Irgendwo in einem Lift leuchten Disco Lights im Kreis. Auf dem Dach des Plattenbaus turnt die elterliche Gymnastikgruppe, im Parterre spielen die Kinder Batman und Wasserpistölelis, die älteren Basketball. Oder sie sitzen breitbeinig auf ramponierten Campingstühlen und beobachten das fröhliche Treiben. Dazu läuft Mike Sinners On the Flip Of A Coin. Später wird eine grosse Schutzblache gehisst, unter der sich die Bewohner:innen versammeln, um gemeinsam die Sonnenfinsternis zu bestaunen. Willkommen in Gagarine!
Die Cité Gagarine liegt in Ivry im Südosten von Paris. Ein 14-stöckiger Plattenbau aus rotem Ziegelstein mit über 350 Wohnungen, benannt nach dem russischen Kosmonauten Juri Alexejewitsch Gagarin. Ein Dorf in der Stadt, sozusagen, man kennt sich, hilft sich, neckt sich. Auch Youri (Alseni Bathily), der die Idee zum gemeinsamen Sonnengucken hatte, lebt hier. Allein. Er ist wie besessen vom Himmel, von den Gestirnen und Sternen, träumt von einem Leben im All – wie sein Namensgeber. Youris wertvollster Besitz ist ein weisses Teleskop.
Das Vorzeigeprojekt im «roten Gürtel» von Paris
Die Cité Gagarine, wo der gleichnamige Film von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh spielt, gibt es wirklich, oder besser gesagt: gab es. Gebaut wurde der gigantische, T-förmige Sozialwohnungskomplex zwischen 1958 und 1961. Der links regierte Pariser Vorort Ivry-sur-Seine gehört zum ehemaligen «banlieue rouge», dem roten Gürtel der Arbeiter:innen um Paris, und hat schon damals Wert auf sozialen Wohnraum gelegt. Auch heute liegt der Anteil bei etwa 40 Prozent, anders als in vielen anderen Städten.
Als die Cité Gagarine 1963 feierlich eingeweiht wird – von Juri Gagarin höchstpersönlich –, schwärmen die neuen Bewohner:innen vom Komfort: fliessend Wasser, Aufzüge, Zentralheizung, grosszügige Küche. Viele von ihnen sind aus verlotterten, abbruchreifen Häusern und Hüttensiedlungen rund um Paris in das kommunistische Vorzeigeprojekt gezogen.
Ein urban-sozialistisches Idyll. Dann kamen die Ölkrisen, die Deindustrialisierung, die zunehmende Arbeitslosigkeit, der Neoliberalismus. Und nicht zuletzt: Nicolas Sarkozy, der in den Nullerjahren die französischen Vorstädte «aufräumen» wollte und alles dafür tat, um das Leben dort unattraktiv zu machen – bzw. nichts, wenn es um die Instandhaltung von sozialem Wohnraum ging.
Überleben in der tausendräumigen Bruchbude
Im Spätsommer 2019 wird die Cité Gagarine abgerissen. Weil abbruchreif und verlottert. Unbewohnbar. Sechs Monate davor setzt das Pariser Rap-Duo PNL der Cité noch ein letztes Denkmal: mit einem überdimensionalen Fassadenplakat. Der Clip zu Deux Frères, in dem es zu sehen ist, wurde millionenfach geklickt. Jetzt soll an dieser Stelle ein «Ökoviertel» entstehen. Viele Balkone, viel Holz und rundherum Grünflächen.
Auch im Film erleben Youri und seine Freund:innen Diana (Lyna Khoudri) und Houssam (Jamil McCraven) jeden Tag, was es heisst, in einer 16’000 Quadratmeter grossen Bruchbude zu leben: Die Leitungen lottern, das Licht streikt, die Lifte lahmen und der Asbest verpestet die Ritzen. Schier unermüdlich versuchen Youri und die andern ihren tausendräumigen Frachter in Schuss zu halten, doch kaum ist das eine Leck abgedichtet, öffnet sich wieder ein neues Loch.
Gagarine von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh: ab 9. Dezember im Kinok St.Gallen
kinok.ch
Die Gemeinde kapituliert schliesslich. Youri muss zusehen, wie eine Familie nach der andern auszieht, wie die Gemeinschaft zersplittert. Also verkriecht er sich in eine sichere Kapsel, sein neues «chez moi», um in dieser zunehmend lebensfeindlichen Umgebung zu überleben – wie die Astronauten im All. Zwischenzeitlich verbinden ihn nur noch Morsezeichen mit der Aussenwelt, vor allem mit Diana. Gagarine ist auch die Geschichte von einem, der nicht gehen kann und einer, die nicht bleiben kann.
Freundschaft hält uns am Boden
Die Grenzen zwischen Fantasie und Realität verschwimmen von Szene zu Szene, getragen von entrückter Musik und einer Kamera so schwerelos wie Youri sich fühlt. Das Knacken im Funk, die ikonischen Aufnahmen der Parabolschüsseln, Kamine und Kabel, die Zeitlupen und gut gewählten Momente der Stille – all das lässt die verlassene Cité plötzlich ganz klein erschienen. Ein einsamer Raumfrachter im Kosmos auf der Suche nach weiterem Leben.
Fanny Liatard und Jérémy Trouilh haben mit Gagarine einen aussergewöhnlichen Film geschaffen. Er zeigt, wie mächtig die Vorstellungskraft sein kann, wenn man sie lässt, aber auch, wie schnell man sich in ihr verlieren kann. Und wie wichtig Freund:innen sind, die einen mit einem sanften Ruck am Seil daran hindern, ins Unendliche zu entgleiten. Oder mit Morseküssen.
Tunneleröffnung
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