Revolutionäre Umbrüche wurden nicht nur von Männern getragen. Denken wir an die russische Revolutionärin Nadeschda Krupskaja: Die Pädagogin und Mitbegründerin des sowjetischen Erziehungssystems widmete ihre ganze Kraft der Arbeiterklasse. Trotzki schrieb 1938: «Die Stellung der Frau ist der anschaulichste und wirkungsvollste Indikator, um die Entwicklung eines sozialistischen Regimes einer staatlichen Politik einzuschätzen». Ähnlich sagt es auch Abdullah Öcalan: «Die Verbindung zwischen der Freiheit der Frauen und der demokratischen Lösung ist offensichtlich. Die Lösung wird durch das Recht der Frauen auf Gleichheit und Freiheit verwirklicht.»
Eine der bedeutendsten Vertreterinnen der sozialistischen Frauenbewegung war Alexandra Kollontai. Obwohl sie aus gutbürgerlichen Verhältnissen kam, engagierte sie sich für die Arbeiterrechte, besonders jene der Arbeitnehmerinnen. Trotz elterlicher Ermahnung stand Kollontai in engem Kontakt mit den führenden Kreisen der Revolutionäre. «Die Frauen und ihr Schicksal beschäftigten mich ein Leben lang, und ihr Los war es auch, das mich zum Sozialismus führte», sagte sie einst.
Mit ihrem Kampf gegen das Patriarchat war sie ein Dorn im Auge der Genossen. Schon früh kritisierte sie, wie wenig sich die Sozialdemokraten mit dem Schicksal der Frauen beschäftigten. Dafür wurde sie von vielen Parteigenossen bitter bekämpft. 1908 musste sie ins Exil, da sie in ihren Schriften vehement gegen die Regierung agitierte. Selbst im Exil stellte sie auf Grund ihrer marxistischen Schriften für die Konterrevolutionäre eine Bedrohung dar. Zurück in Russland schloss sie sich 1915 den Bolschewiki an und sass somit im Zentrum der Revolution. 1917 gehörte sie als erste Frau dem sowjetischen Kabinett an und war damit auch gleichzeitig die erste Ministerin weltweit.
Später unter Stalin wurde eine Diskussion zur Frauenproblematik nicht mehr zugelassen. Er stützte sich auf ein traditionelles Familienbild und hat verordnet, dass nicht freie Liebe gilt, sondern Kinderkriegen der Zweck einer kommunistischen Ehe zu sein hat. Kollontai trat aus der Politik zurück.
Ich sehe in ihr mehr als nur eine Frau, die 1946 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde. Ich sehe eine Frau, die revolutionäre Perspektiven bot, die wir heute im Gesellschaftsmodell des demokratischen Konförderalismus wiederfinden. Früh lehrte sie die Wichtigkeit der gleichen Beteiligung der Frauen beim Neuaufbau der Gesellschaft. Denn – frei nach Öcalan: «Eine Gesellschaft kann nicht frei sein, wenn die Frauen nicht frei sind.»
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
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Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz
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Doppeltes Jubiläum: Im Mai jährt sich das Martyrium der St.Galler Stadtheiligen Wiborada zum 1100. Mal. Und der Verein Wyborada, der 1987 die gleichnamige feministische Bibliothek eröffnete, feiert sein 40-Jahr-Jubiläum. Ausserdem im Mai-Heft: Das Gespräch zwischen Florian Vetsch und dem St.Galler Autor Christoph Keller über dessen neuen Roman.
Abbau von über 46 Vollzeitstellen in der Verwaltung, Schliessung des Volksbades, zusätzliche Blitzer für die Stadtpolizei: Mit solchen Massnahmen will die St.Galler Stadtregierung bis 2029 das jährliche Loch in der Stadtkasse um 17,1 Millionen Franken reduzieren.
Die Ostschweizer Band Team Negroni hat eine Vinyl-Platte mit Coversongs herausgebracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gallischen Grabenhalle getauft.
Pure Zeitverschwendung oder endlich mal eine Pause im durchgetakteten Rhythmus der Tage? Drei Performer:innen nähern sich dem Phänomen des Wartens künstlerisch-wissenschaftlich an.
Das Kollektiv Dance Me to the End setzt sich für die Sichtbarkeit von Altern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai präsentiert es zwei verschiedene Tanzstücke in der St.Galler Lokremise. Saiten hat mit drei Kollektivmitgliedern gesprochen.
Pankraz Vorster war der letzte Fürstabt von St.Gallen. Sein Tagebuch liefert wertvolle Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Das Stiftsarchiv St.Gallen hat die Handschrift als Edition veröffentlicht und vergangenen Mittwoch einen Einblick gegeben.
In ihren Songs verarbeitet die Winterthurer Band Anger Mgmt. die psychischen Probleme ihres Sängers. Heute erscheint ihr zweites Album, das erneut in die inneren Abgründe führt. Es ist ein dunkler Monolith – mit einem Lichtblick am Schluss.