Kategorie
Autor:innen
Jahr

Mission accomplished

Geständnis Nummer 4 aus unserem Februarheft zum Thema #guiltypleasures: Territorium, Taktiken, Truppengattungen – Ich «spiele» gerne Krieg.
Von  Etrit Hasler

Es gibt eigentlich nichts, das mir peinlich ist. Aber manche Dinge muss ich zumindest erklären, wenn sie zum Thema werden, weswegen ich sie lieber einfach verschweige. Das ist eins davon: Ich spiele gern Kriegsspiele.

Bevor ich jetzt schon die Ersten «Killergames!» brüllen höre – ich kann euch beruhigen: Ego-Shooter, also Games, bei denen man als Soldat durch die Gegend rennt und
 nach allem ballert, was sich bewegt, wie Counter Strike oder Call of Duty sagen mir gar nichts. Weniger, weil mir die Vorstellung nicht behagt, auf ein 3D-Bild zu schiessen, das wie ein Mensch aussieht. Seien wir ehrlich – wenn das
 Bild aussieht wie ein insektoider Alien, macht es das auch nicht besser.

Meine Vorliebe sind Simulationen – als grosser General Einheiten durch die Gegend schieben, Aufklärungsmissionen starten, einen übermächtigen Gegner mit Nadelstichen und Finten ärgern, logistische Netzwerke aufbauen, Nadelöhre und Brückenköpfe schaffen und, natürlich, zum Schluss einen triumphalen Sieg einfahren.

Die Ära ist mir dabei ziemlich egal: Ob römische Legionen, ob mittelalterliche Ritter und hellebardenschwingende Bauern, japanische Samurai, Space Marines im 41. Jahrtausend oder gar US-Marines in Afghanistan – jeder Konflikt bietet eine andere intellektuelle Herausforderung, eigene Voraussetzungen an Territorium, Taktiken, Truppengattungen.

Natürlich drängt sich die Frage auf: Ist das pietätlos? Ist es möglich, ein bisschen «Krieg zu spielen» mit deutschen Panzern in Frankreich und dabei die Verbrechen der Wehrmacht und des Nazi-Regimes einfach zu verdrängen? Natürlich nicht. Die einzigen, die behaupten würden, dass Krieg ohne Emotionen geführt werden kann, ohne die immer damit einhergehenden Schrecken präsent zu haben, sind jene,
 die Krieg führen oder damit drohen.

Ich habe 1994 ein Austauschjahr bei einer US-Army-Familie verbracht. Beide meiner Gasteltern dienten noch – Steve war als Oberstleutnant bei der Militärstaatsanwaltschaft tätig, Mary als Oberst im grössten Militärspital der USA. Beide hatten sie in Vietnam gedient, und Mary wäre um ein Haar in den Irak entsandt worden. Einer der Gründe, dass ich politisiert wurde, waren die langen, heftigen Diskussionen, die ich mit diesen Menschen führte. Über die Sinnlosigkeit
 des Vietnamkriegs und des ersten Irakfeldzugs (lange bevor die USA dieselbe Gegend erneut über Jahrzehnte hinaus destabilisierten). Und obwohl ich in diesen Diskussionen einen gewissen Respekt lernte für Menschen, die bereit
 sind, ihr Leben in einem bewaffneten Konflikt aufs Spiel zu setzen, haben sie mich nur in der Meinung bestärkt,
 dass Krieg grässlich ist. Immer. Und dass es ihn um fast jeden Preis zu vermeiden gilt. Ich sage absichtlich: «fast».
 Nur wenige Jahre nach meinem US-Aufenthalt bombardierten dieselben US-Streitkräfte Belgrad. Und meine Grosseltern hätten den Jugoslawienkrieg nicht überlebt, wenn diese Bomben nicht gefallen wären.

Doch die Abneigung hat die Faszination nicht gebrochen. Ich weiss wenigstens ein bisschen, worum es geht, wenn Menschen über den Kauf von neuen Kampfjets
reden. Zumindest virtuell habe ich auch schon eine Staffel Gripen in die Luft geschickt. Klingt das lächerlich? Natürlich. Aber welcher selbsternannte Sicherheitspolitiker weiss denn wirklich mehr über militärische Logik, bloss
 weil er ein paar hundert Tage mit dem Gewehr durch den Schlamm gerobbt ist, ohne dass dabei jemand mit scharfer Munition auf ihn geschossen hat? Kein Wunder, sind es meist ehemalige Unteroffiziere, die dann behaupten, Flüchtlinge aus Kriegsgebieten seien einfach zu feige, um zu kämpfen.

Kein Spieler und auch kein Rekrutenschüler weiss,
was es wirklich bedeutet, nicht mehr über Wiesen gehen zu können aus Angst vor Minen. Von Hauseingang zu Hauseingang zu huschen aus Angst vor Scharfschützen. Die erschütternde Monotonie von Artilleriefeuer aushalten zu müssen. Und vielleicht ist es gerade deswegen so schockierend, wenn mir immer wieder auffällt, dass jene, die so gerne über
 Militär und Krieg reden, sich das nur wie ein Spiel vorstellen.

Im Spiel endet der Kampf mit Sieg oder Niederlage. Danach heisst es wie bei George W. Bush: «Mission accomplished». In der Realität dauert es Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, bis die Narben eines Krieges verheilt sind. Und wer diesen Unterschied nicht kennt, sollte nicht über
 Krieg und Frieden bestimmen dürfen.

Etrit Hasler, 1977, ist Slampoet, Kantonsrat und manchmal Bezwinger der Tyranidhorden von Gladius. Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10