Strenggläubige Studierende haben an der Fachhochschule St.Gallen (FHS) für Wirbel gesorgt: Wie Saiten Ende März berichtete, hatten sie unter anderem homosexuelle Komillitonen beleidigt und sich dabei auf Gott berufen. Dieser sei gegen Homosexualität. Auch Scheidungen oder Sexualaufklärung in der Schule wurden von Strenggläubigen mit Verweis auf religiöse Grundsätze kritisiert, wie mehrere Studierende berichteten. Zudem zeigten sie sich erstaunt, wie viele Studierende der Sozialen Arbeit offenbar Mitglieder von Freikirchen sind. «Ich schätze den Anteil auf 15 bis 20 Prozent», sagte eine Studentin.
Kritisiert wurde auch, dass die Studiengangleitung zum Thema seit Jahren schweige: «Es gibt keine Diskussion darüber, keine offizielle Haltung», so die Studentin. Auch die Studierendenorganisation Soziale Arbeit (SOSA) zeigte sich kritisch: Wer wolle, könne sich durchs Studium «durchschlängeln, ohne je Farbe zu religiösen, politischen und moralischen Grundeinstellungen bekennen zu müssen», sagten die Vertreter der Studierenden.
Doch nun haben die Verantwortlichen reagiert. Als Reaktion auf die Kritik wurde diese Woche ein Dokument mit dem Titel Grundsätze des Umgangs mit Diversität an der FHS St.Gallen im Intranet der Hochschule aufgeschaltet. Zu diesem haben alle Studierenden und Mitarbeitenden der Fachhochschule Zugriff.
Grosser Andrang und Kritik
Das Grundsatzpapier wurde zudem vergangene Woche in zwei Diskussionsveranstaltungen den Studierenden vorgestellt. Der Andrang war gross: FHS-Rektor Sebastian Wörwag und Barbara Fontanellaz, Leiterin des Fachbereiches Soziale Arbeit, sprachen dabei insgesamt vor rund 200 Studierenden.
Im fünfseitigen Papier, das für die breite Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, heisst es unter anderem: Studierende und Hochschulangehörige hätten «die Verpflichtung, Diskriminierungen und Herabwürdigungen jeglicher Art entschieden entgegenzutreten und sich für die Anerkennung von Diversität einzusetzen». Diversität – also etwa unterschiedliche Herkunft, politische Einstellung, Geschlecht – sei ein Potenzial für die Entwicklung der FHS-Kultur.
Im Papier wird aber auch auf konkrete Massnahme hingewiesen: So können Studierende und Mitarbeitende, die diskriminiert werden, sich an die Fachstelle Gender und Diversity wenden und ihre Beschwerden vorlegen.
Die SOSA begrüsst die Erarbeitung des Papiers grundsätzlich. Sie kritisierte aber bei dessen Vorstellung, dass die Schrift nicht vorher einsehbar war – und erarbeitet wurde, ohne die Studierenden einzubeziehen.
Kein Papiertiger
Laut Fachbereichsleiterin Barbara Fontanellaz soll aus dem Grundsatzpapier kein Papiertiger werden: «Wir nehmen die Anregungen von letzter Woche auf und schauen, was man wie umsetzen kann.» So sei etwa denkbar, dass das Zulassungsverfahren überprüft werde: Während man in diesem früher eine Art Vorstellungsgespräch absolvieren musste, um Soziale Arbeit studieren zu können, passiert heute alles schriftlich. Zudem muss ein Betrieb, in dem Studienwillige vorgängig gearbeitet haben, eine Empfehlung abgeben.
Geplant sei auch, den Umgang mit Diversität stärker in den Lehrveranstaltungen einzubeziehen, sagt Fontanellaz. «Dazu gehört, dass der Berufskodex der Sozialen Arbeit Schweiz immer wieder Thema ist – gerade auch, nachdem die Studierenden in Praktikas erste Erfahrungen im Beruf gesammelt haben.»
Der eingangs erwähnte Saiten-Artikel wurde von SRF3-Satiriker und Psychoanalytiker Peter Schneider aufgegriffen. Den Beitrag zum Nachhören gibts hier.
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