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Kebap und Camus

Seit Sadik den Kiosk führt, ist am Bahnhof Trogen Leben eingekehrt. In seiner Heimat Kurdistan dagegen ist das Leben bedroht. Eine Begegnung.
Von  Peter Surber , 

«Mir geht es um das friedliche Zusammenleben der Menschen.» Was Sadik Cuyo so formuliert, lebt er auch. Er kennt alle, die an seinen Kiosk kommen oder auch nur daran vorbeigehen, hat für jeden ein freundliches Wort, weiss die Vorlieben von diesem und jenem. Sadiks Kiosk hat in den rund vierzehn Monaten, die er hier arbeitet, dem Trogner Bahnhof und dem Dorfleben einen Energieschub verpasst.

Die Gemeindepräsidentin und die Dorfbevölkerung unterstützten ihn denn auch in vielfacher Hinsicht, sagt Sadik. Rundherum also Grund zur Zufriedenheit – wenn nicht die Ereignisse in seiner Heimat wären. Sadik stammt aus Bingol, einer Stadt in der Osttürkei. Die Kurden erleben gerade die schlimmste Repression seit Jahren, Diktator Erdogan hat die Spitzenleute die Kurdenpartei HDP verhaften lassen, die Partei hat die Parlamentsarbeit quittiert. Sadik verfolgt die Entwicklungen mit grösster Sorge.

«Mein Vergehen? Ich bin Demokrat»

Dass die Gerichte korrumpiert sind, hat er am eigenen Leib erlebt. Ein Haftbefehl gegen ihn ist in der Türkei noch immer offen, das Verfahren stützt sich, wie er mit Dokumenten seines Anwalts belegt, auf gefälschte Protokolle. Das sei eine offenbar vielfach praktizierte Methode, um missliebige Leute unter Anklage zu stellen, sagt er. «Das Justizsystem funktioniert nicht, es ist verpolitisiert.»

Sein Vergehen? «Ich bin Sozialist, Demokrat, ich kämpfe gegen Ungerechtigkeit, ich bin Kurde», sagt Sadik. Die Lage für sein Volk sieht er düster; alle Andersdenkenden würden unterdrückt, viele verlören ihre Stellen von einem Tag auf den anderen.

2007 hat der 35jährige Sadik, von Beruf Röntgentechniker, die Türkei verlassen. Sein Vater arbeitete in der Schweiz. Der Anfang hier sei schwierig gewesen; Sprache, Kultur, Behörden, alles war neu und bedrohlich. Heute fühlt sich Sadik heimisch, er wolle sich integrieren, schätze vieles an der Schweiz, «auch wenn es kein perfektes Land ist». Positiv sieht er das helvetische Kantonssystem; es könnte ein mögliches Vorbild für die Türkei sein. Mehr Autonomie für die Kurden müsste das Ziel sein, nicht unbedingt ein eigener Staat. Aber alle Lösungen seien momentan in weite Ferne gerückt.

Hassen, was die Menschen unterdrückt

Seit Sadik den Bahnhofkiosk führt, gibt es nicht nur Dinge zu kaufen, sondern auch geistige Nahrung dazu. An der Kioskwand hat er Merksprüche aufgehängt. Einer stammt von Albert Camus: «Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt.» Ein anderer Satz stammt von Sadik selber: «Wenn du keinen Feind hast, wirst du auch keinen Erfolg in deinem Leben haben.» Sadik setzt sich für Amnesty ein, hat sich mit den Menschenrechten beschäftigt. Manche Diskussion über den Kiosktresen hinweg entzündet sich an seinen teils provokativen Sätzen.

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Futter für die Kantischüler

Den Kiosk und sein Angebot hat er konsequent auf die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule ausgerichtet. Von morgens um 7 bis abends circa halb 7 ist sein Laden offen, neuerdings auch am Sonntag ein paar Stunden lang, obwohl dann im Dorf kaum etwas los sei. Am Mittag gibt es neuerdings Kebab und Dürüm, an diesem Montag hat er allein 30 Kebab an den Mann und an die Frau gebracht. Auch viele der Süssigkeiten, Chips und anderen Zwischenverpflegungen stammen aus dem Mittelmeerraum. Sadik verkauft, wovon er selber überzeugt ist, und das passt offensichtlich auch seiner Kundschaft. «Bis jetzt bin ich in den schwarzen Zahlen», sagt er.

Ein Schüler kommt vorbei, ein zweiter; Sadik und sein Angebot an Getränken ist gefragt. Gern würde er expandieren – einen grösseren Laden aufmachen, irgendwo im Appenzellerland, da gebe es Nachholbedarf. Immer mehr Leute kauften in der Stadt St.Gallen ein, kritisiert er. Die Einheimischen hängten sich auf diese Weise selber ab von der wirtschaftlichen Entwicklung. Dem will er etwas entgegensetzen. «Ausserrhoden müsste investieren, um nicht ins Abseits zu geraten.»

Dann reden wir wieder über seine Heimat. «Kurze Zeit sah es nach einer Entspannung für die Kurden und nach Erfolg für die HDP aus, aber jetzt bricht das alles zusammen», befürchtet Sadik. «Keiner will mehr dort leben.»

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter