«Wald. Anders als in der Stadt oder sonst im Getümmel, wo es Beton, Raumplanung und Zivilisation gibt, findet man hier keine vorgeschriebenen Wege, keine Fussgängerstreifen, keine weiss markierten Fahrbahnen oder Traversen. Zumindest keine sichtbaren. Man wählt seinen Weg selber. Alle nehmen ihren eigenen Weg, um vom Dickicht zur Lichtung zu gelangen, nicht wie in der Stadt oder im Dorf, wo alles vorgezeichnet, abgesteckt und installiert ist.
Ich heisse Linus Lutz, bin 1994 geboren und war im ersten Jahrgang des St.Galler Waldkindergartens. Sechs Jahre verbrachte ich da, von der Spielgruppe bis und mit zweite Klasse. Meine Mutter hat das pädagogische Konzept geschrieben, den Waldchindi also quasi miterfunden.
An viel kann ich mich nicht mehr erinnern, nur an einzelne Szenen. Zum Beispiel an den Morgenkreis und daran, wie wir zusammen gekocht oder auf dem Waldsofa Znüni gegessen haben. Und dann war da noch dieser «Unfall»: Ich habe die Stange einer Strassentafel abgeleckt. Natürlich ist die Zunge kleben geblieben. Es hat ziemlich geblutet, haha, da blieb ein ganzer Blätz hängen.
Ernsthafte Unfälle gab es nie. Manchmal hat sich jemand beim Schnitzen geschnitten oder ein paar blaue Flecken davon getragen. Am Anfang haben mich meine Eltern jeden Morgen zum Trogenerbähnli gebracht, später bin ich alleine gefahren. Ich vermisse das orange Trogenerbähnli. Da gab es einen bestimmten Platz, wo immer alle sitzen wollten – im Gang. Weil wir durften ja mit unseren Dreckkleidern nicht die Polster verschmutzen.
Ich bin immer sehr gerne in den Wald gegangen. Der Winter war recht speziell. Wir haben jedes Jahr riesige Schneerugel gemacht und sie den Hügel hinunter rollen lassen. Oder wir konnten nicht in den Wald, weil es zu früh geschneit hat und die Äste so schwer waren, dass sie abgeknickt sind. Dann wollten wir immer den Bäumen helfen und haben sie geschüttelt.
Die Frage, ob man bei diesem Wetter nach draussen will oder nicht, stellte sich für uns gar nicht. Es war normal, jeden Tag raus zu gehen. Heiss oder kalt war nicht wichtig in diesem Alter. Der Sommer war natürlich schon cool, weil man dann alles brauchen kann im Wald. Die Stecken, die Äste, das Laub. Im Winter sind sie unter dem Schnee. Dafür hat man den Schnee. Manchmal war es schon anstrengend im Winter, kalt und nass – aber nie so, dass ich nach Hause gewollt hätte.
Rückblickend glaube ich nicht, dass ich ein spezielles Verhältnis zur Natur entwickelt habe wegen dem Waldkindergarten, aber das ist wohl von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ich bin zum Beispiel noch nie gerne Wandern gegangen. Das habe ich immer gehasst. Ich brauche keine Alp zum Ausgleich. Ich kenne die Bäume, die hier wachsen, ja, aber ob ich einen Namen kenne oder nicht, war bis jetzt noch nie relevant in meinem Leben. Und, wenn ich ehrlich bin, sehe ich mich ohnehin vor allem als Städter. Ich brauche die Kultur, das Gewusel, die Leute.
Dass ich im Waldkindergarten war, erzähle ich eher selten. Nicht weil ich Hemmungen hätte, sondern weil es früher nicht immer leicht war. Zum Beispiel auf dem Fussballplatz: Ich war schon früh im FC, und in St.Georgen habe ich mich nie so recht dazugehörig gefühlt, weil die anderen aus dem Team alle zusammen zur Schule gegangen sind und ich der war, der zwar da gewohnt hat, aber nicht in dieselbe Schule gegangen ist.
Manchmal habe ich mich fast ein bisschen dafür geschämt, weil ich der einzige «aus dem Wald» war und das Gefühl hatte, die andern finden mich doof. Was aber gar nicht so war, wie ich später feststellte. Man hat durchaus seine Problemchen, wenn man vom Wald in die Regelschule kommt. Die Schwerpunkte liegen halt ganz woanders.
Plötzlich hat man von acht bis zehn Uhr Mathe, von zwei bis vier Deutsch. Im Wald hatten wir nicht so einen strikten Stundenplan, trotzdem hat unser Grundverständnis locker gereicht, um Rechnen und Schreiben zu lernen. Es gibt immer solche, die schneller und solche, die langsamer sind. In der Regelschule genauso wie im Waldkindergarten.
Im ersten Jahr Regelschule habe ich den Wald extrem vermisst. Es war komisch, den ganzen Tag in einem Schulzimmer zu hocken, null Bewegung zu haben. Von den anderen habe ich mich nicht gross unterschieden. Es gab schon ein paar Mobbing-Geschichten, ganz «normale», aber nicht weil ich ein Waldkind war, sondern weil ich mich vielleicht etwas zu schnell habe reizen lassen früher. Das hat mit meiner Person zu tun, nicht mit dem Wald.
Vermutlich denken die Leute, dass ich keinen Respekt vor Autoritätspersonen habe, weil ich aus dem Wald ins Klassenzimmer kam. Das Gegenteil ist der Fall. Wir Waldkinder haben einen sehr gesunden Umgang mit Autorität, nur haben wir einen anderen Bezug dazu: Wir stellten gemeinsam Regeln auf und respektierten diese entsprechend. Anders als in der Schule, wo die Regeln von anderen aufstellt werden und befolgt werden müssen.
Für uns ist nicht irgendein Mensch die Autorität, sondern die Natur. Vorurteile à la «diese Waldkinder werden doch eh alle Künstler» oder «die schaffen es nicht im richtigen Leben» habe ich selten gehört. Meine Mutter war eher damit konfrontiert. Viele wollten erst einmal abwarten, wie wir von der «ersten Generation» herauskommen – ob man uns auf diese Welt loslassen kann und umgekehrt –, bevor sie ihre eigenen Kinder in den Wald schickten.
Meine eigenen Kinder, sofern ich denn welche habe, würde ich sofort in den Waldkindergarten schicken. Ich bin sehr dankbar, dass ich so einen «gesunden» Start, abseits vom gängigen Schul und Leistungssystem hatte; einen Ort, der nicht so fest mit Räumen und Regeln verbunden ist wie das «normale» Schulzimmer. Darum habe ich auch kein Problem damit, wenn man den Waldkindergarten etwas romantisiert.
Ich habe gelernt, mich auszutoben und Energie rauszulassen. Die eigene Fantasie zu entwickeln, mit mir selber zu spielen. Und aus dem, was da ist, etwas zu machen. Im Wald mit Ästen, Erde, Laub und Moos. Heute sind es andere Dinge, aber das Prinzip ist dasselbe. Und im Wald ist es egal, ob man ein Mädchen oder ein Junge ist. Zuallererst ist man ein Waldkind. Es gibt keine Bäbi-Ecke und keine Brio- Bahn. Alle spielen mit allen – das halte ich bis heute so.
Beruflich bin ich etwas auf dem Schlangenweg. Ich habe die Kantonsschule abgebrochen, danach ein Praktikum in einer heilpädagogischen Schule gemacht und schliesslich eine Lehre als Hochbauzeichner abgeschlossen. Auf dem Beruf gearbeitet habe ich nie wirklich. Im Moment habe ich mehrere Jobs, aber ich arbeite darauf hin, mich eines Tages Künstler nennen zu dürfen.»
Notiert von Corinne Riedener. Dieser Text erschien im Märzheft von Saiten.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.