Lichter löschen in der Türkei. Landesweiter Stromausfall, auch die Megastadt Istanbul liegt im Dunkeln. Die Metapher ist vielleicht etwas gar naheliegend, passt aber. Erdoğans Schlinge ums Land zieht sich immer weiter zu: Die kurdische Freiheitsbewegung soll in die Knie gezwungen werden, Frauen und die LGBT+-Community werden der Gewalt überlassen und die Medien an der kurzen Leine gehalten. Düstere Aussichten für eine freie Gesellschaft.
Mehr als diesen metaphorischen Raum lässt Regisseurin Azra Deniz Okyay dem türkischen Präsidenten in ihrem Filmdebut zum Glück nicht. Politische Themen schneidet sie trotzdem an; Gentrifizierung, Frauenrechte, Migration. Hayaletler – Ghosts spielt in einem Quartier am Rande Istanbuls. Auch dort wird fleissig gentrifiziert: «The New Residences. Gebaut für Ihr wunderschönes neues Leben», heisst es im Radiowerbespot, präsentiert von Triomph Construction. «Wir bauen die neue Türkei, Schritt für Schritt.»
Noch ist das Bild aber geprägt von Uralt-Häusern, staubigen Kellern, Satellitenschüsseln, Beton, Graffitis und selbstgemalten Pogba-Fussballshirts. Hier spielt das Leben der vier Hauptfiguren, die sich im Verlauf des Films immer wieder kreuzen: Didem (Dilayda Güneş), Iffet (Nalan Kuruçim), Ela (Beril Kayar) und Raşit (Emrah Özdemir). Sie alle brauchen Geld und bessere Zeiten. Und Strom, wenn ihnen die Smartphones nicht ausgehen sollen. Diese spielen eine wesentliche Rolle im Film, nicht nur als Lichtblitzer in der stromlosen Stadt.
Die Frauen haben die Sorgen, die Männer die Kontakte
Didem trägt ständig Kopfhörer und träumt von einer Karriere als Tänzerin. Soeben wurde sie gefeuert, einmal mehr. Sie ist schwer verliebt in Kaan und Teil der Tanzgruppe Focus Girls, die sich gerade auf einen Wettbewerb vorbereitet. Sexismus ist für sie genauso alltäglich wie die ewige Suche nach neuen Gelegenheitsjobs.
Didem tröstet sich mit Hund Kont.
Iffet arbeitet bei der Strassenreinigung. Sie ist in grosser Sorge um ihren Sohn Asil, der unschuldig im total überfüllten Gefängnis sitzt, wo er auf dem Gang schläft und von den Mitgefangenen drangsaliert wird, schafft er es nicht, in drei Tagen 2000 Lira aufzutreiben – was Iffet verzweifelt versucht. Und dabei eine nach der andern raucht.
Ela ist Aktivistin und Teil eines queerfeministischen Künstlerinnenkollektivs, das gegen die Unterdrückung der Frauen kämpft und Gerechtigkeit für eine gewisse Nervin Yildirim fordert, die ihren Vergewaltiger ermordet und dafür lebenslänglich kassiert hat. Ausserdem engagiert sie sich gegen Korruption und ist die gute Seele der Kinder im Viertel.
Und dann ist da noch Raşit, die männliche und zwiespältigste Hauptfigur. Er verdingt sich als «Abbrecher» für die renditegeile Baubranche und vermietet nebenbei völlig überteuerte «Unterkünfte» an geflüchtete Syrer. Er ist es auch, der die Protagonistinnen fürs seltsame Filmende zusammenbringt, wenn auch ungeplant.
Rasit vor der «neuen Türkei».
Überhaupt sind es vor allem die Männer, die in Ghosts für Ärger sorgen mit ihrer kriminellen Energie. Nicht dass die Frauen untätig wären, aber sie agieren aus einer gewissen Verzweiflung heraus. Gelegenheit und Kontakte: Das haben die Männer. Das grosse Desaster bleibt zwar dank Iffets Umsicht aus, aber es hätte ebenso gut anders kommen können.
Hier die Ohrfeige, da die Party, dort die Geflüchteten
Als Zuschauerin bleibt man vielleicht etwas ratlos zurück. Zumindest dann, wenn man mit einem grandiosen Schlusstusch gerechnet hat. Was nicht ganz abwegig wäre, so wie sich die Handlung über die 90 Minuten entwickelt und zunehmend verschränkt. Doch Azra Deniz Okyay macht es ihrem Publikum nicht so einfach. Keine hollywoodeske Moral der Geschicht’, kein plattes Happy oder Sad End.
Hayaletler – Ghosts: ab Donnerstag im Kinok St.Gallen
Premiere in Anwesenheit der Regisseurin Azra Deniz Okyay: 21. Oktober, 20 Uhr
kinok.ch
Ghosts ist vielmehr eine Collage von Stimmungen und Momentaufnahmen. Themen wie Schlepperei, Korruption, Machtmissbrauch und Misogynie, aber auch der Zusammenhalt in der feministischen Community oder die enttäuschte Liebe werden nur angeschnitten. Wie gute und böse Geister scheinen sie da und dort auf zwischen den baufälligen Mauern der türkischen Vorstadtrealität. Hier die Ohrfeige wegen des zu kurzen Rocks, da die underground LGBT+-Party mit der Hymne für die Vielfalts, dort die syrischen Geflüchteten, denen 200 Lira pro Nacht für eine Bruchbude abgepresst werden.
Stellenweise ist das bedrückend. Der Stromausfall, die Uniformen und Helikopter tragen das ihre dazu bei. Aber es gibt auch das Handyflackern, die Lichtblicke. Azra Deniz Okyay zeichnet in ihrem Debüt nicht das banale Bild einer rückständigen Gesellschaft, wie es in Europa gerne gepflegt wird, sondern ein diverses, kämpferisches, liebendes, hoffnungsvolles – und ja, auch ein zerrissenes Istanbul.
Tunneleröffnung
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