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«Mein Vater nennt mich einen Nazi»

Pussy Riot machen auf europäischen Bühnen Lärm gegen Putins Krieg. In der Grabenhalle sprechen die Bandmitglieder Diana Burkot und Taso Pletner über Protest, Propaganda und ihre weiteren Pläne. von Adrian Lemmenmeier und Roman Hertler
Von  Roman Hertler
Maria Aljochina heizt dem Publikum in der Grabenhalle St.Gallen ein. (Bilder: Mario Baronchelli)

Die Pussy-Riot-Tickets für den 27. Dezember sind bald einmal ausverkauft. Die Grabenhalle platzt aus allen Nähten. Von überall her prasselten bis zuletzt Anfragen rein, und beim Abendessen im «Schwarzen Engel» vertickte Anton Ponomarev, der Teilzeit-Saxophonist der Riots, einer suchenden Mittfünfzigerin noch ein vorrätiges Billet, das eine Bekannte von ihm aus Zürich gekauft hatte, die kurzfristig absagen musste.

Die Stimmung in der Halle wirkt zwar aufgeladen bis kämpferisch und beschwingt, stellenweise aber auch leicht verhalten. Die Weihnachtsvöllerei fordert ihren Tribut. Zu verdauen gilt es aber nicht nur Bourguignon und andere Fett- und Proteinhämmer, sondern auch eine geballte Ladung realpolitischer Zustände in unmittelbarer europäischer Nachbarschaft. Die Antikriegsparolen und die eindrücklichen Schilderungen aus dem russischen Protest- und Haftalltag lassen bei manchen das zu Beginn noch fröhlich geschwungene Tanzbein erlahmen und dafür Tränen der Ergriffenheit hochsteigen.

Saiten trifft Pussy Riot nach der energetischen Performance im Backstage der Grabenhalle. Maria Aljochina, die die Buchvorlage zur Show geschrieben hat, zieht sich bald ins Hotel zurück, ebenso Olga Borisova. Der Saxophonist schleicht ein bisschen durch die Gegend und der Fahrer der Band, ein massiger, rocktragender Tscheche, packt sich lachend zwei Weinflaschen in die verbeulte Lederweste. Zigarettenqualm wabert übers Käseplättli, und Taso schlipft vor dem Kühlschrank in einer kleinen Bierpfütze aus. Kurzes Gelächter, dann beginnt das Interview. Diana schmiegt sich mit ihrem schweigsamen Freund in ein Einersofa, Taso tigert unruhig hin und her.

 

Saiten: Ihr wurdet in Bern wegen eines Anti-Kriegsgraffito von der Polizei festgehalten. Wie war eure Ankunft in St.Gallen?

Taso Pletner: Das in Bern war echt eine brutale Festnahme. Sie legten uns in Handschellen auf den Boden und fuhren uns dann in unterschiedlichen Wagen auf den Posten. Ich kam als erste an und sie verlangten von mir, dass ich mich zur Untersuchung nackt ausziehe. Ein klarer Verstoss gegen meine Rechte. Als sie dann merkten, dass wir Pussy Riot sind, waren sie auf einmal sehr nett. Für einfache Leute gelten hier scheinbar andere Massstäbe als für Promis. Das ist beängstigend.

Diana Burkot: Das alles wegen Kriegskritik an einer Mauer. Am nächsten Tag haben sie unser Graffito dann weggeputzt. Alle anderen Tags aber waren noch dort. Was soll das? Anscheinend müssen wir dafür jetzt eine Busse zahlen.

Habt ihr euch in St.Gallen auch mit Graffiti verewigt?

TP: Bis jetzt nicht. Aber wir machen das in jeder Stadt, wo wir auftreten. Die Graffiti zeigen ein Strassenschild mit einer Kilometerzahl zur ukrainischen Grenze. Das soll den Leuten klarmachen, dass der Krieg näher ist, als man denkt.

Taso Pletner spricht, singt und querflötet bei Pussy Riot.

Ihr tourt durch Europa. Was wollt ihr mit euren Konzerten erreichen?

TP: Wir fordern ein totales Embargo für russisches Gas und weitere persönliche Sanktionen gegen russische Oligarchen. Das ist gerade für die Schweiz wichtig, wo besonders viel russisches Geld liegt! Und ganz generell fordern wir alle Menschen auf, nicht gleichgültig zu sein gegenüber diesem Krieg.

DB: Mit Gleichgültigkeit fängt alles an. Russland ist das Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn die Jugend sich nicht für Politik interessiert. Oder auch Polen, wo man im 21. Jahrhundert Abtreibungen verbietet. Dabei ist alles politisch. Jede Sekunde des Lebens. In Russland hat es die Propaganda leider geschafft, den Leuten das Gegenteil einzutrichtern.

Euer neuer Clip heisst Mama, schau kein Fernsehen!. Es ist klar, dass das Fernsehen die Meinung vieler Russ:innen prägt. Aber mittlerweile ist die Propaganda dermassen absurd, dass es manchmal schwer fällt zu glauben, dass noch jemand drauf reinfällt.

DB: Das stimmt. Wer heute zum ersten Mal den Fernseher einschaltet, hat wohl diesen Eindruck. Aber die Propaganda hat ja nicht gestern begonnen. Das ist ein schleichender Prozess. Wer über Jahre hinweg russisches Fernsehen schaut, hat selbst als gebildeter Mensch einen völlig anderen Informationshintergrund. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen.

Bitte.

DB: Mein Vater kommt aus der Ukraine. Er ist in Cherson aufgewachsen und hat danach in Moskau studiert. Nach dem Studium ist er in Russland geblieben. Heute glaubt er alles, was ihm die Staatspropaganda erzählt. Er unterstützt Putin und nennt mich einen Nazi, eine Faschistin und eine Satanistin.

TP: Dazu kommt, dass jene Leute in Russland, die jeden Tag zwölf Stunden in einer Fabrik arbeiten und am Abend den Fernseher einschalten, einfach positive Geschichten hören wollen.

Sie verschliessen bewusst die Augen vor der Realität?

TP: Auf jeden Fall. Die Menschen in der russischen Provinz arbeiten für ein paar Rubel. Das ist kein Leben, sondern ein Überleben. Da will man nicht auch noch zu einem Land gehören, das einen brutalen Angriffskrieg führt. Die Propaganda bietet den Menschen eine Erfolgsgeschichte, die sie dankend annehmen. Dazu kommt dann noch die Kirche. Sie sagt, dass jene ins Paradies kommen, die für das Vaterland sterben.

Öffentlich gegen den Krieg zu sein, ist in Russland ja auch sehr gefährlich. Allein wer Fakten verbreitet, die der offiziellen Linie widersprechen, kann jahrelang im Gefängnis landen. Ist der russische Widerstand am Ende?

TP: Schwer zu sagen, ich habe Russland vor einem halben Jahr verlassen. Doch schon vor dem Krieg hat die Repression stark zugenommen. Leute von Pussy Riot etwa wurden im Sommer vor einem Jahr mehrfach einfach so festgenommen, quasi aus einer Zelle freigelassen, um in der nächsten zu landen. Du gehst nach draussen und wirst präventiv für 15 Tage festgenommen. Das hält keiner aus. Viele haben Russland schon damals verlassen.

DB: Der Widerstand ist nicht tot. Es gibt so etwas wie einen Partisanenkampf. Einige werfen Brandbomben auf Armeegebäude, andere verkleben den öffentlichen Raum mit Anti-Kriegs-Stickers, wieder andere sind im Netz aktiv. Jeder einzelne kleine Protest zeigt, dass es Leute gibt, die nicht einverstanden sind mit diesem Krieg.

Was erhofft ihr euch denn für Russland?

DB: Einen Systemwechsel, Demokratie, Menschenrechte, faire Löhne und so weiter.

TP: Bei uns wird ein Mann, der seiner Frau die Hand abschneidet, weniger hart bestraft als einer, der sich gegen den Krieg äussert. Russland muss sich endlich aus dem Mittelalter verabschieden. Und natürlich muss Putin und seiner Junta in Den Haag der Prozess gemacht werden.

Ihr verkündet auf der Bühne eine neue russische Revolution. Sind wir davon nicht noch meilenweit entfernt?

DB: Das glaube ich nicht. Aber wer weiss das schon? Unser Fokus muss derzeit nicht auf Russland liegen, sondern auf der Ukraine. Dort haben die Leute wegen russischer Raketen keinen Strom und kein Wasser. Demgegenüber ist man in Russland privilegiert.

Wie wird eure Protestkunst denn in der Ukraine wahrgenommen? Seid ihr dort aufgetreten?

TP: Nein, wir hatten dort nie einen Auftritt. Wir hatten sehr positive und sehr negative Reaktionen auf unsere Aktionen, wie überall sonst auch. Das ist uns egal. Die Ukrainer:innen haben derzeit das Recht auf jede erdenkliche Reaktion.

Eure Gruppe wurde mit dem Anti-Putin-Gebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale 2012 weltberühmt. Was ist Pussy Riot heute?

DB: Das Prinzip von Pussy Riot gilt damals wie heute: Pussy Riot ist ein offenes Kollektiv von Künstler:innen und Aktivist:innen. Man kann bei uns kommen und gehen und protestieren, in welcher Form man auch immer möchte.

Diana Burkot ist Gründungsmitglied und schreibt die Musik für die aktuelle Pussy-Riot-Show.

Wie geht es bei euch weiter? Was sind eure Pläne?

DB: Wir wollen neue Lieder schreiben, zum Beispiel zum wichtigen Thema Propaganda. Mascha (gemeint ist Marija Aljochina, Anm. der Red.) plant ein neues Buch, ich will mehr Musik machen, Taso mehr Bühnenperformance. Der Fokus wird wohl nicht nur auf der Ukraine liegen.

Sondern?

DB: Wir möchten etwas zum Iran machen, wollen den Kampf der Menschen dort unterstützen. Klar kann man sich fragen, ob wir das Recht dazu haben, schliesslich ist das nicht unsere Kultur. Aber schliesslich ist der Kampf derselbe wie in Russland: ein Kampf für Feminismus und für Menschenrechte.

 

Taso Pletner, 1997, ist Schauspielerin und Regisseurin. Sie hat an der Schule des Moskauer Kunsttheaters MCHAT unterrichtet mit dem Fokus auf Dokumentarisches Theater. Sie bezeichnet sich als internationale Feministin.

Diana Burkot, 1985, ist seit 2011 Mitglied von Pussy Riot. Sie hat 2012 am berüchtigten Punk-Gebet in Russlands grösster Kirche teilgenommen, blieb aber acht Jahre lang anonym, um nicht belangt zu werden. Für die jetzige Tour von Pussy Riot schreibt sie die Musik.

Das Interview wurde auf Russisch geführt. Übersetzt hat Adrian Lemmenmeier.

Kyrill I., Wladimir Putin, Maria Aljochina

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