«Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet.» Sandra Meier, Leiterin des St.Galler Programmkinos Kinok, ist am Mittwochabend, ein paar Stunden nach der Bekanntgabe der Lockerungen durch Bundesrat Berset, überrascht – und unter Druck. Zwar stehe ein Programm, «alles ist vorbereitet», aber ob die geplanten Filme von den Verleihern weiterhin zur Verfügung stehen, müsse jetzt nochmal abgeklärt werden. Und das Maiprogramm drängt ebenfalls.
Auch Kino könne nicht auf Knopfdruck an- und abgeschaltet werden, sagt Sandra Meier. Bereits mehrere Monatsprogramme wurden in den letzten Monaten Makulatur. Aber jetzt soll es, bereits am Montag, wieder losgehen mit einem Mix aus Reprisen und Premierenfilmen.
Dazu gehört auch Das neue Evangelium von Milo Rau. Der preisgekrönte Film des St.Galler Regisseurs ist zwar bereits als Stream zu sehen. Aber das Kinok zeigt ihn parallel trotzdem noch im Saal, aus Verbundenheit zum Regisseur und weil der Film für die grosse Leinwand konzipiert sei, sagt Sandra Meier.
Jetzt doch noch im Kinok: Szene aus Das neue Evangelium.
Und das Publikum? Das Kinok habe viele Rückmeldungen erhalten von Personen, die das Kino vermissten. Das Schutzkonzept funktioniere, die Lüftung sei gut, maximal 30 Personen seien zugelassen – so hofft Sandra Meier, «dass die Leute kommen und wieder spüren, wie wichtig und schön es ist, Kultur vor Ort zu erleben». Alle Digitalisierung könne die «Magie» des gemeinsamen Kulturmoments nicht ersetzen, ist sie überzeugt.
Vier Premieren in drei Wochen
«Es ist nicht das Szenario, das wir erwartet hatten», sagt auch Beda Hanimann, Sprecher von Konzert und Theater St.Gallen. Aber das Theater sei bereit – und kündigt gleich vier Premieren in den nächsten drei Wochen an. Die viermonatige Coronapause habe zwar alle Vorstellungen verunmöglicht; der Probenbetrieb wurde aber nach Plan aufrechterhalten. «Die Produktionen sind bis zur Generalprobe bühnenreif geprobt worden.»
Das macht es möglich, dass bereits am nächsten Dienstag, einen Tag nach dem vom Bundesrat verkündeten Lockerungsdatum 19. April, die erste Premiere im monatelang brachgelegenen Theaterprovisorium UM!BAU stattfindet: König Lear nach Shakespeare. Darauf folgen am 23. April das Tanzstück Cinderella, am 27. April die Lokremise-Produktion Die Orestie (revisited) und am 8. Mai die Oper Florencia en el Amazonas. Über den detaillierten Spielplan für April und Mai informiert das Theater am Freitag.
Hier einer der Teaser zur Orestie:
Auch Kleintheater wie die St.Galler Kellerbühne, die Stuhlfabrik Herisau oder das Theaterhaus Thurgau sind parat, «mit bewährtem Schutzkonzept», wie die Kellerbühne mitteilt. Im Keller geht es für maximal 49 Besucherinnen und Besucher am 22. April mit Lorenz Keiser los, dann folgen Arno Camenisch, Anet Corti, Bänz Friedli, die Cie Buffpapier, Riklin&Schaub und viele weitere klingende Namen der Literatur- und Comedyszene: ein dichter Reigen fast wie zu Vor-Coronazeiten.
Riklin&Schaub, die neu im Duo auftretenden Ex-Mitglieder von Heinz de Specht, sind nach dem frühzeitig ausgebremsten Start ihres Programms Was wäre wenn auch anderswo zu sehen, unter anderem in der Eintracht Kirchberg oder im Zeltainer Unterwasser. Die Kleinkunst, gross vermisst, nistet sich allenorts wieder ein, so auch in der Stuhlfabrik Herisau – letztere startet nächsten Donnerstag mit einem Goofetheater.
«Etwas überrumpelt»
Zurückhaltend reagieren Palace und Grabenhalle. Die Palace-Crew trifft sich nach Auskunft von Co-Programmleiter Johannes Rickli nächste Woche – als Reaktion auf die Pandemie hatte das Palace auf Residenzen und Sendungen des «Ersten Fernsehens» umgestellt. In der Grabenhalle sind gemäss Bastian Lehner fürs erste nur Theater- und Tanzproduktionen geplant: als nächstes MITreden der Tanzkompanie DOXS aus Schaffhausen am 27. und 28. April.
In Lichtensteig berät sich das Kollektiv vom Rathaus für Kultur demnächst, «ob und wie es für uns (mit unseren kleinen Räumen) möglich ist, unter den gegebenen Bedingungen wieder einzusteigen», wie Mitbetreiberin Sirkka Ammann sagt. «Wir waren alle etwas überrumpelt und haben aber beschlossen, dass wir uns nicht überrumpeln lassen.»
Das umstrittene Maximum
50 Personen oder maximal ein Drittel der Kapazität und Sitzpflicht: Das ist für kleine Theaterräume realistischer als für die Grossen – und für Theater plausibler als für Konzertlokale. In ihrer Medienmitteilung vom Mittwochabend äussert die Genossenschaft Konzert und Theater St.Gallen zwar Verständnis für die erneute Begrenzung der Besucherzahl, «bedauert jedoch, dass dabei wie schon im Herbst unabhängig von der Saalgrösse die starre Limite von maximal 50 Personen pro Vorstellung gilt». Im Provisorium hätten 500 Personen Platz.
Die Theater- und Konzertbranche hatte eine flexiblere Drittelsregelung ohne Deckel (das «Basler Modell») zur Diskussion gestellt – dafür fehlte dem Bundesrat aber offenbar das Musikgehör. Openair sind hingegen bis zu 100 Personen erlaubt.
Kein Wort an die Jungen
Keine Antwort gab es von Bundesrat Berset an diesem 14. April auf die Jugendunruhen der vergangenen Wochenenden in St.Gallen. Eine direkte Ansprache hätte man erwarten können – immerhin wurde schweizweit allerhand Verständnis für die Ungeduld der Jungen geäussert, samt Forderungen, sie stärker in die Corona-Entscheide mit einzubeziehen.
Und es gab einen Brief der St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi an Bundesrätin Karin Keller-Sutter: Die Ausschreitungen und Gewaltausbrüche hätten bisher zwar in St.Gallen stattgefunden, eine Hauptursache dafür seien jedoch Frust und Ängste der Jugendlichen in Zusammenhang mit der Coronakrise, schrieb Lüthi vergangene Woche. Deshalb brauche es eine nationale Antwort. Sinngemäss: St.Gallen könnte überall sein.
Der Bundesrat hätte es in der Hand gehabt, eine solche Antwort zu geben und die Not und den Frust der Jungen nach mehr als einem Jahr Corona zuoberst auf die Prioritätenliste zu setzen.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
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Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.