«Mir geht es um das friedliche Zusammenleben der Menschen.» Was Sadik Cuyo so formuliert, lebt er auch. Er kennt alle, die an seinen Kiosk kommen oder auch nur daran vorbeigehen, hat für jeden ein freundliches Wort, weiss die Vorlieben von diesem und jenem. Sadiks Kiosk hat in den rund vierzehn Monaten, die er hier arbeitet, dem Trogner Bahnhof und dem Dorfleben einen Energieschub verpasst.
Die Gemeindepräsidentin und die Dorfbevölkerung unterstützten ihn denn auch in vielfacher Hinsicht, sagt Sadik. Rundherum also Grund zur Zufriedenheit – wenn nicht die Ereignisse in seiner Heimat wären. Sadik stammt aus Bingol, einer Stadt in der Osttürkei. Die Kurden erleben gerade die schlimmste Repression seit Jahren, Diktator Erdogan hat die Spitzenleute die Kurdenpartei HDP verhaften lassen, die Partei hat die Parlamentsarbeit quittiert. Sadik verfolgt die Entwicklungen mit grösster Sorge.
«Mein Vergehen? Ich bin Demokrat»
Dass die Gerichte korrumpiert sind, hat er am eigenen Leib erlebt. Ein Haftbefehl gegen ihn ist in der Türkei noch immer offen, das Verfahren stützt sich, wie er mit Dokumenten seines Anwalts belegt, auf gefälschte Protokolle. Das sei eine offenbar vielfach praktizierte Methode, um missliebige Leute unter Anklage zu stellen, sagt er. «Das Justizsystem funktioniert nicht, es ist verpolitisiert.»
Sein Vergehen? «Ich bin Sozialist, Demokrat, ich kämpfe gegen Ungerechtigkeit, ich bin Kurde», sagt Sadik. Die Lage für sein Volk sieht er düster; alle Andersdenkenden würden unterdrückt, viele verlören ihre Stellen von einem Tag auf den anderen.
2007 hat der 35jährige Sadik, von Beruf Röntgentechniker, die Türkei verlassen. Sein Vater arbeitete in der Schweiz. Der Anfang hier sei schwierig gewesen; Sprache, Kultur, Behörden, alles war neu und bedrohlich. Heute fühlt sich Sadik heimisch, er wolle sich integrieren, schätze vieles an der Schweiz, «auch wenn es kein perfektes Land ist». Positiv sieht er das helvetische Kantonssystem; es könnte ein mögliches Vorbild für die Türkei sein. Mehr Autonomie für die Kurden müsste das Ziel sein, nicht unbedingt ein eigener Staat. Aber alle Lösungen seien momentan in weite Ferne gerückt.
Hassen, was die Menschen unterdrückt
Seit Sadik den Bahnhofkiosk führt, gibt es nicht nur Dinge zu kaufen, sondern auch geistige Nahrung dazu. An der Kioskwand hat er Merksprüche aufgehängt. Einer stammt von Albert Camus: «Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt.» Ein anderer Satz stammt von Sadik selber: «Wenn du keinen Feind hast, wirst du auch keinen Erfolg in deinem Leben haben.» Sadik setzt sich für Amnesty ein, hat sich mit den Menschenrechten beschäftigt. Manche Diskussion über den Kiosktresen hinweg entzündet sich an seinen teils provokativen Sätzen.
Futter für die Kantischüler
Den Kiosk und sein Angebot hat er konsequent auf die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule ausgerichtet. Von morgens um 7 bis abends circa halb 7 ist sein Laden offen, neuerdings auch am Sonntag ein paar Stunden lang, obwohl dann im Dorf kaum etwas los sei. Am Mittag gibt es neuerdings Kebab und Dürüm, an diesem Montag hat er allein 30 Kebab an den Mann und an die Frau gebracht. Auch viele der Süssigkeiten, Chips und anderen Zwischenverpflegungen stammen aus dem Mittelmeerraum. Sadik verkauft, wovon er selber überzeugt ist, und das passt offensichtlich auch seiner Kundschaft. «Bis jetzt bin ich in den schwarzen Zahlen», sagt er.
Ein Schüler kommt vorbei, ein zweiter; Sadik und sein Angebot an Getränken ist gefragt. Gern würde er expandieren – einen grösseren Laden aufmachen, irgendwo im Appenzellerland, da gebe es Nachholbedarf. Immer mehr Leute kauften in der Stadt St.Gallen ein, kritisiert er. Die Einheimischen hängten sich auf diese Weise selber ab von der wirtschaftlichen Entwicklung. Dem will er etwas entgegensetzen. «Ausserrhoden müsste investieren, um nicht ins Abseits zu geraten.»
Dann reden wir wieder über seine Heimat. «Kurze Zeit sah es nach einer Entspannung für die Kurden und nach Erfolg für die HDP aus, aber jetzt bricht das alles zusammen», befürchtet Sadik. «Keiner will mehr dort leben.»
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