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Ein Treppenhaus für die Literatur

Am Samstag ist die «neue Wyborada» als Literaturhaus und Bibliothek mit einem Fest gestartet. Neben Lesungen und Performances gab es Informationen vom Literaturhaus Zürich – inspirierend für das noch junge St.Galler Projekt.
Von  Peter Surber , 
Berthas* heizen dem Literaturbetrieb ein. (Bilder: Karin K. Bühler)

Eine Frau braucht Geld und ein eigenes Zimmer, damit sie schreiben kann. Virginia Woolfs Forderung gibt das Leitmotiv für die Performance, welche das queerfeministische Bertha*-Kollektiv am Samstagabend veranstaltet. An der Wand das Transparent: «Wir wollen ein eigenes Zimmer.» Aber die Performance findet im offenen und lärmigen Treppenhaus statt. Trotz Tisch, Kerzenständer, Staubteppich und in die Jahre gekommener Schreibmaschine: Das eigene Zimmer ist vorläufig noch ein Wunschtraum.

Zumindest gilt das für das Projekt Literaturhaus St.Gallen. Was am Samstag eröffnet wurde, war noch kein Haus und auch kein eigenes Zimmer. Aber es war, am Standort der «alten» Frauenbibliothek im St.Galler Lagerhaus, ein Neustart.

Neu ist der Name: Literaturhaus und Bibliothek Wyborada. Neu ist das Leitungsduo, Patricia Holder und Karin K. Bühler, das mit dem Startfest programmatisch sichtbar machte, wohin das Literaturhaus sich bewegen könnte. Und neu und vielversprechend war der Ansatz, sich zu vernetzen und über die eigenen engen Räume hinaus weitere Lagerhaus-Ecken zu besetzen: das Foyer der Kunsthalle, den Jugendraum Flon, das Architekturforum und das Treppenhaus. Kultur ist die Kunst, sich grösser zu denken als man ist.

Anlaufstelle, Arbeitsort, Raum zum Nachdenken

Wie ein Literaturhaus starten kann, hat vor 20 Jahren Zürich vorgemacht. Auch hier waren, wie in St.Gallen, Autorinnen und Autoren, Publikum und Buchmenschen aller Art da – aber noch kein Haus, berichtete Isabelle Vonlanthen, seit neun Jahren für das Programm des Literaturhauses Zürich verantwortlich. Dann tauchte es auf, direkt an der Limmat: das Patrizierhaus der Museumsgesellschaft. Diese hatte, gegen einige Widerstände, beschlossen, sich zu öffnen. Nach einem Pilot-Jahr sagte die Stadt ihre Unterstützung zu, heute tragen Stadt und Kanton den Betrieb, neben weiteren Geldgebern und der Eigenfinanzierung.

Ein Haus, sagt Vonlanthen, mache vieles möglich: Es sei Anlaufstelle für Autorinnen und Autoren, ein Ort des Arbeitens und der Ermutigung für Schreibende (unter anderem mit einem permanenten Schreibwettbewerb «Texte des Monats»), Treffpunkt von Büchern und Menschen und nicht zuletzt: «ein Raum zum Nachdenken über Texte und über die Verfassheit der Welt».

Häuser: In den Pionierstädten Berlin, Hamburg und München sind es stattliche bürgerliche Villen, die zu Literaturhäusern umfunktioniert worden sind. Ein skandinavisches Literaturhaus händige allen Autorinnen und Autoren der Stadt einen Schlüssel zum Haus aus. In Zürich sei die Schwelle höher, die Räume befänden sich im ersten Stock, das Haus dürfe, aus denkmalpflegerischen Gründen, keine Anschrift tragen. Und dennoch floriert es, die rund 130 Lesungen im Jahr seien gut besucht, insbesondere Abende von fremdsprachigen Autorinnen und Autoren oder Buchpremieren von Zürcher Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Konkurrenz belebt – zumindest in Zürich

Das Zürcher Literaturhaus bietet neben Lesungen Werkstätten, Abende mit Literatur und Musik, Performances, Debatten und anderes mehr. Veranstaltungen werden grundsätzlich mit Kooperationspartnern durchgeführt, auch schon mal mit der «Konkurrenz» wie dem für grössere Anlässe geeigneteren Kaufleutensaal.

Ob man sich bei den zahlreichen literarischen Angeboten gegenseitig Publikum wegnehme? Die Frage von Moderatorin Patricia Holder verneint Vonlanthen: Obwohl die Zahl an Lesungen in den letzten Jahren konstant gestiegen sei, unter anderem dank dem «Kosmos», nehme das Publikumsinteresse eher zu. Ihr Fazit: Ein gutes Angebot schafft Nachfrage.

Blick in die Wyborada.

Anders als Buchhandlungen unterlägen Literaturhäuser zudem weniger der Marktmacht. Das schaffe Freiraum, auch Experimentelles und weniger Mehrheitsfähiges ins Programm zu nehmen. So bietet etwa das Festival internationaler Literatur alljährlich im Februar Einblick in eine andere Welt- und Literaturregion – bisher Indien, Russland, Argentinien oder die arabischen Länder. Dazu kommt jeweils für sechs Monate ein Writer in Residence nach Zürich, zuletzt die junge mexikanische Autorin Aura Xilonen. Veranstaltungen mit Literatinnen und Literaten aus der Romandie oder dem Tessin fänden dagegen bloss ein kleines Publikum.

Inspirierend für St.Gallen war schliesslich auch Vonlanthens Ausblick in die Zukunft. Das Literaturhaus Zürich plant unter anderem neue Formate mit den Schwerpunkten Diversität und kultureller Austausch. Solche partizipativen Formen seien neben den kuratierten Lesungen Ausdruck einer Haltung: «Weshalb sollten wir Leiterinnen definieren, was Literatur ist?»

Frauen an die Schreibmaschinen!

Jessica Jurassica bei ihrer touristischen Lesung.

Beim Auftaktfest in St.Gallen wurde Partizipation ebenfalls gross geschrieben. Die Berthas* wetterten im Treppenhaus gegen die patriarchale Übermacht im Literaturbetrieb (nicht ganz zurecht: Beim St.Galler Literaturhaus-Projekt sind die Frauen am Drücker, das neunköpfige Team des Zürcher Literaturhauses zählt acht Frauen und einen Mann). Nathalie Hubler und Claudia Vamvas lasen Treppentexte, Karin K. Bühler diskutierte mit einer Leserinnen-Runde das Buch Die Daten, die ich rief von Katharina Nocun, und den Schluss machte Jessica «Tourista» Jurassica mit Texten, die sie aus Südamerika in die Plattform Tripadvisor eingeschleust hatte: dichte, genau beobachtete Reisereflexionen, die das Fenster des Literaturhauses weit aufstiessen.

Ein solches Fenster hat auch das schmale Modellhaus, das Co-Leiterin Karin K. Bühler für das Startfest gebastelt hat – ein Fenster allerdings nach innen, für die Kollekte. Das Literaturhaus-Projekt wartet vorläufig noch auf öffentliche Gelder. Das Programm geht dennoch munter weiter.

Chil­len am Steinach­strand

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Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

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