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Viel zu tun in Rojava

Rojava bedeutet Hoffnung für die kurdische Minderheit in Syrien. Es ist der Name für die nördliche Region im vom Krieg zerrissenen Land und ein vielversprechendes Experiment für Autonomie.
Von  Harry Rosenbaum , 
Der Schulunterricht im Camp Newroz in Derik wird von der NGO «Save the Children» organisiert. (Bild: Mark Mühlhaus, attenzione)

Was zur Zeit in dem Gebiet abgeht, das grösser als der Libanon ist und in dem schätzungsweise 4,6 Millionen Menschen leben – davon weit über eine Million Geflüchtete –, zeigt seit letztem Freitag eine Foto-Ausstellung im St.Galler Katharinensaal. Im Zentrum der ergreifenden Bildergeschichte stehen Kobane und seine Umgebung.

Kobane ist eine Kleinstadt, die im Dezember 2014 in den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet. Kurdische Milizen, vornehmlich von der PKK und ihrem syrischen Ableger YPG, widerstanden in wochenlangen, erbitterten Kämpfen dem Ansturm der Dschihadisten des Islamischen Staates (IS). Zuvor überrollte der IS im benachbarten Irak die Grossstadt Mossul, die praktisch kampflos von der überlegenen irakischen Armee und irakisch-kurdischen Peschmerga geräumt worden war.

Bilder der Hoffnung

Die Region Rojava, in der neben Kurden auch Araber, Assyrerinnen, Turkmenen, Aramäerinnen und Jesiden leben, reagierte anders. Vor allem die Kurden, die grösste Gruppe in dem Gebiet, das in drei «Kantone» – Kobane, Cizire und Efrin – eingeteilt ist, organisierten den bewaffneten Widerstand. Trotzdem gelang es dem IS vorübergehend, die Korridore zwischen den Kantonen zu besetzen, zahlreiche Dörfer zu zerstören und viele Menschen umzubringen.

Der Fotograf Mark Mühlhaus, ein Mitglied des Fotografen-Kollektivs «attenzione», besuchte seit Herbst 2014 immer wieder die Region Rojava, vor allem Kobane. Ihm geht es nicht nur darum, den Wiederaufbau des schwer zerstörten Gebietes fotografisch zu dokumentieren, sondern auch um die Situationen des Menschlichen in diesem Kontext.

Die Bilder sind Momentaufnahmen von Menschen in Flüchtlingslagern; von Familien und Einzelpersonen, die vom Kriegstrauma und physischen Verletzungen schwer gezeichnet sind. Menschen in der Stunde Null, die aus dem Nichts ihr Leben wieder aufbauen. Daher auch der Titel der Ausstellung «Back to Rojava» – eine Rückkehr.

Aus dem Alltag in Syrisch-Kurdistan. (Bild: Mark Mühlhaus, attenzione)

Beim ersten Hinsehen machen die Bilder traurig. Bei längerem Betrachten aber weichen die Schatten und Hoffnung schimmert aus den Gesichtern der Portraitierten. Es sind Aufnahmen des nackten Überlebenskampfes, die Ärztinnen beim Notoperieren ohne Strom zeigen, aber auch Bilder der Freude, etwa von den Newroz-Feiern.

Einblick ins Autonomie-Experiment

Die Ausstellung ist am vergangenen Freitag mit einem Podiumsgespräch eröffnet worden, moderiert von Historiker Cenk Bulut. Seine Gäste, der Projektleiter für Schulaufbau in Kobane, Ramazan Aram, und Vertreterinnen der kurdischen Jugend St.Gallen sowie ein Aktivist, der das Gebiet vor kurzem besucht hat, gaben Einblick in das Autonomie-Experiment Rojava.

Rückkehr, nachdem der IS weitgehend aus dem Gebiet vertrieben ist, bedeute nicht nur Wunden zu lecken, sondern harten, vielschichtigen Wiederaufbau und die Rückfindung in ein normales Alltagsleben, hiess es. Im Vordergrund stehen der Wiederaufbau eines Bildungs-, Gesundheits- und Verwaltungssystems. Zudem müssen die verschiedenen Ethnien in dem Gebiet zu einem friedlichen Zusammenleben finden, bei dem keine Bevölkerungsgruppe dominiert.

Ausstellung: bis 4. Juli, Laurenzenkirche, Offene Kirche, CaBi-Antirassismustreff

Über das Experiment Rojava ist aus verschiedenen Hintergrundberichten zu erfahren, dass eine demokratische, konföderalistische Wirtschaftsordnung angestrebt wird. Privateigentum und Unternehmertum sollen geschützt werden nach dem Prinzip «Eigentum durch Gebrauch». Der Fokus der Wirschaftspolitik liegt auf einer Ausweitung gemeinwirtschaftlicher und genossenschaftlicher Aktivitäten. Priorität bei der autonomen Verwaltung von Rojava hat der Wiederaufbau der Infrastruktur. Vor dem Bürgerkrieg gab es ein gutausgebautes Strassennetz in der Region.

In Rojava werden mehr Erdöl und Agrargüter produziert, als die Region selber braucht. Erdöl, Baumwolle und Nahrungsmittel wie Weizen, Schafprodukte und Olivenölprodukte könnten exportiert werden. Der Aussenhandel und die humanitäre Unterstützung sind aber erschwert durch das totale Embargo der Türkei und die völkerrechtlich nicht anerkannte Autonomie des Gebietes. Es fehlt gegenwärtig auch an den klassischen Investitionen.

Menschenrechte – grosse Aussöhnung nötig

Noch ist die Menschenrechtslage in Rojava labil. Die Frauen sind zwar gleichberechtigt und spielen auch bei den Milizen, die immer noch zur Abwehr des IS nötig sind, eine tragende Rolle. Auch in den Bildungs-, Gesundheits- und Verwaltungseinrichtungen sind sie in führenden Funktionen vertreten.

Alle kriegsbeteiligten Gruppen haben sich aber teilweise schwere Menschenrechtsverletzungen zuschulden kommen lassen, wie es in Berichten von Human Rights Watch und Amnesty International heisst. Hier muss noch grosse Aussöhnungsarbeit geleistet werden. Trotzdem ist Rojava ein beachtenswertes Experiment, wie Autonomie aufgebaut und auf demokratischen Grundlagen zum Funktionieren gebracht werden kann.

Kurdisches Solidaritätsfest mit Spezialitäten, Musik und Diskussion:
24. Juni 18 Uhr, Lattich-Quartier

Die Fotoausstellung samt Begleitmaterial hat Medico International zusammengestellt. Die Organisation für Gesundheit, Soziales und Menschenrechte ist in Rojava und speziell in Kobane präsent, wo sie mit lokalen Ärzten und der Stadtverwaltung zusammenarbeitet.

Das Podiumsgespräch und die Ausstellung im Katharinensaal haben der Cabi-Antirassimsmustreff zusammen mit der Jugend des kurdischen Kulturvereins und den SP MigrantInnen organisiert. Unterstützt wird die Öffentlichkeitsarbeit für Rojava von den Grünen, den jungen Grünen, den Jusos, der Offenen Kirche, der reformierten Kirche St. Laurenzen, dem Solidaritätsnetz Ostschweiz und anderen.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter