und Primitivität. Adomaas Haare sind darum ein wuchtiges Statement, buchstäblich.
Allgemein ist es aufschlussreich, wenn sie über Feminismus spricht. Adomaa denkt nicht in Dekaden wie viele andere das tun, sie denkt viel langfristiger und versteht sich als Teil eines grösseren, generationenübergreifenden Movements. In den nächsten tausend Jahren, das werde sie wohl nicht mehr erleben, werden die Frauen das Ruder übernommen haben, weiss sie. «Brandnew hair, brandnew Me, brandnew society» möchte man ihr am liebsten zurufen, angelehnt an ihren eigenen Refrain. Eine ebenfalls grossartige Szene, die bestens zum Thema passt: Wie die ghanaische Genderministerin die Chromosomen erklärt.
Contradict von Peter Guyer und Thomas Burkhalter ist an den Solothurner Filmtagen für den «Prix du public» nominiert und zu sehen (26. Januar, 17:45 Uhr (Premiere) und 28. Januar, 17 Uhr). Ab Ende Januar läuft Contradict in den Kinos.
solothurnerfilmtage.ch
Sehenswerte postkoloniale Mischung
Und dann ist da noch das Ding mit der Kirche. Hunderte ekstatisch verzückter Frauen lauschen andächtig einem schicken Prediger. Dieser verteilt Empfängnis-Cookies, die sogar unbefleckt wirken sollen, geht es nach ihm und seiner Megakirche. Dieses Einlullen mittels Religion wird von M3nsa und den anderen immer wieder kritisiert. Nicht unbedingt der Glaube an sich. Dazu haben sie einen ziemlich abgeklärten und pragmatischen, manchmal ironischen Bezug. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn sie mit der Pfingstgemeinde gemeinsam auf Donald Trump eindreschen. Oder wenn es in der Hook heisst: «Take my Jesus, give me something better.»
Alles in Allem zeichnet Contradict ein recht ambivalentes Bild von Ghana, wie der Titel schon vermuten lässt. Hier die leichtgläubige Gemeinde, dort die aufgeklärten, aktivistischen Kulturschaffenden. Hier der besorgte Boomer, dort seine Tochter Adomaa, die ein völlig anderes Arbeitsverständnis hat. Der Film stösst zahlreiche Fenster auf und lässt auch einige zerspringen. In den Scherben spiegeln sich Kapitalismus, Social Media, musikalische Kolonialisierung, Plastikwahn, Depressionen, protestantischer Arbeitsethos oder auch Sexroboter.
Eine sehenswerte postkoloniale Mischung – und vor allem eine hörenswerte, sowohl textlich als auch musikalisch. M3nsa, Wanlov, Adomaa, Worlasi, Akan, Mutombo Da Poet und Poetra Asantewa haben eigens für diesen Film alle Songs geschrieben und die Videoclips dazu produziert.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung