Seit dem 20. Januar greift das türkische Militär gemeinsam mit salafistischen bzw. dschihadistischen Gruppierungen das Gebiet Afrin in Rojava an. KurdInnen muslimischen, alevitischen und jesidischen Glaubens bilden dort die Bevölkerungsmehrheit. Darüber hinaus ist das Gebiet Heimat christlicher AssyrerInnen und syrischer AraberInnen sowie vereinzelt von ArmenierInnen.
Die Stadt Afrin mit ihren umliegenden Dörfern im äussersten Nordwesten Syriens konnte seit Beginn des Kriegs trotz wiederholter Angriffe durch die Nusra-Front, den Islamischen Staat (IS) oder andere islamistische Gruppen sowie das türkische Militär relative Stabilität und den Frieden bewahren. Mehr noch wurde Afrin vor allem ab 2015 für hunderttausende Binnenflüchtlinge aus Aleppo und den umliegenden Gebieten trotz Embargo und Isolation ein sicherer Hafen. Bis jetzt. Denn die türkische Armee und verbündete Salafisten bzw. Dschihadisten unter dem Label der Freien Syrischen Armee (FSA) greifen momentan nicht nur Flüchtlinge gezielt an, sondern verursachen auch neue Fluchtbewegungen.
Bei den vom türkischen Militär geführten Angriffen vom Boden und aus der Luft sind mehrere hundert ZivilistInnen, darunter viele Kinder, getötet worden. Die Zahl der Verwundeten ist kaum einzuschätzen. Bei einem grossen Teil dieser zivilen Opfer handelt es sich um syrische Binnenflüchtlinge. Gezielt werden zivile Wohngebiete bombardiert, ganze Dörfer werden dem Erdboden gleichgemacht und systematisch Infrastruktur wie Wasseraufbereitungsanlagen zerstört.
Videoaufnahmen belegen Kriegsverbrechen, etwa die Leichenschändung der YPJ-Kämpferin Barin Kobane, und auch Folter und Misshandlungen von gefangenen KämpferInnen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten und verschleppten ZivilistInnen.
Das türkische Militär führt gemeinsam mit Islamisten einen Angriffskrieg gegen ein Gebiet, das innerhalb der syrischen Staatsgrenzen liegt. Der türkische Überfall mit dem Ziel, Afrin zu besetzen und ethnische Säuberungen durchzuführen, stellt einen klaren Völkerrechtsbruch dar und muss auch so benannt und verurteilt werden. Hinzu kommt, dass der NATO-Partner Türkei und seine islamistischen Verbündeten diese Verbrechen mit deutschen Leopard-II-Panzern und Waffen begehen. Mit diesen Waffen aus deutscher Produktion wird nicht nur die Zivilbevölkerung bekämpft, sondern auch jene Frauen und Männer, die aufopferungsvoll den IS in ihrer Hochburg Rakka, in Kobanê und anderen Orten besiegt und somit auch unsere Sicherheit in Europa verteidigt haben.
Afrin ist eines von drei demokratisch selbstverwalteten Gebieten der Demokratischen Föderation Rojava/Nordsyrien. Seit 2012 wird hier das Projekt des Demokratischen Konföderalismus trotz Krieg und Embargo aufgebaut. Dieses strebt die gleichberechtigte Selbstverwaltung und demokratische Selbstbestimmung von Ethnien, Religionen und Geschlechtern an. Unter der Führung von Frauen findet ein Aufbruch statt, der für die gesamte Region richtungsweisend ist und ein Lösungsmodell für jahrzehntealte Konflikte darstellen kann.
Dieses Projekt, das Hoffnung auf ein friedliches und demokratisches Syrien macht und einen positiven Effekt auf die gesamte Region haben kann, verdient unsere Unterstützung. Die türkischen Angriffe jedoch unterhöhlen die Chance auf eine baldige Lösung im syrischen Konflikt, sie destabilisieren die gesamte Region weiter, führen zu noch mehr Leid und Flucht. Vor allem die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen in Afrin sind ernsthaft mit der Gefahr eines Völkermords konfrontiert.
In der Türkei selbst werden alle Menschen, die sich gegen diesen Krieg und für Frieden aussprechen, als Terroristen und Vaterlandsverräterinnen abgestempelt. Bisher sind mehr als 600 Menschen verhaftet worden, weil sie sich öffentlich oder auf sozialen Medien gegen den Angriffskrieg auf Afrin ausgesprochen haben. Auch deshalb ist es von grosser Bedeutung, dass wir unsere Stimme gegen Erdogans Krieg erheben.
Gülistan Aslan, 1979, schreibt die Stimmrecht-Kolumne von Saiten. Sie ist aus Bitlis (Kurdistan) in die Schweiz gekommen, lebt in Herisau und ist Co-Präsidentin des Demokratischen Kurdischen Gesellschaftszentrum St.Gallen und beim kurdischen Frauenbüro für Frieden e.V.
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