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Theater und Kino drücken auf Neustart

Der Kulturbetrieb kann nach dem Bundesratsentscheid vom Mittwoch neu starten – mit angezogener Handbremse zwar und auch wenn kaum jemand damit gerechnet hatte. Erste Reaktionen von Kino, Klein- und Grosstheatern in der Region. 
Von  Peter Surber , 
Bald wieder bestuhlt: die Stuhlfabrik Herisau. (Bild: pd)

«Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet.» Sandra Meier, Leiterin des St.Galler Programmkinos Kinok, ist am Mittwochabend, ein paar Stunden nach der Bekanntgabe der Lockerungen durch Bundesrat Berset, überrascht – und unter Druck. Zwar stehe ein Programm, «alles ist vorbereitet», aber ob die geplanten Filme von den Verleihern weiterhin zur Verfügung stehen, müsse jetzt nochmal abgeklärt werden. Und das Maiprogramm drängt ebenfalls.

Auch Kino könne nicht auf Knopfdruck an- und abgeschaltet werden, sagt Sandra Meier. Bereits mehrere Monatsprogramme wurden in den letzten Monaten Makulatur. Aber jetzt soll es, bereits am Montag, wieder losgehen mit einem Mix aus Reprisen und Premierenfilmen.

Dazu gehört auch Das neue Evangelium von Milo Rau. Der preisgekrönte Film des St.Galler Regisseurs ist zwar bereits als Stream zu sehen. Aber das Kinok zeigt ihn parallel trotzdem noch im Saal, aus Verbundenheit zum Regisseur und weil der Film für die grosse Leinwand konzipiert sei, sagt Sandra Meier.

Jetzt doch noch im Kinok: Szene aus Das neue Evangelium.

Und das Publikum? Das Kinok habe viele Rückmeldungen erhalten von Personen, die das Kino vermissten. Das Schutzkonzept funktioniere, die Lüftung sei gut, maximal 30 Personen seien zugelassen – so hofft Sandra Meier, «dass die Leute kommen und wieder spüren, wie wichtig und schön es ist, Kultur vor Ort zu erleben». Alle Digitalisierung könne die «Magie» des gemeinsamen Kulturmoments nicht ersetzen, ist sie überzeugt.

Vier Premieren in drei Wochen

«Es ist nicht das Szenario, das wir erwartet hatten», sagt auch Beda Hanimann, Sprecher von Konzert und Theater St.Gallen. Aber das Theater sei bereit – und kündigt gleich vier Premieren in den nächsten drei Wochen an. Die viermonatige Coronapause habe zwar alle Vorstellungen verunmöglicht; der Probenbetrieb wurde aber nach Plan aufrechterhalten. «Die Produktionen sind bis zur Generalprobe bühnenreif geprobt worden.»

Das macht es möglich, dass bereits am nächsten Dienstag, einen Tag nach dem vom Bundesrat verkündeten Lockerungsdatum 19. April, die erste Premiere im monatelang brachgelegenen Theaterprovisorium UM!BAU stattfindet: König Lear nach Shakespeare. Darauf folgen am 23. April das Tanzstück Cinderella, am 27. April die Lokremise-Produktion Die Orestie (revisited) und am 8. Mai die Oper Florencia en el Amazonas. Über den detaillierten Spielplan für April und Mai informiert das Theater am Freitag.

Hier einer der Teaser zur Orestie:

Auch Kleintheater wie die St.Galler Kellerbühne, die Stuhlfabrik Herisau oder das Theaterhaus Thurgau sind parat, «mit bewährtem Schutzkonzept», wie die Kellerbühne mitteilt. Im Keller geht es für maximal 49 Besucherinnen und Besucher am 22. April mit Lorenz Keiser los, dann folgen Arno Camenisch, Anet Corti, Bänz Friedli, die Cie Buffpapier, Riklin&Schaub und viele weitere klingende Namen der Literatur- und Comedyszene: ein dichter Reigen fast wie zu Vor-Coronazeiten.

Riklin&Schaub, die neu im Duo auftretenden Ex-Mitglieder von Heinz de Specht, sind nach dem frühzeitig ausgebremsten Start ihres Programms Was wäre wenn auch anderswo zu sehen, unter anderem in der Eintracht Kirchberg oder im Zeltainer Unterwasser. Die Kleinkunst, gross vermisst, nistet sich allenorts wieder ein, so auch in der Stuhlfabrik Herisau – letztere startet nächsten Donnerstag mit einem Goofetheater.

«Etwas überrumpelt»

Zurückhaltend reagieren Palace und Grabenhalle. Die Palace-Crew trifft sich nach Auskunft von Co-Programmleiter Johannes Rickli nächste Woche – als Reaktion auf die Pandemie hatte das Palace auf Residenzen und Sendungen des «Ersten Fernsehens» umgestellt. In der Grabenhalle sind gemäss Bastian Lehner fürs erste nur Theater- und Tanzproduktionen geplant: als nächstes MITreden der Tanzkompanie DOXS aus Schaffhausen am 27. und 28. April.

In Lichtensteig berät sich das Kollektiv vom Rathaus für Kultur demnächst, «ob und wie es für uns (mit unseren kleinen Räumen) möglich ist, unter den gegebenen Bedingungen wieder einzusteigen», wie Mitbetreiberin Sirkka Ammann sagt. «Wir waren alle etwas überrumpelt und haben aber beschlossen, dass wir uns nicht überrumpeln lassen.»

Das umstrittene Maximum

50 Personen oder maximal ein Drittel der Kapazität und Sitzpflicht: Das ist für kleine Theaterräume realistischer als für die Grossen – und für Theater plausibler als für Konzertlokale. In ihrer Medienmitteilung vom Mittwochabend äussert die Genossenschaft Konzert und Theater St.Gallen zwar Verständnis für die erneute Begrenzung der Besucherzahl, «bedauert jedoch, dass dabei wie schon im Herbst unabhängig von der Saalgrösse die starre Limite von maximal 50 Personen pro Vorstellung  gilt». Im Provisorium hätten 500 Personen Platz.

Die Theater- und Konzertbranche hatte eine flexiblere Drittelsregelung ohne Deckel (das «Basler Modell») zur Diskussion gestellt – dafür fehlte dem Bundesrat aber offenbar das Musikgehör. Openair sind hingegen bis zu 100 Personen erlaubt.

Kein Wort an die Jungen

Keine Antwort gab es von Bundesrat Berset an diesem 14. April auf die Jugendunruhen der vergangenen Wochenenden in St.Gallen. Eine direkte Ansprache hätte man erwarten können – immerhin wurde schweizweit allerhand Verständnis für die Ungeduld der Jungen geäussert, samt Forderungen, sie stärker in die Corona-Entscheide mit einzubeziehen.

Und es gab einen Brief der St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi an Bundesrätin Karin Keller-Sutter: Die Ausschreitungen und Gewaltausbrüche hätten bisher zwar in St.Gallen stattgefunden, eine Hauptursache dafür seien jedoch Frust und Ängste der Jugendlichen in Zusammenhang mit der Coronakrise, schrieb Lüthi vergangene Woche. Deshalb brauche es eine nationale Antwort. Sinngemäss: St.Gallen könnte überall sein.

Der Bundesrat hätte es in der Hand gehabt, eine solche Antwort zu geben und die Not und den Frust der Jungen nach mehr als einem Jahr Corona zuoberst auf die Prioritätenliste zu setzen.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter