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Keine Bäbi-Ecke, keine Brio-Bahn

«Für uns ist nicht irgendein Mensch die Autorität, sondern die Natur», sagt Linus Lutz, ein ehemaliges Waldkind.
Von  Corinne Riedener
Der Waldkindergarten im Notkersegg, Februar 2018. (Bild: Claudio Bucher)

«Wald. Anders als in der Stadt oder sonst im Getümmel, wo es Beton, Raumplanung und Zivilisation gibt, findet man hier keine vorgeschriebenen Wege, keine Fussgängerstreifen, keine weiss markierten Fahrbahnen oder Traversen. Zumindest keine sichtbaren. Man wählt seinen Weg selber. Alle nehmen ihren eigenen Weg, um vom Dickicht zur Lichtung zu gelangen, nicht wie in der Stadt oder im Dorf, wo alles vorgezeichnet, abgesteckt und installiert ist.

Ich heisse Linus Lutz, bin 1994 geboren und war im ersten Jahrgang des St.Galler Waldkindergartens. Sechs Jahre verbrachte ich da, von der Spielgruppe bis und mit zweite Klasse. Meine Mutter hat das pädagogische Konzept geschrieben, den Waldchindi also quasi miterfunden.

An viel kann ich mich nicht mehr erinnern, nur an einzelne Szenen. Zum Beispiel an den Morgenkreis und daran, wie wir zusammen gekocht oder auf dem Waldsofa Znüni gegessen haben. Und dann war da noch dieser «Unfall»: Ich habe die Stange einer Strassentafel abgeleckt. Natürlich ist die Zunge kleben geblieben. Es hat ziemlich geblutet, haha, da blieb ein ganzer Blätz hängen.

Ernsthafte Unfälle gab es nie. Manchmal hat sich jemand beim Schnitzen geschnitten oder ein paar blaue Flecken davon getragen. Am Anfang haben mich meine Eltern jeden Morgen zum Trogenerbähnli gebracht, später bin ich alleine gefahren. Ich vermisse das orange Trogenerbähnli. Da gab es einen bestimmten Platz, wo immer alle sitzen wollten – im Gang. Weil wir durften ja mit unseren Dreckkleidern nicht die Polster verschmutzen.

Ich bin immer sehr gerne in den Wald gegangen. Der Winter war recht speziell. Wir haben jedes Jahr riesige Schneerugel gemacht und sie den Hügel hinunter rollen lassen. Oder wir konnten nicht in den Wald, weil es zu früh geschneit hat und die Äste so schwer waren, dass sie abgeknickt sind. Dann wollten wir immer den Bäumen helfen und haben sie geschüttelt.

Die Frage, ob man bei diesem Wetter nach draussen will oder nicht, stellte sich für uns gar nicht. Es war normal, jeden Tag raus zu gehen. Heiss oder kalt war nicht wichtig in diesem Alter. Der Sommer war natürlich schon cool, weil man dann alles brauchen kann im Wald. Die Stecken, die Äste, das Laub. Im Winter sind sie unter dem Schnee. Dafür hat man den Schnee. Manchmal war es schon anstrengend im Winter, kalt und nass – aber nie so, dass ich nach Hause gewollt hätte.

Rückblickend glaube ich nicht, dass ich ein spezielles Verhältnis zur Natur entwickelt habe wegen dem Waldkindergarten, aber das ist wohl von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ich bin zum Beispiel noch nie gerne Wandern gegangen. Das habe ich immer gehasst. Ich brauche keine Alp zum Ausgleich. Ich kenne die Bäume, die hier wachsen, ja, aber ob ich einen Namen kenne oder nicht, war bis jetzt noch nie relevant in meinem Leben. Und, wenn ich ehrlich bin, sehe ich mich ohnehin vor allem als Städter. Ich brauche die Kultur, das Gewusel, die Leute.

Dass ich im Waldkindergarten war, erzähle ich eher selten. Nicht weil ich Hemmungen hätte, sondern weil es früher nicht immer leicht war. Zum Beispiel auf dem Fussballplatz: Ich war schon früh im FC, und in St.Georgen habe ich mich nie so recht dazugehörig gefühlt, weil die anderen aus dem Team alle zusammen zur Schule gegangen sind und ich der war, der zwar da gewohnt hat, aber nicht in dieselbe Schule gegangen ist.

Manchmal habe ich mich fast ein bisschen dafür geschämt, weil ich der einzige «aus dem Wald» war und das Gefühl hatte, die andern finden mich doof. Was aber gar nicht so war, wie ich später feststellte. Man hat durchaus seine Problemchen, wenn man vom Wald in die Regelschule kommt. Die Schwerpunkte liegen halt ganz woanders.

Plötzlich hat man von acht bis zehn Uhr Mathe, von zwei bis vier Deutsch. Im Wald hatten wir nicht so einen strikten Stundenplan, trotzdem hat unser Grundverständnis locker gereicht, um Rechnen und Schreiben zu lernen. Es gibt immer solche, die schneller und solche, die langsamer sind. In der Regelschule genauso wie im Waldkindergarten.

Im ersten Jahr Regelschule habe ich den Wald extrem vermisst. Es war komisch, den ganzen Tag in einem Schulzimmer zu hocken, null Bewegung zu haben. Von den anderen habe ich mich nicht gross unterschieden. Es gab schon ein paar Mobbing-Geschichten, ganz «normale», aber nicht weil ich ein Waldkind war, sondern weil ich mich vielleicht etwas zu schnell habe reizen lassen früher. Das hat mit meiner Person zu tun, nicht mit dem Wald.

Vermutlich denken die Leute, dass ich keinen Respekt vor Autoritätspersonen habe, weil ich aus dem Wald ins Klassenzimmer kam. Das Gegenteil ist der Fall. Wir Waldkinder haben einen sehr gesunden Umgang mit Autorität, nur haben wir einen anderen Bezug dazu: Wir stellten gemeinsam Regeln auf und respektierten diese entsprechend. Anders als in der Schule, wo die Regeln von anderen aufstellt werden und befolgt werden müssen.

Für uns ist nicht irgendein Mensch die Autorität, sondern die Natur. Vorurteile à la «diese Waldkinder werden doch eh alle Künstler» oder «die schaffen es nicht im richtigen Leben» habe ich selten gehört. Meine Mutter war eher damit konfrontiert. Viele wollten erst einmal abwarten, wie wir von der «ersten Generation» herauskommen – ob man uns auf diese Welt loslassen kann und umgekehrt –, bevor sie ihre eigenen Kinder in den Wald schickten.

Meine eigenen Kinder, sofern ich denn welche habe, würde ich sofort in den Waldkindergarten schicken. Ich bin sehr dankbar, dass ich so einen «gesunden» Start, abseits vom gängigen Schul und Leistungssystem hatte; einen Ort, der nicht so fest mit Räumen und Regeln verbunden ist wie das «normale» Schulzimmer. Darum habe ich auch kein Problem damit, wenn man den Waldkindergarten etwas romantisiert.

Ich habe gelernt, mich auszutoben und Energie rauszulassen. Die eigene Fantasie zu entwickeln, mit mir selber zu spielen. Und aus dem, was da ist, etwas zu machen. Im Wald mit Ästen, Erde, Laub und Moos. Heute sind es andere Dinge, aber das Prinzip ist dasselbe. Und im Wald ist es egal, ob man ein Mädchen oder ein Junge ist. Zuallererst ist man ein Waldkind. Es gibt keine Bäbi-Ecke und keine Brio- Bahn. Alle spielen mit allen – das halte ich bis heute so.

Beruflich bin ich etwas auf dem Schlangenweg. Ich habe die Kantonsschule abgebrochen, danach ein Praktikum in einer heilpädagogischen Schule gemacht und schliesslich eine Lehre als Hochbauzeichner abgeschlossen. Auf dem Beruf gearbeitet habe ich nie wirklich. Im Moment habe ich mehrere Jobs, aber ich arbeite darauf hin, mich eines Tages Künstler nennen zu dürfen.»

Notiert von Corinne Riedener. Dieser Text erschien im Märzheft von Saiten.

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