Es ist eines der grössten sozialen Verbrechen der Schweiz im 20. Jahrhundert: Das sogenannte «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse». Die Pro Juventute hatte während eines halben Jahrhunderts jenische Kinder verfolgt, ausgebeutet und ihren Eltern weggenommen.
Jenische in der Schweiz – Veranstaltungsreihe der Erfreulichen Universität und der Bildungsgemeinschaft St.Gallen im Palace. Beginn jeweils 20:15 Uhr:
5. April: Zigeuner – eine packende Recherche. Lesung und Gespräch mit Isabella Huser, Musik: Toni Huser
12. April: Entwurzelt und zwangsversorgt. Gespräch zur rassistischen Verfolgung der Jenischen durch Pro Juventute
19. April: Jenische Reise. Lesung und Gespräch mit Willi Wottreng
26. April: Unerhört Jenisch. Filmvorführung der Dokumentation der Regisseurinnen Martina Rieder und Karoline Arn
Vor 50 Jahren hat Reporter Hans Caprez den Skandal im «Beobachter» öffentlich gemacht. Die Pro Juventute war damals von rassenhygienischen Motiven getrieben. Sie hat jenische Kinder ihren Familien entrissen, um sie vor dem «asozialen Lebenswandel» zu schützen, dem sie angeblich ausgesetzt waren. Die Fremdplatzierungen, Zwangsadoptionen und Ausbeutungen hatten ungeheuerliche Auswirkungen für die Betroffenen.
Am 12. April diskutieren darüber im Palace Historikerin Sara Galle, Uschi Waser, Präsidentin der Stiftung «Naschet Jenische» und «Beobachter»-Chefredaktor Dominique Strebel. Mit dabei ist auch Journalist Hans Caprez, der den Skandal 1972 aufdeckte. SP-Sekretär und Historiker Marco Dal Molin moderiert das Gespräch.
Auf der Spur der eigenen Familiengeschichte
In ihrem Buch Zigeuner spürt Autorin Isabella Huser ihrer Familiengeschichte bis ins 18. Jahrhundert nach. Als Handelsreisende mussten ihre Vorfahr:innen schon immer gegen den gesellschaftlichen Ausschluss kämpfen. Anfang des 20. Jahrhunderts geriet auch ihre Familie ins Visier der Pro Juventute und entkam dieser nur knapp.
Isabella Huser
«Fahrende» seien sie nur gewesen, weil sie vor dem «Hilfswerk» fliehen mussten. Huser spricht daher lieber von «Zigeunern», «Reisenden» oder einfach von «unseren Leuten». Ihre Familiengeschichte ist aber nicht nur eine der Verfolgung, sondern auch eine der Musik. Ihre Grosseltern gründeten die «Huserbuebe», die den Schweizer Ländler entscheidend mitgeprägt haben. Heute Abend liest Huser aus ihrer beeindruckenden Recherche, die sie unter anderem auch in den Kanton St.Gallen führte. Weil dabei auch die Musik nicht fehlen darf, spielt ihr Bruder Toni Huser einige Stücke auf dem Akkordeon.
Romanlesung und Filmvorführung
Am 19. April liest Willi Wottreng aus seinem Buch Jenische Reise, das die Geschichte von Anna, einer Jenischen auf ihrer Reise durch die Jahrhunderte, erzählt. Eine Geschichte im Zwielicht zwischen Fantasie und Wirklichkeit, die von Lothringen nach Ungarn, von Antwerpen nach Thessaloniki und in die Schweizer Alpentäler führt.
Klaus-Michael Bogdal, der deutsche Literaturwissenschaftler und Autor von Europa findet die Zigeuner, schrieb über Wottrengs Buch, er bringe den Leser:innen die Lebensweise der Jenischen näher, ohne sie zu romantisieren oder zu Opfern zu verkleinern. Mit Wottreng spricht im Palace Pius Frey.
Am 26. April schliesslich wird das Palace wieder einmal, was es einst war: ein Kinosaal. Zum Abschluss der Themenreihe wird die feinfühlige Dokumentation Unerhört Jenisch gezeigt. Darin spüren die Regisseurinnen Martina Rieder und Karoline Arn den Geschichten Jenischer Familien in der Schweiz nach. Zum Beispiel jene der einst zugewanderte Familien Moser, Waser und Kollegger. Der Film handelt von der Musik mit dem besonderen «Zwick», von Familientradition, aber auch von den Zeiten, als die Jenischen behördlich registriert und diffamiert wurden.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
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Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
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Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
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