Sie waren (und sind teils noch immer) die Haupt-Leidtragenden der Pandemie: Musiker, Tänzerinnen, Theaterleute, Performerinnen, Comedians, all die Profis der darstellenden Künste, für die vor anderthalb Jahren auf einen Schlag der Vorhang gefallen ist. Ihnen zu einem «Neustart» zu verhelfen, ist Sinn und Zweck des Festivals, das diesen Samstag stattfindet.
Karl Schimke, Tuba-Spieler im Sinfonieorchester und Stadtparlamentarier, hatte dafür die symbolträchtige Idee, aus Abfall Kunst zu machen. Genau gesagt: die Abfallgutscheine, welche die Stadt allen Bewohner:innen spendiert hat, in einen Kulturtopf zu werfen statt einzulösen. Das Geld floss, die Stadt legte nochmal kräftig drauf, die IG Kultur Ost zog mit, «Neustart» tat sich mit der Museumsnacht zusammen (und damit auch mit der Werbeagentur Farner, die seit Jahren die Projektleitung der Museumsnacht innehat – was nicht rundherum auf Applaus stiess).
Das Ergebnis kündigt sich imposant an: Von vormittags 11 Uhr bis 1 Uhr nachts sind an fast 200 Veranstaltungen und 45 Spielorten mehr als 300 Künstlerinnen und Künstler beteiligt. Dazu bieten zahlreiche Institutionen zusätzliche eigene Programme.
Viel Puzzlearbeit – «aber am Ende ist es aufgegangen.» Ann-Katrin Cooper
Das bedeutete Schwerarbeit für die beiden «Programmierer» des Festivals, Karl Schimke und die Präsidentin der IG Kultur Ost, Ann-Katrin Cooper. «Ein riesiges Puzzlespiel» nennt Cooper die Planungsarbeit, ein Jonglieren mit Zeiten, Platzbedürfnissen, Technik-Anforderungen, künstlerischen Ansprüchen und anderen Kriterien.
Gute Gelegenheit also, sich ein Bild vom Zustand der Kultur nach der Pandemie zu machen – einerseits künstlerisch konkret, andrerseits grundsätzlich. Für Ann-Katrin Cooper ist der Gemeinschaftsgedanke zentral am Neustart-Festival. «Vielerorts gehen neue Gräben auf. Wer ist wo ausgeschlossen, wer wird wohin eingeladen, wer bleibt aussen vor?» Neustart wolle dagegen zeigen, dass es möglich sei, gemeinsam und trotz allen Pandemie-Widrigkeiten Kultur zu veranstalten.
Heraus aus den Kellern
Wie also tönt es aus den Bandkellern nach der Zwangspause? Im «Flow», dem Rock-Pop-Zentrum der St.Galler Musikschule am Rand der Kreuzbleiche, greifen am Samstag Urgesteine von Posh bis Tüchel in die Tasten und Saiten. Im Feuerwehrmuseum «Depot 61» an der Burgstrasse sind die Elias Bernet Band und andere dabei. Die Lokremise jazzt und rockt mit Miriam & The Quinces, der Michael Neff Group, mit Noumuso oder Fraine.
Den Neustart wagen auch andere Unverwüstliche wie Malcolm Green, Peter Lenzin, Déjan um die Sängerin Joana Elena, Esik und seine «Übliche Verdächtige», das Duo Weniger Egli oder Lord Kesseli – letzterer, nomen est omen, um Mitternacht im Kesselhaus Josephsohn im Sitterwerk.
Wie Konzert und Theater St.Gallen über die Lockdown-Runden gekommen sind, ist in der Tonhalle, im Umbau und in der Lokremise zu sehen und zu hören, mit Konzerten und Probeneinblicken in die Oper Breaking The Waves oder in das Schauspielprojekt Julia und Romeo.
Szenenbild aus Nelly Bütikofers Stück Wir könnten fliegen, wollten wir, das am Neustart-Festival Premiere hat. (Bild: pd/Christian Glaus)
Im Zentrum stehen aber die freischaffenden Theaterleute. Das Panorama Dance Theatre zeigt in der Lokremise sein Programm Anticipation. Nelly Bütikofer legt gleich die Premiere ihres neuen Tanz-Chor-Stücks auf den Neustart-Termin: Wir könnten fliegen, wollten wir ist zu sehen in der Offenen Kirche. Tiltanic improvisiert im Depot 61, Megliodia zeigt im Kirchhoferhaus musikalisch, «wie Fürsten festen», im Parfin de siècle spielt Charlotte Mäder ein Stück vom «ewigen Kind».
Orte neu zum Klingen bringen
Die Museen bieten ihre Normal- oder Spezialprogramme an, vom Seifenmuseum bis zu Lagerhaus. Und lassen sich darüber hinaus ungewohnt zum Klingen und in Bewegung bringen. In der Kunsthalle etwa spielen das Quartett StimmSaiten und ein Oktett mit Streicher:innen des Sinfonieorchesters. Im Historischen und Völkerkundemuseum kommt Wortkunst von der St.Galler Bühne bis Manuel Stahlberger zu Ehren, im Kunstmuseum spielt «Cellistonaut» Stefan Baumann oder performt Manor-Preisträgerin Martina Morger.
Die Literatur war zwar etwas weniger Pandemie-gebeutelt, sucht aber auch wieder neu ihr Publikum. Und dies vielstimmig. In der Grabenhalle liest das Duo Vetsch/Plassard Gedichte, in der Denkbar stellen Christoph Keller und Jan Heller Levi US-Texte vor, Isabel Rohner liest einen nächtlichen Krimi in der Wyborada, Mark Twain kommt in der Galerie vor der Klostermauer zu Wort, und ebenfalls dort ist Vernissage des vierten Bands Schüchtern hingeschaut mit Stimmen junger Autor:innen. Im Printclub an der Feldlistrasse tönt es Innerrhodisch mit Rosie Hörler, während in der Stiftsbibliothek, wo sonst Latein das Sagen hat, kurdische und türkische Texte von Geflüchteten zu hören.
Sa 11. September 11 bis 01 Uhr, diverse Orte in St.Gallen. Testcenter im Hof der Stiftsbibliothek, Sa 10-16 Uhr.
neustartfestival.ch
Ein queer-feministisches Performance-Programm spielt sich rund um den Frauenpavillon im Stadtpark ab. Im Haus zur Ameise wird illustriert, im Gewächshaus im Botanischen Garten mit Wind gebastelt. Als musikalische «Oase» empfiehlt sich das Museum of Emptiness mit Klängen der Sängerinnen Nathalie Maerten und Lyam Gossolt.
Der Neustart bringt auch neue Orte ins Scheinwerferlicht. In den Lagerhäusern findet sich «opus278»; der Raum der GSI Architekten nennt sich nach dem Fazioli-Flügel und bietet ein Klassik- und Jazzprogramm. Ebenfalls im Lagerhaus machen das Atelier Chapeau und David Schneebergers Atelier ihre Türen auf, an der Feldlistrasse der Printclub, im Linsebühl ein Tattoo-Studio.
Und das Name-Dropping könnte noch lange weitergehen.
Gegen das Gärtchendenken
Künstlerinnen und Institutionen Hand in Hand, Kooperation statt Gärtchendenken, Konzerte in der Galerie, Kleinkunst im Museum, Auftritte kreuz und quer durch die Sparten: Barbara Affolter, Co-Leiterin der städtischen Kulturförderung und Mitglied des Neustart-OKs, freut das «wahnsinnig bunte» Programm, das der Kultur in ihrer ganzen Vielfalt endlich wieder Sichtbarkeit gebe. Alles in allem zeige das Festival: «He! St.Gallen hat als Kulturstadt so viel zu bieten!».
«Unglaubliche Solidarität»: Karl Schimke
Das sieht auch Initiant Karl Schimke so: Das Neustart-Festival sei zum einen wichtig als «fast explosionsartiger Punkt», wo an einem Tag zu erleben sei, was die Stadt an Kultur biete. Und zum andern als «unglaubliches Zeichen der Solidarität» der Gesellschaft mit den Künstlerinnen und Künstlern – spürbar von der Gutscheinaktion über die Gelder von Stadt, Kanton und Stiftungen bis zur Bereitschaft der Häuser, ihr Personal und ihre Räume für das freie Kulturschaffen zur Verfügung zu stellen.
Wird das Publikum kommen? Barbara Affolter hofft auf mindestens so viele Besucherinnen und Besucher wie die rund 5000 jeweils an der Museumsnacht. Dank der grossen Zahl an Spielorten werde sich das Publikum gut verteilen, dank der GGG-Regel sind auch die Schutzkonzepte klar, eine zusätzliche Maskenempfehlung oder je nach Haus auch Maskenpflicht sei möglich.
«St.Gallen hat als Kulturstadt so viel zu bieten»: Barbara Affolter
Nach ihrem Eindruck komme beim Kulturpublikum nach und nach auch «das Gefühl zurück, dass es normal ist, sich zu treffen», sagt Affolter. Optimistisch ist auch Karl Schimke: Die 3G-Regel sei inzwischen weitherum akzeptiert und verspreche «wieder eine etwas befreitere Atmosphäre» für Kulturanlässe. Und Ann-Katrin Cooper ergänzt: «Wir kommen nicht darum herum, Wege zu finden, um Kultur zu veranstalten und sich zu begegnen über Kultur. Dafür ist das Festival ein Signal: Man muss etwas wagen, sonst passiert nichts.»
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.