Eigentlich ist mein absolutes Lieblings-Verkehrsmittel der Zug. Genauer gesagt: der Voralpen-Express. Genau, diese alten Züge, die demnächst ausgemustert werden und durch denselben Einheitsbrei aus dem Hause Stadler ersetzt werden wie bald alle Züge im In- und Ausland. Wer den Voralpen-Express kennt, weiss, wo es sich bequem sitzen lässt, wo nicht allzu viele Leute einsteigen, auf welchem Streckenabschnitt die Aussicht links besser ist und wo rechts. Nur wenige stimmen mir zu, aber der Voralpen-Express ist das beste Stück öV, das die Schweiz zu bieten hat.
Der Voralpen-Express hat denn auch nur ein einziges Problem. Er fährt nur zwischen St.Gallen und Luzern. So gerne ich durch das verschneite Neckertal fahre, so gerne ich in Arth-Goldau in Richtung Tessin umsteige – bei der Gelegenheit: Ich will den Interregio über die alte Bergstrecke zurück! –, und so gerne ich von Luzern wieder wegkomme: Mit dem Aushängeschild der Südostbahn komme ich nicht überall hin, wo ich hin will. Und ich will eigentlich überall hin.
Was also tun, wenn das Verlangen nach einem England-Aufenthalt wieder einmal unerträglich wird? Was tun, wenn man sich asiatische Grossstädte anschauen möchte? Was tun, wenn man für den Geburtstag von Verwandten nach Kanada «muss»? Man fliegt. Und zugegeben, ich fliege im Vergleich mit den meisten ziemlich viel. Auch wenn ich nie auf den Gedanken käme, mich nur zum Erlangen eines Vielfliegerstatus einen Tag in den Flieger zu setzen – ja, das gibt es –, in einem Jahr sammeln sich in der Regel doch einige Flüge an.
Natürlich stelle ich mir da ab und an die Frage, ob sich dieser Lebensstil damit vereinbaren lässt, grundsätzlich der Umwelt Sorge tragen zu wollen. Und, seien wir ehrlich: Nein, das lässt es sich nicht. Ich weiss: Wenn ich einen Flug antrete, schade ich der Umwelt. Da kann ich noch so viele Zertifikate kaufen, der Flieger lässt dennoch Abgase in die Atmosphäre. Die Zeitung «Der Bund» hatte schon 2016 vorgerechnet, dass ein einzelner Ferienflug nach New York das Klima stärker belastet als ein ganzes Jahr Autofahren. Es bringt mir also auch nichts, dass ich kein Auto besitze und auch sonst wenn immer möglich nicht in ein Auto steige.
Die Haltung, dennoch zu fliegen, mag entsprechend egoistisch wirken. Aber ist sie das wirklich? Natürlich sind Reisen zuallererst für das eigene Wohlbefinden förderlich. Man erweitert wortwörtlich seinen Horizont. Das macht nicht nur Spass, das macht auch das Leben grundsätzlich interessanter, und dem einen oder der anderen würde das auch ganz guttun.
Man mag nun einwenden, dass teurere Flugpreise schnell dazu führen würden, die Anzahl Flüge zu reduzieren. Und da setzen CO2-Abgaben und dergleichen auch an. Aber umgekehrt: Wollen wir wirklich, dass sich Vermögende jeden Flug leisten können, dass die grossen Firmen ihr Personal über den Globus jetten lassen, während der Normalbürger seine Ferien immer zuhause verbringen muss?
Ruben Schönenberger, 1986, ist Journalist und eigentlich noch lieber an Flughäfen als im Flieger. Er lebt in St.Gallen. Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.