Ob Junioren oder Senioren, ob Aufsteiger oder Nati A-Profis: In den Kabinen der Fussballteams liegen immer etwa dieselben Dinge herum. Schienbeinschoner und Stinkesocken, verschwitzte Trikots, Taktiktafel, isotonische Getränke. Das wars dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Wo bei den einen nach dem Spiel ein Kasten Bier wartet, stehen bei den anderen nämlich schon die Massageliegen für die Physiotherapie bereit.
Michele Cirigliano zeigt im Dokumentarfilm Football Inside vier Kabinen bzw. Teams, die – abgesehen von der Liebe zum Fussball und der Frage, ob die Frisur sitzt – wenig verbindet: Die Aufsteiger beim SC Kriens kämpfen verbissen um den Ligaerhalt, die Junioren des FC Blue Stars arbeiten noch an ihrer Pünktlichkeit und dem Teamgeist, die Nati-A-Frauen der Grasshoppers müssen Berufs- und Profileben unter einen Hut bringen, und die Senioren des FC Wettswil-Bonstetten sind einfach froh, wenn die Verletzungen nach der Partie nicht zu arg sind.
Zu Wort kommen vor allem die Trainer der vier Teams und je ein Spieler bzw. eine Spielerin. Das ist zwischenzeitlich recht unterhaltsam und aufschlussreich, vor allem die Gegenüberstellung der verschiedenen Trainertypen.
Ohne Fussball ist das Leben öd
Peter Furrer, der Trainer der Senioren wirkt zäch und erfahren, aber auch leicht abgelöscht. Er sagt selber, dass er eigentlich schon länger keinen Bock mehr hat, aber verpflichtet sich doch jedes Jahr von Neuem – weil sich niemand freiwillig für diesen «doch recht zeitaufwändigen Posten» zur Verfügung stellt.
Und weil der Fussball und vor allem das Vereinsleben ihn schon seit Jahrzehnten begleiten. Ohne wäre das Leben öd, wer zählt da schon die Stunden. Oder Jahre. Ein Verein sei eine echte «Migrationsadresse», sagt Furrer. «Wenn ich im Ausland wohnen würde, würde ich zuerst in einen Sportverein, um neue Leute kennenzulernen.»
Bruno Berner hingegen, Trainer der Aufsteiger aus Kriens, ist so ziemlich das Gegenteil davon. Typ Aussendienst oder Livecoach, mags theatralisch, vor allem in der Pausenansprache. 185 Zentimeter geballte Ambition. Berner haut Phrasen raus wie sein Team die Steilpässe. «Nur wer Vertrauen in sich selbst hat, bringt Stabilität.» – «Fussball ist eine Lebensschule.» Und so weiter.
Bruno Berner sagt an.
Was das tatsächlich bedeuten kann, zeigt Federico D’Aloia, der Trainer der Blue Stars Junioren, stets bemüht, seinen Jungs zu vermitteln, dass Gewinnen zweitrangig ist. Überhaupt sollen sie zuerst einmal lernen, pünktlich zu sein oder sich zumindest zu melden, wenn sie Verspätung haben. «Bis zu den C-Junioren sollten sie keinen Druck haben», sagt er einmal. «Dann suchen sie eine Lehrstelle, das ist Druck genug.»
Seine Spieler heissen Kenzo, Nawaf, Sergej, Diogo, Ylli oder Andrija und müssen zusammen eine harte Lektion lernen: was es heisst, in Unterzahl zu spielen. In der Halbzeit gegen Wiedikon schärft Trainer D’Aloia ihnen darum ein, die Rangliste aus dem Kopf zu streichen. «Gewinnen interessiert uns nicht», beschwichtigt er, tröstet Goalie Nawaf, der die Rote kassiert hat, und spricht dem Team Mut zu. Hauptsache nicht aufgeben.
Taktik-Lektion mit Federico D’Aloia.
Diese Szenen gehören zu den stärksten des Films. Wenn aus Phrasen echte Lektionen werden und es egal ist, ob man auf dem Quartierbolzplatz oder in der Barrage steht, solang man zusammenhält und sich engagiert.
Ebenfalls goldig: die Szenen nach dem Spiel in den jeweiligen Kabinen. Da ein Kasten Bier und Perskindol (Wettswil-Bonstetten), dort Tanzeinlagen in CR7-Unterhosen zu Matze Knop (Kriens) oder Teddy Teclebrhan (GC). Und wir dachten immer, Fussballer:innen hätten Musikgeschmack.
Die verpasste Chance
Der Part über die GC-Frauen wurde aus Trainersicht leider verspielt. Das liegt vor allem daran, dass Coach Walter Grüter eigentlich nur von sich selber erzählt. Von seiner Kindheit in der Holzbarracke und der Zeit in der Türkei, von anderen Trainern, von seiner Entlassung beim FCZ.
Football Inside: 10., 15., 21., 26. und 29. Mai, Kinok St.Gallen
kinok.ch
Weitere Vortellungen im Cinewil, im Cinetreff Herisau und im Liberty Cinema Weinfelden.
Wie er die Situation der weiblichen Profis beurteilt, erfährt man nicht, nur dass «die Frauen den Männern technisch überlegen» seien. Kein Wort zu den Löhnen oder dazu, dass in der Schweiz immer noch die allermeisten Fussballerinnen Amateurinnen sind. Eine vertane PR-Chance angesichts der Tatsache, dass GC momentan massiv in die Frauenabteilung investiert – und damit auch die Konkurrenz in Zugzwang bringt.
Am Schluss lupft es GC-Spielerin Bettina Brülhart raus. «Man kann nicht besser werden im Frauenfussball, solange man nicht mehr Möglichkeiten hat zum Trainieren», sagt sie.
Ein Mann in derselben Position verdiene 20’000 Franken im Monat. «Ich trainiere viermal pro Woche und am Samstag ist Spiel. Ein Profi im Herrenfussball frühstückt am Morgen mit dem Team, dann hat er Physio, Training, vielleicht ein Meeting und abends geht er wieder nach Hause. Wir stehen um sechs auf, arbeiten acht Stunden, gehen danach ins Training und sind um 22 Uhr zuhause. Und wenn wir das nicht wollen, dann müsssen wir aufhören.»
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