Gerade jagen sich wieder die Hiobsbotschaften aus den kurdischen Gebieten der Türkei. Eine, die sie mit besonderer Anteilnahme hört, ist Marianne Meier. Noch vor Jahresfrist, im Sommer 2015 war sie auf Besuch in der Osttürkei und beeindruckt von der Aufbruchstimmung, die hier herrschte nach den Wahlerfolgen der kurdischen Partei HDP. «Jetzt schaffen wir es auf demokratischem Weg», so sei die Stimmung damals gewesen.
Seit Herbst jedoch: Rückschlag um Rückschlag, mit der erneuten Kriegserklärung an die PKK, den Ausnahmezuständen in den kurdischen Städten, Massenverhaftungen von gewählten kurdischen Gemeindeverwaltern, schliesslich dem Erdogan-«Putsch».
Seit 2008 engagiert sich die im thurgauischen Uttwil lebende Marianne Meier im Projekt Rûnas. Es unterstützt eine Kelim-Werkstatt in der osttürkischen Stadt Hakkari, kurdisch Colemêrg. 15 bis 20 junge Weberinnen finden hier Arbeit. Ihre Werke kennt man in der Ostschweiz gut; bereits 2003 hatte erstmals eine Ausstellung mit Teppichen in St.Katharinen in St.Gallen stattgefunden, im Dreijahresrhythmus waren die Kelims seither zu sehen, und die Gruppe um Gründerin Waltraud Weber und Marianne Meier organisiert darüber hinaus schweizweit und auch international Ausstellungen; eben waren die Kelims Ende September in Baden zu sehen, unter dem Titel «Weben fürs Leben».
Bedrohtes Kulturgut
Der Titel ist nicht zu hoch gegriffen. Das Weben von Kelims sei althergebrachte Tradition in den kurdischen Familien, ursprünglich eine klassische Winterarbeit der Frauen. Der Einbruch kam in den 90er-Jahren mit den türkischen Angriffen gegen die Kurden und der Zerstörung zahlreicher Dörfer und ihrer Lebensgrundlagen. «Das Weben ist ein zentrales kurdisches Kulturgut – aber es ist vom Verschwinden bedroht», sagt Marianne Meier.
Die Rûnas-Werkstatt leistet entsprechend ein Stück Hilfe zur Selbsthilfe. Die Weberinnen sind Flüchtlingsfrauen, deren Familien in den 90-er Jahren in Hakkari Schutz gefunden haben und nun hier ein Auskommen und eine Ausbildung erhalten. Die Wolle stammt von Hochlandschafen, eingefärbt wird sie ausschliesslich mit selbst hergestellten Farben von Pflanzen aus der Region, darunter die Krappwurzel (auf kurdisch rûnas), deren leuchtendes Rot charakteristisch für die Teppiche ist.
Der Einsatz für die Werkstatt und für den Verkauf der Kelims in der Schweiz und in anderen westlichen Ländern lohnt sich – davon ist Marianne Meier überzeugt. Das Weben trage einen wesentlichen Teil zum Familieneinkommen bei, wobei ausschliesslich unverheiratete Frauen in der Werkstatt arbeiten. Denn wer heirate, gehöre nach den noch immer traditionsverhafteten Gepflogenheiten zur Familie des Mannes und könne nicht mehr auswärts arbeiten. Zumindest auf dem Land werde daran festgehalten.
Es begann in Nordirak
Die Rûnas-Kelims sind Teil der entwicklungspolitischen Arbeit der Swiss Kurdish Alliance fsk. Eine private Initiative, entstanden aus persönlicher Betroffenheit, wie auf der Website der fsk zu lesen ist: 1991 hatte Waltraud Weber nach einem halbjährigen Einsatz im kurdischen Flüchtlingslager Sara Camp an der iranisch-irakischen Grenze zusammen mit anderen Appenzeller Frauen das Wiederaufbauprojekt Mama Jalca/Dargala in Nordirak umgesetzt.
Nach der Fertigstellung des Dorfes im Jahr 1993 wurde in Zusammenarbeit mit der lokalen NGO Kurdistan Save the Children das bis heute andauernde Patenschaftsprojekt für Waisen- und Halbwaisenkinder realisiert. Ein weiteres Projekt für Witwenfamilien auf dem Lande vermittelt Nutztiere wie Schafe und Ziegen als Grundstock neuer Herden oder auch einzelne Kühe mit Kälbern.
In der Absicht, auch in der Südosttürkei aktiv tätig zu werden, wurde im Oktober 2001 der Verein fsk gegründet, der heute von circa 120 Mitgliedern und 80 Patinnen und Paten finanziell und ideell getragen wird. In der Südosttürkei wird mit Projekten für Studenten und Schulkinder und einem medizinischen Notfallfonds einerseits Nothilfe, andererseits mit dem Aufbau und Erhalt der Kelim-Werkstatt Rûnas für kurdische Flüchtlingsfrauen Hilfe zur Selbsthilfe geleistet.
Neben der konkreten Unterstützung sieht Marianne Meier auch einen ideellen Sinn: Mit dem Kelim-Projekt zeige sich Kurdistan von seiner schönen und lebensbejahenden Seite – eine Region, die sonst in den Tagesnachrichten fast ausschliesslich mit Krieg, Zerstörung und Unterdrückung assoziiert werde.
Die Kelim-Farben leuchten – auch jetzt, wo viele Gemeinden im Osten unter Zwangsverwaltung der Erdogan-Partei gestellt werden und Marianne Meier von ihren kurdischen Freunden hört, es wäre momentan nicht ratsam, dorthin zu reisen.
Weitere Informationen: runas-kelims.ch, swiss-kurdish-alliance.ch
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