Kategorie
Autor:innen
Jahr

Loben in den höchsten Tönen

Lobreden in Versen: Das hört man heute höchstens noch an Hochzeiten, und dann meist holprig. Über die einstige Kunst des poetischen Lobs hat der HSG-Germanist Johannes Anderegg ein Buch geschrieben: «Lorbeerkranz und Palmenzweig». Heute stellt er es vor.
Von  Peter Surber

Die Verse gibt man sich gerne – wenn denn schon einmal von «güldnen Sayten» die Rede ist:

Ihr holde Thäler voll Rosen, von lauten Bächen durchirret!
Mit euren Düften will ich in mich Zufriedenheit ziehen,
Und wenn Aurora euch weckt, mit ihren Stralen sie trincken.
Gestreckt im Schatten will ich in güldne Sayten die Freude,
Die in euch wohnet, besingen. Reitzt und begeistert die Sinnen…

Es sind, für Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts, allerdings ungewohnte Töne, hochfliegend, feierlich, mit gelehrten Anspielungen, in kunstvoll gedrechseltem Hexametervers. Wenn man aber durchhält und weiterliest, gerät man bald in ganz gegenteilige, unidyllische Bilder einer Naturkatastrophe:

…noch liessen wüthrische Stürme
Die rauhe dumpfigte Stimm aus Islands Gegend erthönen,
Durchstreiften klagende Klüfte, verheerten taumelnde Wälder,
Und bliesen Schrecken und Furcht herum, Verderben und Kälte.

So wild wüten die Wasserfluten, dass sich die Bären (die es damals noch gab) in die höchsten Baumwipfel retten müssen. Dann setzt sich zwar der Frühling durch, doch gleich legt der Dichter noch eins zu:

Allein, der frässige Krieg vom Zähne bleckenden Hunger
Und wilden Scharen begleitet, verheert oft Arbeit und Hofnung.
Er stürmet rasend einher, zertritt die nährenden Halmen,
Reisst Stab und Reben zu Boden, entzündet Dörfer und Wälder
Für sich zum flammenden Lustspiel.

Rund 400 Verse umfasst das Gedicht, Verse von überschäumender Sprachgewalt, in denen ein ganzer Kosmos ausgebreitet wird, in denen das Landleben verherrlicht und die Schöpfung gepriesen wird, aber auch Kritik am Stadtleben und an den Herrschenden geübt wird. 1750 erscheint es, wird rasch populär und macht seinen Dichter bekannt: Ewald von Kleist, preussischer Offizier und Dichter, der wenige Jahre später, 44-jährig in der Schlacht von Kunersdorf umkommen wird. Das Gedicht heisst Der Frühling. Ein harter Brocken selbst für Germanisten – aber nicht für Johannes Anderegg.

Naturbegeisterung und Fürstenlob

Der langjährige HSG-Professor behandelt Kleists Langgedicht Frühling, neben vielen anderen, in seinem neuen Buch. Es trägt den Titel Lorbeerkranz und Palmenzweig und widmet sich dem Genre der dichterischen Lobpreisung. Johannes Anderegg hat ein Flair dafür, nicht-alltägliche Forschungsgebiete zu erschliessen. Für die hier versammelte Lob-Lyrik ist er als Bibelkenner und Neulatein-Spezialist prädestiniert.

Zuletzt war sein Buch über «Himmlisches und Teuflisches in Goethes Faust» erschienen – Faust II und die anspielungsreiche Figur des «Knaben Lenker», eine Allegorie auf die Dichtkunst, kommen auch hier wieder vor.

Johannes Anderegg: Lorbeerkranz und Palmenzweig, Aisthesis Verlag Bielefeld, Fr. 49.90
Buchpräsentation: 13. Dezember, 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen

Das «poetische Lob» ist ein Feld, das auf Anhieb sehr zeitgebunden scheint, und in der Tat führen Anderegg seine «Streifzüge», wie er das Buch nennt, zur Hauptsache in das 17. und 18. Jahrhundert. Da kommen Namen vor, die man auch als gewöhnlich Sterblicher kennt oder jedenfalls schon gehört hat: Klopstock, Herder und der grösste von allen, Hölderlin, daneben die barocken Vorgänger wie Opitz, Jacob Balde oder die einzige Frau im Dichterolymp, Catharina von Greiffenberg. Pate stehen die antiken lorbeerbekränzten  Dichterhelden, Horaz und Pindar.

Andereggs detailreiche und farbig erzählte Darstellung macht klar, dass bei aller Zeitgebundenheit im poetischen Lob zeitlose menschliche Bedürfnisse mitschwingen – und nicht immer nur uneigennützige. Lob und Preis gelten der Natur oder, in der Psalmdichtung, Gott. Gelobt werden die Freunde, die Trunkenheit, die Dichtkunst oder die Schönheit der Geliebten.

Gelobt wird voller Symbolgehalt – so preist der Dichter Barthold Heinrich Brockes die «Berg-Kristallen gleichen Bäche», deren Wasser zugleich die Schifffahrt in seiner Heimatstadt Hamburg ermöglichen und die Wirtschaft ankurbeln. Gepriesen werden mit besonderer Inbrunst auch Fürsten und Könige, die Brotherren der Dichter. Das ist in der Feudalzeit so, und das findet noch bei Bert Brecht seinen Widerhall, wenn er in seinen Theaterstücken das «Lob der Partei» singt oder das «Lob des Kommunismus».

Rühmen heisst retten

Solche Bezüge zur neueren Zeit bringt der Autor allerdings nur zurückhaltend zur Sprache. Im Epilog des Buches sind es Rilkes Sonette an Orpheus und Duineser Elegien, die den Kern des poetischen Lobs noch einmal deutlich machen: Rühmen ist bei Rilke ein Akt der Rettung vor dem «Schwinden», vor dem Verlust beständiger Werte, vor der Vergänglichkeit der Dinge und Menschen überhaupt. Erst was poetisch gerühmt wird, hat eine dauerhafte Existenz.

 

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek