Gertrud führt mal wieder eine grosse Klappe. Auch wenn das St.Galler Figurentheater diesmal nicht von Kindern, sondern von angehenden Lehrerinnen und Lehrern gefüllt ist, kann sie es nicht lassen, über alle herzuziehen – besonders über Frauke Jacobi, ihre Chefin.
Diese bietet zusammen mit Klappmaulpuppe Gertrud und mit einem Probenausschnitt aus Cinderella am Kulturtag der PHSG den Studierenden gleich eine ganze Vorstellung – und macht so klar, dass Kasperli starke Konkurrenz hat. Schauspiel, Marionetten, Handpuppen, Knetfiguren, Animationen, Schattenspiel: Die Mittel sind so vielfältig wie die Stücke und das Publikum, sagt Theaterleiterin Jacobi. Und probt mit den PH-Studierenden kurzerhand ein paar Handbewegungen – sprechende Hände als universale Sprache.
Bloss eine Altersgruppe lasse sich immer noch vom etwas angestaubten Kasperli-Image abhalten: die Jugendlichen. Eine Vermittlungsaufgabe also, für das Theater wie für die Lehrerinnen und -lehrer der höheren Klassen.
Vermittlung ist das Generalthema beim zum zweiten Mal durchgeführten Kulturtag. Die Workshops fallen jedoch je nach Institution und Temperament höchst unterschiedlich aus. Die Museen bieten Führungen. Gabriela Krapf, die ihr Angebot «Störgesang» im Kulturkonsulat präsentiert, singt mit den künftigen Lehrerinnen frisch drauflos, Tonleitern zum Einsingen und dann gleich Jazzsongs – nach zögerlichem Beginn tönt der ad-hoc-Chor schon bald angstfrei und heiter. Enrico Lenzin trommelt mit seinen Gruppen, in der Kleinen Kunstschule diskutieren die Studierenden über den Weg hin zur Gestaltung und das Wecken der (eigenen wie der kindlichen) Kreativität. Auch die PH-eigene Theaterpädagogik bietet Live-Anschauungsunterricht.
Kultur als Beruf – zum Beispiel im Orchester
In der Tonhalle führt Stefanie Sampaio de Medeiras hinter die Kulissen und gibt Einblick in das Berufsleben einer Bratschistin und des Orchesters überhaupt. Was im Konzert als hehre Sinfonik zum Publikum kommt, hat seine heiteren wie ernsten «Produktionsbedingungen». Im Stübli der Schlagzeuger etwa findet man Filzbasteleien aller Art für die Schläger, Besen oder Hammer für Spezialeffekte – aber auch einen Töggeli- und Bierkasten. Die Notenarchivarin hat es mit teils völlig zerfleddertem Leihmaterial zu tun, zerquetschte Fliegen zwischen den Notenseiten zeugen von Openair-Aufführungen, kunstvolle Kritzeleien verraten den zeichenbegabten Klarinettisten.
Und dann der Lärm: Die angehenden Pädagoginnen erfahren unter anderem, dass jedes Orchestermitglied individuell geformte Silikon-Ohrstöpsel besitzt, dass man sich vor den Blech-, Holz- und Schlagwerk-Immissionen in den Proben mit Plexiglas-Schirmen schützt und die mittlere Lautstärke mit dem Startlärm eines Düsenjets vergleichbar ist.
Bei zwei Diensten oder sechs Stunden Probe im Tag könne der «Traumjob» Orchestermusikerin (wenn man denn eine der raren Stellen erobert hat) schon mal zum akustischen Alptraum werden, macht die Bratschistin klar. Und schwärmt dann ebenso leidenschaftlich von unvergesslichen Orchestermomenten. Solche versucht das St.Galler Sinfonieorchester auch Kindern und Jugendlichen zu bescheren – die Palette der Vermittlungsangebote reicht von Schulhauskonzerten bis zum Probenbesuch in der Tonhalle (Infos: jugend@tonhalle).
«Wir bieten Emotionen an», sagt Bratschistin Stefanie. Was für das Sinfonieorchester gilt, traf wohl für alle der rund 30 beteiligten Kulturinstitutionen zu.
Schulen setzen auf Kulturbeauftragte
Der Kulturtag, von der PHSG gemeinsam mit dem Amt für Kultur des Kantons und der Plattform kklick organisiert, habe das Ziel, die künftigen Lehrerinnen und Lehrer «mit Kultur zu impfen», sagt Regierungsrat Martin Klöti beim Schluss-Akt in der Lattich-Halle. Aufgabe des Staates sei es, gute Bedingungen für die Kultur zu schaffen, unter anderem mit den neuen Gesetzen für Kulturerbe und Kulturförderung. Gesetze sicherten den Raum für Kultur – aber machten auch klar: Kultur kostet.
Heidrun Neukamm, Prorektorin des Studiengangs Kindergarten und Primarstufe, betont ihrerseits die zentrale Rolle der kulturellen Bildung für die Pädagogische Hochschule und die Schule überhaupt. Die PHSG setze ausdrücklich ihren Schwerpunkt in der Kultur, gegen innen wie gegen aussen.
Und auch die Schulen machen mit – etwa 200 Schulhäuser im Kanton haben bereits einen Lehrer oder eine Lehrerin als Kulturbeauftragte bestimmt. Klötis Wunsch, in den über 400 am Kulturtag engagierten Studienanfängern der Primar- und Sekundarstufe künftige Kulturbeauftragte vor sich zu haben, könnte also in Erfüllung gehen.
… Mit Kultur geimpft …
Toller Start, da wäre man gern Studienanfängerin!
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