Kategorie
Autor:innen
Jahr

Morseküsse

Gagarine von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh ist ein aussergewöhnlicher Film, der zeigt, wie wichtig Freund:innen sind, die einen mit einem sanften Ruck am Seil daran hindern, ins Unendliche zu entgleiten. Ab Donnerstag im Kinok St.Gallen.
Von  Corinne Riedener
Bilder: Filmcoopi

Irgendwo in einem Lift leuchten Disco Lights im Kreis. Auf dem Dach des Plattenbaus turnt die elterliche Gymnastikgruppe, im Parterre spielen die Kinder Batman und Wasserpistölelis, die älteren Basketball. Oder sie sitzen breitbeinig auf ramponierten Campingstühlen und beobachten das fröhliche Treiben. Dazu läuft Mike Sinners On the Flip Of A Coin. Später wird eine grosse Schutzblache gehisst, unter der sich die Bewohner:innen versammeln, um gemeinsam die Sonnenfinsternis zu bestaunen. Willkommen in Gagarine!

Die Cité Gagarine liegt in Ivry im Südosten von Paris. Ein 14-stöckiger Plattenbau aus rotem Ziegelstein mit über 350 Wohnungen, benannt nach dem russischen Kosmonauten Juri Alexejewitsch Gagarin. Ein Dorf in der Stadt, sozusagen, man kennt sich, hilft sich, neckt sich. Auch Youri (Alseni Bathily), der die Idee zum gemeinsamen Sonnengucken hatte, lebt hier. Allein. Er ist wie besessen vom Himmel, von den Gestirnen und Sternen, träumt von einem Leben im All – wie sein Namensgeber. Youris wertvollster Besitz ist ein weisses Teleskop.

Das Vorzeigeprojekt im «roten Gürtel» von Paris

Die Cité Gagarine, wo der gleichnamige Film von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh spielt, gibt es wirklich, oder besser gesagt: gab es. Gebaut wurde der gigantische, T-förmige Sozialwohnungskomplex zwischen 1958 und 1961. Der links regierte Pariser Vorort Ivry-sur-Seine gehört zum ehemaligen «banlieue rouge», dem roten Gürtel der Arbeiter:innen um Paris, und hat schon damals Wert auf sozialen Wohnraum gelegt. Auch heute liegt der Anteil bei etwa 40 Prozent, anders als in vielen anderen Städten.

Als die Cité Gagarine 1963 feierlich eingeweiht wird – von Juri Gagarin höchstpersönlich –, schwärmen die neuen Bewohner:innen vom Komfort: fliessend Wasser, Aufzüge, Zentralheizung, grosszügige Küche. Viele von ihnen sind aus verlotterten, abbruchreifen Häusern und Hüttensiedlungen rund um Paris in das kommunistische Vorzeigeprojekt gezogen.

Ein urban-sozialistisches Idyll. Dann kamen die Ölkrisen, die Deindustrialisierung, die zunehmende Arbeitslosigkeit, der Neoliberalismus. Und nicht zuletzt: Nicolas Sarkozy, der in den Nullerjahren die französischen Vorstädte «aufräumen» wollte und alles dafür tat, um das Leben dort unattraktiv zu machen – bzw. nichts, wenn es um die Instandhaltung von sozialem Wohnraum ging.

Überleben in der tausendräumigen Bruchbude

Im Spätsommer 2019 wird die Cité Gagarine abgerissen. Weil abbruchreif und verlottert. Unbewohnbar. Sechs Monate davor setzt das Pariser Rap-Duo PNL der Cité noch ein letztes Denkmal: mit einem überdimensionalen Fassadenplakat. Der Clip zu Deux Frères, in dem es zu sehen ist, wurde millionenfach geklickt. Jetzt soll an dieser Stelle ein «Ökoviertel» entstehen. Viele Balkone, viel Holz und rundherum Grünflächen.

 

Auch im Film erleben Youri und seine Freund:innen Diana (Lyna Khoudri) und Houssam (Jamil McCraven) jeden Tag, was es heisst, in einer 16’000 Quadratmeter grossen Bruchbude zu leben: Die Leitungen lottern, das Licht streikt, die Lifte lahmen und der Asbest verpestet die Ritzen. Schier unermüdlich versuchen Youri und die andern ihren tausendräumigen Frachter in Schuss zu halten, doch kaum ist das eine Leck abgedichtet, öffnet sich wieder ein neues Loch.

Gagarine von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh: ab 9. Dezember im Kinok St.Gallen

kinok.ch

Die Gemeinde kapituliert schliesslich. Youri muss zusehen, wie eine Familie nach der andern auszieht, wie die Gemeinschaft zersplittert. Also verkriecht er sich in eine sichere Kapsel, sein neues «chez moi», um in dieser zunehmend lebensfeindlichen Umgebung zu überleben – wie die Astronauten im All. Zwischenzeitlich verbinden ihn nur noch Morsezeichen mit der Aussenwelt, vor allem mit Diana. Gagarine ist auch die Geschichte von einem, der nicht gehen kann und einer, die nicht bleiben kann.

Freundschaft hält uns am Boden

Die Grenzen zwischen Fantasie und Realität verschwimmen von Szene zu Szene, getragen von entrückter Musik und einer Kamera so schwerelos wie Youri sich fühlt. Das Knacken im Funk, die ikonischen Aufnahmen der Parabolschüsseln, Kamine und Kabel, die Zeitlupen und gut gewählten Momente der Stille – all das lässt die verlassene Cité plötzlich ganz klein erschienen. Ein einsamer Raumfrachter im Kosmos auf der Suche nach weiterem Leben.

Fanny Liatard und Jérémy Trouilh haben mit Gagarine einen aussergewöhnlichen Film geschaffen. Er zeigt, wie mächtig die Vorstellungskraft sein kann, wenn man sie lässt, aber auch, wie schnell man sich in ihr verlieren kann. Und wie wichtig Freund:innen sind, die einen mit einem sanften Ruck am Seil daran hindern, ins Unendliche zu entgleiten. Oder mit Morseküssen.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02