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Kontaminiertes Museum, postfeudale Uni

Die Kunstsammlung des Zürcher Waffenindustriellen und Nazi-Freunds Emil G. Bührle gibt international zu reden. Auslöser des Sturms ist der Ostschweizer Historiker Erich Keller, der sich zweimal mit der «kontaminierten» Sammlung befasst hat. Am Dienstag war er Gesprächsgast im Palace.
Von  Roman Hertler , 
Historiker Erich Keller im Palace-Gespräch mit WOZ-Redaktor Kaspar Surber. (Bilder: hrt)

In der ersten Sitzung mit dem Steuerungsausschuss hat Erich Keller öfters innerlich gelacht. «Wenn die wüssten, was ich früher so getrieben habe…» Da sassen die Zürcher Stadtpräsidentin Corinne Mauch, der damalige Kulturdirektor Peter Haerle, Regierungsrätin Jacqueline Fehr, Kulturfachstellenleiterin Madeleine Herzog, Christian Bührle und Lukas Gloor von der Bührle-Stiftung, Walter Kielholz von der Kunstgesellschaft und Christoph Becker vom Kunsthaus. Mithin sämtliche Stakeholder in der ganzen Bührle-Kunsthaus-Geschichte und gleichzeitig die konzentrierte Macht, jene Löw:innen, die sagen, wos in Zürich langgeht.

Mit dabei auch Historiker Erich Keller, ursprünglicher Hauptautor der sogenannten Leimgruber-Studie, früher 80er-Bewegter in St.Gallen und vor allem Herisau (sic!) sowie engagierter Neuchlen-Anschwilen-Gegner an vorderster Front. Hansueli Trüb war für ihn eine inspirierende Figur in der Widerstandstradition, und Emil Georg Bührle war dem Antimilitaristen natürlich alles andere als ein unbekannter Name.

So sass Keller, bekannt für seine klare Haltung und pointierten Äusserungen, also mitten unter all jenen Leuten, die seit Jahren daran arbeiten, die Bührle-Sammlung – v.a. französische Impressionisten (Keller: «Wer schaut sich das heute eigentlich noch an?») – von ihrem historischen Ballast zu reinigen. Denn ohne den Milliardär Bührle hätte sich das Kunsthaus Zürich niemals aus seiner Provinzialität und in die Sphäre kunstnationaler Bedeutung emporheben können. Der Kulturplatz Zürich verdankt seinem Mäzen sehr viel. Und tut sich gerade deshalb so schwer mit dessen NS- und Zwangsarbeitsvergangenheit und der teils problematischen Herkunft der Bilder in der Bührle-Sammlung.

Bührle klittert seine Geschichte

Im Vorfeld der Eröffnung des feudalen Kunsthaus-Neubaus in Zürich hatte Stadtpräsidentin Corinne Mauch Matthieu Leimgruber, Lehrstuhlinhaber am Historischen Seminar an der Uni Zürich und Nachfolger von Jakob Tanner, beauftragt, den wirtschaftshistorischen Kontext, unter dem die Sammlung Bührle entstehen konnte, aufzuarbeiten. Von Anfang an ausgeklammert wurde dabei die Provenienzforschung. Dafür hatte die Bührle-Stiftung gesorgt. Für Erich Keller zunächst kein Problem, er vertrat die Ansicht, man könnte den Forschungsauftrag ja auch in kreativer Weise entsprechend weit fassen.

Kunsthistoriker Lukas Gloor, seit 2002 Leiter der Bührle-Stiftung hatte die Provenienzen der Bilder bereits untersucht. «Das ist blanker Hohn», sagt Erich Keller dazu im Palace, wo er im Rahmen der Erfreulichen Universität am Dienstag zu Gast war. «Eine Stiftung untersucht die Herkunft ihrer eigenen Bilder und das soll unabhängige Forschung sein?»

Erich Keller: Das kontaminierte Museum – Das Kunsthaus Zürich und die Sammlung Bührle. Rotpunktverlag Zürich 2021, Fr. 26.-

In seinem Buch, das Keller Ende September herausgegeben hat, zeichnet er anhand eines Beispiels (Paysage von Cézanne, an Bührle vermittelt durch den umstrittenen St.Galler Kunsthändler Fritz Nathan) akribisch nach, wie die Stiftung Bührle etwa die jüdische Herkunft der ehemaligen Besitzer des Gemäldes unterschlägt, um nicht den Verdacht zu erwecken, es könnte sich um NS-Raubkunst oder zumindest problematische Fluchtkunst handeln.

Auch in den Forschungsbericht Leimgruber hat die Bührle-Stiftung eingegriffen. Sie ist zwar im bereits erwähnten Steuerungsausschuss vertreten, hat die Forschungsarbeit aber nicht mitfinanziert. Trotzdem hat sie interveniert und etwa den Begriff «Freikorps» durch «Landesschützenkorps» ersetzt, weil, so Lukas Gloor, der Freikorps-Begriff doch etwas «historisch belastet» sei. Dass Emil G. Bührle aber tatsächlich Teil einer solchen stramm deutsch-nationalen bis rechtsradikalen Kommunistenjägertruppe war, die nach Ende des Ersten Weltkriegs und nach der Demobilisierung freiwillig kommunistische Aufstände niederschlug, und der Freikorps-Begriff also korrekt ist, scheint der Bührle-Stiftung dabei egal zu sein.

Das sind nur die zwei prominentesten Beispiele, die zeigen, wie die Stiftung Bührle mit ihrer Geschichte umgeht. Und wie das offizielle Zürich das Spiel mitspielt. Für Erich Keller, wie gesagt ursprünglich Hauptautor der Leimgruber-Studie, war bald klar, dass er nicht mit gutem Gewissen seinen Namen unter diesen Text schreiben konnte.

Er wandte sich also vom Projekt ab und ging dabei ein erhebliches Reputationsrisiko ein. Man habe ihm sogar mit Schadenersatz gedroht und ihm verbieten wollen, aus der bisherigen Forschungstätigkeit gewonnene Informationen für andere Arbeiten zu verwenden. Doch das habe ihn nur noch mehr angestachelt, selbständig weiterzumachen, so Keller im Palace.

Manipuliert und retourkorrigiert

Die Geschichte hätte hier enden können. Die Uni, namentlich Matthieu Leimgruber, passte alle Passagen an, die der Bührle-Stiftung nicht gebührlich erschienen. Es herrschte wieder Ruhe im Karton, bis die «WOZ» im August 2020 die manipulativen Eingriffe in die «unabhängige Forschung» publik machte.

Im Forschungsauftrag wurde vollmundig angekündigt, die Projektbeteiligten hätten die Chance, «ein international vorbildhaftes Projekt zum Umgang mit einer politisch ‹belasteten› Kunstsammlung zu präsentieren». Es dürfe dabei «keine Tabus» geben und es würde «ein Geist der selbstbewussten Offenheit» herrschen. Doch jetzt war Feuer im Dach, die offensichtlichen Mängel waren nicht mehr wegzulächeln, und Stadt und Kanton Zürich bemühten sich eiligst, die Unabhängigkeit der Forschung nochmals zu unterstreichen.

Also wurden zwei weitere Historiker:innen, Jakob Tanner und Esther Tisa Francini, angeheuert, um den Leimgruber-Bericht auf dessen wissenschaftliche Redlichkeit hin zu überprüfen. Fazit der beiden: Insgesamt keine gravierenden Mängel, höchstens in einigen Details.

Hierbei irritieren vor allem zwei Dinge: Wie können Historiker:innen eines Ranges von Tanner und Tisa angesichts der offenliegenden Fakten zu so einem Schluss kommen? Und warum wurden diese beiden Gutachten von Personen erstellt, die der Uni Zürich sehr nahe stehen?

Immerhin: Gewisse Stellen wurden in der Folge wieder zurückkorrigiert. Im Schlussbericht steht nun wieder «Freikorps». Und aus dem «unverhohlenen antisemitischen Ausfall», den Bührle in einem Schreiben an den «Nebelspalter» abgefeuert hatte und von Gloor aus dem Leimgruber-Bericht gestrichen wurde, ist jetzt wenigstens eine «antisemitische Spitze» geworden.

Uni versagt als Ganzes

Dennoch: Die bührleinduzierte Schönfärberei im Forschungsbericht lässt die Uni Zürich in schlechtem, manche würden sagen: schäbigem Licht dastehen. Dabei sind weder Leimgruber noch Tanner noch Tisa irgendwelche No-Names. Leimgruber ist ein ausgewiesener Spezialist für die Entstehung der schweizerischen Sozialwerke und hat sich zuletzt etwa auch in der Forschung zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen engagiert. Tanner und Tisa haben beide in der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (UEK, auch: Bergier-Kommission) mitgewirkt, Tisa sogar mit Fokus auf nationalsozialistische Raubkunst in der Schweiz.

Dass und in welcher Weise sie sich und ihre Forschung ins Zürcher Standortmarketing und in die Bührle’sche Imagepolitur haben einspannen lassen, ist auch für Erich Keller letztlich unerklärlich, wie er im Palace sagte.

«Vielleicht liegt es daran, dass Historiker:innen im Normalfall nur mit Toten zu tun haben, selten mit lebendigen Steuerungsausschüssen», so Keller. «Ich will Leimgruber jetzt nicht in Schutz nehmen, gar nicht, aber auch mir ist erst allmählich bewusst geworden, wie mächtig der Steuerungsausschuss tatsächlich war. Auch ich hatte anfangs Mühe, mich aus dessen Umklammerung zu lösen.»

Auch mit Kritik an der Universität Zürich hält Keller nicht zurück. In den vergangenen Jahrzehnten sei eine Art Welle der Demokratisierung durch die Institutionen des Landes gerollt. Davon ausgenommen sei offenbar die Uni Zürich gewesen. «Die Lehrstühle verfügen immer noch über enorme Macht im Wissenschaftsbetrieb. An der Uni Zürich herrschen beinahe postfeudale Strukturen.» Der Umgang mit Kritik müsse dort noch geübt werden, selbst von renommierten Persönlichkeiten, von denen er das eigentlich nicht erwartet hätte.

Ihm selber, dem Historiker auf zweitem Bildungsweg, dem Provinzler, dessen Familie nach einem Arbeitsunfall des Vaters 1971 von einer Minimalrente lebte, habe schlicht auch das Netzwerk gefehlt, um sich mit seiner Kritik am Forschungsprojekt Gehör zu verschaffen. Auf sämtlichen Hierarchiestufen der Projektbeteiligten liess man ihn auflaufen.

Erst mit dem Publikwerden der Angelegenheit änderte sich dies. Verantwortlich dafür war WOZ-Redaktor Kaspar Surber, der auch das Gespräch mit Erich Keller im Palace führte. Beide gehen einig darin, das der Leimgruber-Bericht einen wertvollen Beitrag zum Verständnis des wirtschaftshistorischen Kontexts rund um den Industriellen und Kunstsammler Emil G. Bührle darstellt. Die drängendsten Fragen zur Sammlung allerdings blieben ausgeklammert. Das offizielle Zürich hat die Geschichte des Unternehmers Bührle erfolgreich von der Geschichte der Sammlung Bührle getrennt.

Keller will nicht von einer historisch «belasteten Sammlung» sprechen, er bevorzugt die Metapher der Kontamination, weil damit gezeigt wird, dass eine Sammlung eben nicht einfach «entlastet» resp. reingewaschen werden kann, wenn sie durch schmutziges Geld und – zumindest in Teilen – unter fragwürdigen Bedingungen zusammengekauft wurde. Das historische Erbe wirke so oder so bis in die Gegenwart und in die Zukunft, so Keller.

Nebenbei: Die Familie Bührle ist bis heute im Rüstungsgeschäft verankert, sie ist einer der beiden Hauptaktionäre der Pilatus-Werke.

Fachprominenz schliesst sich Keller-Kritik an

Wer nun erwartet, dass Kellers Buch jetzt einfach eine schnöde Abrechnung mit seinen neuen Feinden aus Stiftung, Staat und Uni sei, irrt. In einem grossen Essay mit drei Hauptkapiteln beschreibt er die Verschiebung der Bührle-Sammlung aus der familieneigenen Stadtrandvilla in den millionenschweren Neubau als Teil des grossangelegten Zürcher Kultur-Standortmarketings, an dem sich auch die rot-grüne Zürcher Polit-Elite beteiligt und sich mit der bürgerlichen Geldelite arrangiert zu haben scheint, klopft die bührleinterne Provenienzforschung ab (Keller: «Manchmal stelle ich mir Gloor vor, wie er so an seinem Schreibtisch hockt und ein bisschen forscht.») und schliesst mit kritischen Gedanken zur schweizerischen Erinnerungskultur über die NS-Zeit.

Paysage von Paul Cézanne (1879): Eines der Bührle-Bilder mit problematischer Provenienz.

«Offenbar hat die Schweiz immer noch nicht recht verdaut, dass sie im Zweiten Weltkrieg eben nicht einfach die neutrale glückliche Insel war», sagte Keller im Palace. Im Buch schreibt er: «Die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ist nie Teil eines offiziellen Gedenkens geworden. Das macht die Erinnerungskultur bezüglich der NS-Zeit besonders verletzlich. Umso stärker stünden öffentliche Institutionen in der Verantwortung, die massgeblich an der Vermittlung und Verbreitung von Geschichtsbildern beteiligt sind.»

Der WOZ-Artikel und jetzt vor allem das Keller-Buch haben die internationale Presse auf den Plan gerufen. Die grossen deutschen Blätter haben berichtet, ebenso die «New York Times» oder «Le Monde». Die Republik hat der der Bührle-Connection eine Artikelserie gewidmet. Und am Sonntag haben sich prominente ehemalige Mitglieder der UEK wie Saul Friedländer und Harold James – und damit auch Kollegen von Tanner und Tisa – in einer Medienmitteilung zu Wort gemeldet. Die aktuelle Situation in Zürich sei ein «Affront gegenüber potentiellen Opfern von Raubgut».

Das Gremium formulierte drei Forderungen: Erstens sollen Stadt und Kanton Zürich die Bührle-Sammlung weiter historisch erforschen lassen und insbesondere die von der Stiftung geleistete Provenienzforschung von einer unabhängigen und neutralen Expertenkommission überprüfen lassen; zweitens soll das Kunsthaus Zürich den Dokumentationsraum im Neubau von unbhängigen Experten überprüfen und auf den aktuellen Forschungsstand bringen lassen; und drittens soll der Bund ein unabhängiges Gremium einsetzen, das zwischen Anspruchsberechtigten, Sammler:innen und Museen eine faire Lösung vermittelt.

Erich Keller freuts, dass das Thema jetzt so grosse Aufmerksamkeit erhält. Er unterstützt die Forderungen der Ex-UEK-Mitglieder: «Für mich sind es Minimalforderungen.» Eigentlich sollte man gar nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob die Bührle-Provenienzen nochmals neu und unabhängig überprüft werden, findet Keller. Fairerweise müsse man aber auch einräumen, dass die moderne Provenienzforschung noch in den Kinderschuhen steckt. «Die methodischen Debatten entwickeln sich gerade, nicht nur bei der NS-Raubkunst oder Fluchtgut, sondern auch im kolonialen Zusammenhang.»

Keller geht im Palace aber noch einen Schrit weiter: «Eine Welt ohne Bührle-Stiftung wäre wohl keine schlechtere Welt.»

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