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Hoi Liechtenstein

Gibt es ihn, den «Bodenseeraum»? Und wie funktioniert er? Aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums der IBK publiziert Saiten, in Kooperation mit anderen Magazinen um den See, eine Reihe von «Gebrauchsanweisungen» für die unterschiedlichen Regionen. Hier der Beitrag über das Fürstentum Liechtenstein. Von Anita Grüneis
Von  Gastbeitrag
Burg Liechtenstein ob Vaduz. (Bild: wikimedia)

«Oben am jungen Rhein / Lehnet sich Liechtenstein / An Alpenhöh’n», heisst es in der Liechtensteiner Nationalhymne. Die Musik dazu ist identisch mit jener der britischen Hymne. Damit ist das Land auch schon in seinen Grundzügen charakterisiert – es ist eine Monarchie, der Rhein bildet die fliessende Grenze zur Schweiz, mit der man seit 100 Jahren auch die Währung teilt. Das Land selbst lehnt sich an 32 Berge an, von bis zu 2’599 Metern Höhe. Es lehnt sich – wohlgemerkt – nur an, ist also autonom.

Mit seinen 160 Quadratkilometern ist das Fürstentum der viertkleinste Staat Europas und der sechstkleinste der Welt. Die meisten der 38’600 Einwohner begrüssen sich mit einem kurzen «Hoi». Zum Fürsten sagen die Kinder denn auch schon mal «Hoi Fürscht». Erwachsenen wird eher empfohlen, ihn mit «Eure Durchlaucht» anzureden, was den derzeit regierenden Fürsten Hans Adam II aber wenig kümmert. Er ist im Land aufgewachsen und besuchte mit seinen zukünftigen «Untertanen» die Volksschule. Sein Vater, Franz Josef II, hatte zuvor, im Jahr 1938, als erster Fürst von Liechtenstein den familiären Wohnsitz von Wien auf Schloss Vaduz verlegt.

«Wem ghörsch?» ist bis heute eine wichtige Frage, weil die politische Zugehörigkeit innerhalb der Familie wie ein Totem weitergegeben wurde.

Das Duzen ist in Liechtenstein alltäglich. Auch in Betrieben duzt man sich bis zur Chefetage. Wer geduzt wird, der gehört dazu. Man kennt sich eben, wie es im Dorf üblich ist. Und Liechtenstein ist ein internationales Dorf, vieles ist gleich staatspolitisch, die Wege sind kurz. Nicht mal zum Studieren muss man ins Ausland, man hat selbst eine staatliche Universität. Eine private noch dazu.

Und wer sich vergnügen will, dem stehen neuerdings sechs Spielcasinos zur Verfügung. Vier weitere sind in Aussicht. Damit rollt der Franken. (Mehr dazu hier). Wie früher, als begüterte Menschen aus aller Herren Länder im kleinen Fürstenland ihr Geld in Stiftungen und Gesellschaften bunkerten. Anonym versteht sich. Und natürlich gegen Gebühr, zur Freude von Treuhandbüros und Banken. Das ist mittlerweile aber vorbei, weil ein Mitarbeiter der fürstlichen Bank LGT die Daten von Kund:innen an ihre Heimatländer verkaufte. Seitdem herrscht im Land bezüglich fremden Geldern «Sorgfaltspflicht».

Das Land selbst ist über 300 Jahre alt, Fürst Hans Adam kaufte 1699 die Herrschaft Schellenberg, das heutige Unterland, und dreizehn Jahre später die Grafschaft Vaduz, das Oberland. Am 23. Januar 1719 wurden die beiden vereinigt und das Fürstentum Liechtenstein war geboren. Sein Besitzer blieb aber fern, auf seinen Schlössern in Österreich. Die Liechtensteiner:innen lebten unter sich. Hauszeichen zeigten an, welche Familie in einem Haus oder auf einem Hof lebte.

«Wem ghörsch?» ist bis heute eine wichtige Frage, weil die politische Zugehörigkeit innerhalb der Familie wie ein Totem weitergegeben wurde. Man war schwarz (Fortschrittliche Bürgerpartei FBP, seit 1918) oder Rot (Vaterländische Union VU seit 1936). Aus diesen Parteien speiste sich der Landtag mit seinen 25 Sitzen. Im Jahr 1985 kam dann die Freie Liste (FL) dazu, 2012 folgten die Unabhängigen (DU) und 2018 die Demokraten pro Liechtenstein (DPL).

Frauen hatten lange nichts zu melden. Erst 1984, als letztes Land in Europa, wurde das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt, arschknapp, mit 51,3 Prozent aller männlichen Stimmen. Eine weibliche Thronfolge ist nach den Hausgesetzen der Fürsten von Liechtenstein aber nach wie vor nicht in Sicht. Dafür hat der Fürst laut Verfassung bei allen Gesetzen ein exklusives Vetorecht.

Wenn früher ein junger Mann ernsthafte Heiratsabsichten hatte, dann fragte er als erstes: «Häsch Bödä?» (Hast du Grundstücke?) und die Folge-Frage war meist: «Muasch tala?» (Musst du dein Erbe teilen?). Damit war der Marktwert der Braut gegeben, denn rund die Hälfte des liechtensteinischen Staatsgebietes ist Gebirge und nur elf Prozent sind Siedlungsraum.

Grand Casino Liechtenstein. (Bild: pd)

Liechtenstein ist pro Kopf gerechnet das höchst industrialisierte Land Europas und bietet fast 40’000 Arbeitsplätze – also fast genau so viele, wie es Einwohner hat. Zum Glück sind zwei Länder ganz nahe. Aus der Schweiz und aus Österreich kommen jeden Tag rund 20’000 Pendler:innen zur Arbeit, was eine Menge Verkehr mit sich bringt.

Aber es werden Lösungen gesucht, denn der Franken rollt in den Casinos und spült dem Staat jährlich Millionen in die Kasse. In Abwandlung des österreichischen Spruchs «Tu felix Austria nube» heisst es in Liechtenstein derzeit: «Tu felix Liechtenstein lude!»

Anita Grüneis, 1947, ist Journalistin und Autorin in Liechtenstein.

Weitere «Gebrauchsanweisungen» erscheinen im Lauf des Monats auf saiten.ch. Eine Kooperation von Saiten mit seemoz Konstanz, Kulturzeitschrift Vorarlberg, thurgaukultur.ch und Akzent-Magazin Bodensee-Oberschwaben.

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