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Visionäre Feministinnen

Aus dem Dezemberheft: Gülistan Aslan über russische Revolutionärinnen und ihren Kampf gegen das Patriarchat.
Von  Gastbeitrag
Gülistan Aslan, fotografiert von Ladina Bischof.

Revolutionäre Umbrüche wurden nicht nur von Männern getragen. Denken wir an die russische Revolutionärin Nadeschda Krupskaja: Die Pädagogin und Mitbegründerin des sowjetischen Erziehungssystems widmete ihre ganze Kraft der Arbeiterklasse. Trotzki schrieb 1938: «Die Stellung der Frau ist der anschaulichste und wirkungsvollste Indikator, um die Entwicklung eines sozialistischen Regimes einer staatlichen Politik einzuschätzen». Ähnlich sagt es auch Abdullah Öcalan: «Die Verbindung zwischen der Freiheit der Frauen und der demokratischen Lösung ist offensichtlich. Die Lösung wird durch das Recht der Frauen auf Gleichheit und Freiheit verwirklicht.»

Eine der bedeutendsten Vertreterinnen der sozialistischen Frauenbewegung war Alexandra Kollontai. Obwohl sie aus gutbürgerlichen Verhältnissen kam, engagierte sie sich für die Arbeiterrechte, besonders jene der Arbeitnehmerinnen. Trotz elterlicher Ermahnung stand Kollontai in engem Kontakt mit den führenden Kreisen der Revolutionäre. «Die Frauen und ihr Schicksal beschäftigten mich ein Leben lang, und ihr Los war es auch, das mich zum Sozialismus führte», sagte sie einst.

Mit ihrem Kampf gegen das Patriarchat war sie ein Dorn im Auge der Genossen. Schon früh kritisierte sie, wie wenig sich die Sozialdemokraten mit dem Schicksal der Frauen beschäftigten. Dafür wurde sie von vielen Parteigenossen bitter bekämpft. 1908 musste sie ins Exil, da sie in ihren Schriften vehement gegen die Regierung agitierte. Selbst im Exil stellte sie auf Grund ihrer marxistischen Schriften für die Konterrevolutionäre eine Bedrohung dar. Zurück in Russland schloss sie sich 1915 den Bolschewiki an und sass somit im Zentrum der Revolution. 1917 gehörte sie als erste Frau dem sowjetischen Kabinett an und war damit auch gleichzeitig die erste Ministerin weltweit.

Später unter Stalin wurde eine Diskussion zur Frauenproblematik nicht mehr zugelassen. Er stützte sich auf ein traditionelles Familienbild und hat verordnet, dass nicht freie Liebe gilt, sondern Kinderkriegen der Zweck einer kommunistischen Ehe zu sein hat. Kollontai trat aus der Politik zurück.

Ich sehe in ihr mehr als nur eine Frau, die 1946 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde. Ich sehe eine Frau, die revolutionäre Perspektiven bot, die wir heute im Gesellschaftsmodell des demokratischen Konförderalismus wiederfinden. Früh lehrte sie die Wichtigkeit der gleichen Beteiligung der Frauen beim Neuaufbau der Gesellschaft. Denn – frei nach Öcalan: «Eine Gesellschaft kann nicht frei sein, wenn die Frauen nicht frei sind.»

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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