Marija Aljochina verbeugt sich, wirft die langen Locken nach hinten und hopst von der Bühne. Eine junge Frau mit einem schüchternen Lächeln, als hätte sie gerade ein Gedicht vorgetragen. Hat sie auch. Allerdings vor sieben Jahren und nicht hier auf einer Bühne im Kulturladen Konstanz am Freitag, sondern in einer Kirche in Moskau. Vierzig Sekunden dauerte ihr Auftritt, dann wurde sie von Wachmännern verjagt. Jetzt winkt sie noch einmal und verschwindet im Backstage.
Das Publikum ist an diesem Abend so bunt wie selten. Von der jungen Studentin in Nietenjacke bis zum graubärtigen Althippie ist alles dabei. Auch die Motivationen für den Besuch der Pussy-Riot-Performance sind unterschiedlich. Manche haben die Frauen bislang nur in der Tagesschau gesehen, andere sind eingefleischte Fans und lassen sich nach der Show die Brüste signieren.
Das Feindbild: Putin und der Patriarch
Nach der Show, das bedeutet: nach eineinhalb Stunden konzentriertem Zuhören. Auf der Bühne: eine Videoprojektion mit Bildern aus Russland. Pussy Riot in der Kirche, auf der Flucht, im Gerichtssaal, im Gefangenenlager. Dazwischen immer wieder das Feindbild: Putin und der Patriarch. Die vier Protagonisten auf der Bühne schreien zu einem Beat mit treibenden Drums und Trompeten den Text aus dem Buch Riot Days, das Marija Aljochina unter dem Pseudonym Mascha Alechina veröffentlicht hat, in ihre Mikrofone.
Der Text beinhaltet die autobiografische Geschichte, Zitate von Revolutionären wie Fidel Castro sowie poetisch anmutende Passagen aus dem persönlichen Tagebuch. Auf der Leinwand deutsche Untertitel. Das Tempo ist rasant, für die Show bleibt kaum Raum, wenn man die Performance dokumentarisch begreift und der Handlung folgen will. Erzählt wird Folgendes:
Mascha Alechina: Tage des Aufstands – Riot Days. Aus dem Russischen von Maria Rajer. Ciconia Ciconia, Berlin 2017.
Moskau 2011, «in diesem Winter haben der kleine, graue Tschekist Putin und der in einen Anzug geblasene, spielzeugartige Medwedew beschlossen, die Plätze des Premiers und des Präsidenten zu tauschen.» Ein Kollektiv von jungen Frauen beschliesst, dass es an der Zeit ist, eine Revolution zu starten. Sie treffen sich in einem verlassenen Fabrikgebäude, proben ihre Auftritte und zerschneiden bunte Wollmützen. Sie nennen sich «Pussy Riot». «Wir wurden von der Bewegung Riot Grrrl inspiriert. Wir nennen uns Pussy Riot, weil das erste Wort das Frauenbild eines Sexisten symbolisiert – die Frau als ein sanftes, passives Wesen, und Riot ist unsere Antwort darauf», so wird Katja Samuzewitsch, eine der Aktivistinnen, zitiert.
Sie wollen eine andere Geschichte
Der erste Auftritt in der Öffentlichkeit ist auf dem Roten Platz in Moskau. Acht Frauen schwenken eine Fahne mit einem Venussymbol und einer geballten Faust in der Mitte. Das mitgebrachte Plakat brennt nicht, obwohl sie es einen Monat lang geprobt haben. Bei minus 11 Grad ändern sich die Verhältnisse. Die Frauen werden verhaftet, sie sagen, sie gehörten einer Theatergruppe an, und geben falsche Namen an. Es funktioniert bei allen ausser bei Mascha. Sie kommt frei, doch die Polizei kennt jetzt ihre Identität.
Die zweite Aktion erfordert wieder wochenlange Proben. In Russland verschwimmen die Grenzen zwischen Staat und Kirche. Putin verbrüdert sich mit dem Patriarchen, es gibt Gerüchte über eine gemeinsame KGB-Vergangenheit. Daher wird die Christ-Erlöser-Kathedrale gewählt.
Wie schmuggelt man Gitarren und Verstärker in eine bewachte Kirche? Wie benimmt man sich möglichst unauffällig an einem Ort, an den man sonst nur als Braut oder Putzfrau kommt? Die vier Aktivistinnen senden ihren 40-sekündigen Auftritt per Videobotschaft in die ganze Welt. Ihnen gelingt die Flucht, sie werden von der Polizei verfolgt und letztlich doch verhaftet. Maschas Sohn ist zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Sie wird zwei Jahre lang nicht nach Hause zurückkehren.
«Für mich zieht Madonna im Fernsehen ihr T-Shirt aus»
Es folgt ein Bericht über die Zeit bis zum Prozess, der einem absurden Theaterstück gleicht, und das Leben in Gefangenschaft. Als politische Gefangene hat Mascha keine Gewalt zu befürchten. Die ganze Welt kennt ihr Gesicht, die Solidarität ist grenzenlos. «Ich habe nichts zu befürchten, ich bin eine Politische, für mich zieht Madonna im Fernsehen ihr T-Shirt aus. Aber sie werden bestraft. Und ich weiss das.» Gemeint sind ihre Mitinsassinnen, die harte Repressalien zu spüren bekommen, wenn sie nur mit ihr an einem Tisch sitzen oder gemeinsam rauchen.
Mascha lässt sich in der Gefangenschaft nicht unterkriegen. Riot bleibt auch hier die Grundhaltung. Sobald sie eine Ungerechtigkeit sieht, geht sie dagegen an, bis diese beseitigt ist. Auf juristischen Wegen oder mit Hungerstreiks. Sie gewinnt als erste Gefangene einen Prozess gegen einen Wärter, der ihr das Schlafen am Tag verbietet. Sie erreicht, dass Türschlösser entfernt, Telefone aufgestockt und Gehälter ausbezahlt werden. Dank ihr gibt es Milch in den Kaffee.
Die Performance und das Buch erzählen die Geschichte bis zur Begnadigung, die im Dezember 2013 aufgrund der bevorstehenden Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der russischen Verfassung und der Olympischen Spiele in Sotschi verfügt wurde. Über 25’000 in Russland Inhaftierte wurden im Rahmen dieser Amnestie freigelassen, so auch Mascha. Sie sitzt in einem Auto, das immer schneller wird, und zieht als Fazit: «Es gibt keine Freiheit, wenn man nicht täglich für sie kämpft.»
Absolut beeindruckend ist es, neben der Lektüre des Buches, diese junge Frau auf der Bühne zu sehen. Einen Meter sechzig gross und allein stellt sie sich gegen das Putin-Regime. Und nichts vermag sie aufzuhalten. Welche Macht doch die Wut einer Frau haben kann…
Mascha Alechina wurde 1988 in Moskau geboren. War aktives Mitglied von Pussy Riot und wurde nach dem Punk-Gebet in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zusammen mit Nadja Tolokonnikowa zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Bis zu ihrer Festnahme studierte sie Journalismus und kreatives Schreiben in Moskau. Die Haft verbrachte Alechina in den Strafkolonien von Beresniki und Nischni Nowgorod. Seit ihrer Freilassung ist sie vor allem als politische Aktivistin tätig, unter anderem ist sie Mitbegründerin des Online-Portals «Mediazona». 2014 wurde ihr gemeinsam mit Juri Andruchowytsch und Nadja Tolokonnikowa der Hannah Arendt-Preis verliehen.
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