Man schämt sich immer ein bisschen, wenn man Musik hört und dann denkt: Meh Dräck. Denn das hat Chris von Rohr damals im Jahr 2004 bei der unsäglichen Sendung MusicStar inflationär heruntergebetet, zum Wort des Jahres 2004 wurden die zwei Wörter gar, und Chris von Rohr ist trotz Promistatus kein Mensch, den man gern zitieren will, kein Nietzsche, kein Dürrenmatt, kein Mandela – keiner, dessen Worte zu kennen man gern öffentlich zugibt.
Oh, er hatte Recht, der Chris, kein Zweifel, aber von MusicStar-Kandidatinnen und -Kandidaten meh Dräck zu fordern, mehr Leidenschaft und Authentizität also, weniger feingeschliffenen Scheinperfektionismus, das ist in etwa dasselbe wie von den versammelten Tieren im Schweinestall mehr Mascara, Bodylotion und Parfüm zu verlangen.
Bei Papst & Abstinenzler aber, da ist es nicht vermessen. Denn das ist keine MusicStar-Band. 2010 erschien das erste Album Hell, 2014 mit Geischterfahrer das zweite und jetzt eben das dritte mit dem Titel Bar A d Schnore. Papst & Abstinenzler, das sind Leute, die Text und Musik machen wollen und müssen, Getriebene, aber nicht vom Wunsch Getriebene, ihr langweiliges, komplexdurchsetztes Teenagerleben gegen ein Alles-ist-gut-im-Scheinwerferlicht einzutauschen. Nein, das sind Herren, die an ihrer Musik arbeiten, die etwas zu sagen haben, keine austauschbaren Platzhalter der Industrie. Und deshalb sei hier fest gehalten: Papst & Abstinenzler sind cool.
Musikalische Emanzipation
Meh Dräck denkt man da und dort beim Gesang. Beispielsweise beim Auftaktstück Schoof im Ggröll. Noch beim letzten Album wurde von der Kritik bemerkt, die Musik diene in erster Linie dem Untermalen des Texts, sie sei für sich allein genommen nicht besonders interessant, und das Album klinge heterogen.
Heterogenität ist nicht per se etwas Schlechtes. Zu viel Homogenität klingt schnell nach einem einzigen, langen, mit der Zeit langweiligen Song. Auch Bar A d Schnore ist heterogen, was die Musikstile angeht, die zwischen Pop, Blues und Rock und Folk mäandern. Einheitlichkeit entsteht durch die Soundästhetik, durch Jürg Odermatts geschrummte akustische Gitarre, die mit Bassist Nico Feer und Schlagzeuger Martin Fischer das Fundament bildet, während Odermatts Gesang sowie Tiziano Marinellos E-Gitarren und andere Saiten melodisch, rhythmisch und solistisch wirken.
Plattentaufe: 21. April, 21.30 Uhr, TapTab, Schaffhausen taptab.ch
Lieder wie das Titelstück oder Schwarzi Nacht, Füür im Tach oder Musig us de Schwiz sind wunderbar arrangierte und gespielte Kompositionen. Richtig fett und episch klingt das zuweilen, wenn beispielsweise beim Titelstück die Bläser einsetzen. Der Musik wird auf diesem Album viel Zeit eingeräumt, sich zu entfalten. Und die Musik weiss diese Zeit zu nutzen.
Altes Brot
Bei fast allen Studioaufnahmen singt die Sängerin oder der Sänger am Schluss über die instrumentalen Tonspuren. Auf diesem Album hört man das da und dort, und dann klingt es etwas aufgesetzt, etwas brav, etwas kontrolliert, etwas zu wenig verzweifelt. In Bar A d Schnore, das in der heruntergekommenen Kneipe spielt, wünschte man sich versoffeneren Gesang.
Sänger Odermatt hat eine schöne, volle, voluminöse Stimme. Es tut ihr je nach Lied gut, wenn sie wie bei Füür im Tach leicht angezerrt und komprimiert wird, wenn die tiefen Frequenzen ausgedünnt sind. Das gibt ihr eine Leichtigkeit, die zum leichtfüssigen Drive des Rocksongs beiträgt. Beim ironischen Musig us de Schwiz hingegen («Nei, ich ha kä Heiweh noch der Bärgä, Höchstens ä Highway to Hell») passt sie unverfremdet säuselnd wunderbar.
Bar A d Schnore ist ein abwechs lungsreiches, schönes, fetziges und lustiges Album. Es ist ein Werk, das im besten Sinn nach fleissiger und konzeptioneller Arbeit klingt. Es ist echt, verfügt über Lokalkolorit und Unmengen an Kreativität. Und so ist es erfrischender zu hören als viel Schweizer Major-Label-Weichspülsaft. «Musig us de Schwiiz isch we drei Tääg alts Brot», singt Odermatt. Hier wurden aus dem alten Brot Fotzelschnitten und Vogel futter gebraten und mit Chili und anderer Exotik gewürzt. Und dann denkt man: Schaffhausen kann was.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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