Pralinés, Torten – und Riz Casimir
Das Café Spörri in Teufen war während 80 Jahren als «Stadtcafé im Appenzellerland» eine Institution mit illustren Gästen, grossen Festen, Modeschauen und ein Pilgerort für Lieberhaber:innen von Pralinés und Torten. Jetzt ist seine Geschichte im Zeughaus Teufen in der aktuellen Ausstellung nochmals aufgerollt.
Ein beliebtes Ziel auch für Städter:innen: Das Café Spörri in Teufen Über dem Gartenrestaurant ist die elf Meter lange Fensterfront mit Blick auf den Alpstein zu sehen. (Bilder: pd)
Trotz zahlreicher Konkurrenzbetriebe in St.Gallen war das Café Spörri in Teufen auch für viele Städter:innen «die Welt des Konfekts». Pralinés, Torten und die in alle Welt verschickten Biber waren nur mit den edelsten Zutaten hergestellt, wie beispielsweise teurem Maiskeimöl oder den damals noch exklusiven Kiwis. In Filmen, die im Rahmen der Ausstellung im Zeughaus Teufen zu sehen sind, erinnern sich zwei ehemalige Mitarbeiter an jene Zeit. Und Heidi Weishaupt, die im Spörri ihre Lehre als Köchin absolvierte und heute das Trüübli in Teufen führt, wundert sich immer noch, wie viele Leute wegen des Riz Casimir ins Spörri kamen.
Das Zeughaus dokumentiert die Geschichte der Spörris anhand damals selbst verfasster Berichte und zeigt Originaldokumente, Fotos und Gegenstände. Journalist Hanspeter Spörri hat vieles aus dem Leben seiner Grosseltern und Eltern aufbewahrt und zur Verfügung gestellt. Und je länger sich herumsprach, dass diese Ausstellung vorbereitet werde, desto mehr Erinnerungsstücke kamen zusammen – teils von weit her. In der Mitte des Raumes wird Originalinventar präsentiert: Kaffeemühlen, die heute zur Sammlung des Hotels Appenzell gehören, Milchkännchen, die eine Sammlerin aus Triest beigesteuert hat oder poliertes Silberbesteck, das die Kunstvermittlerin Agathe Nisple bei der Betriebsaufgabe erworben hatte.
Ein originales Wirtshausschild. (Bild: rho)
Den Ausstellungsmacher:innen ist es nach einigem Zureden sogar gelungen, ein originales Wirtshausschild und den metallenen Spörri-Schriftzug auszuleihen, mit dem die Besucher:innen empfangen werden. Wer sich in die Rezeptbücher vertieft, kann sich vielleicht zuhause an die eine oder andere Spörri-Spezialität wagen. Gründer Jacques Spörri hatte diese Rezepte während seiner Wanderjahre jeweils «mit den Augen gestohlen» und in den – bis heute erhaltenen – «Kladden» notiert. Eine weitere Inspiration sind die vielen Vorlagen für Tortenverzierungen.
Die Ausstellung startet 1897, dem Jahr, als Jacques (oder Jakob) Spörri seine Konditorenlehre in St.Gallen beginnt. Danach arbeitet er, gerade 18 Jahre alt, zuerst in Montreux, dann in Genf, später in Grenoble, Marseille, Nizza, Paris und Glasgow. Nach acht Jahren Wanderschaft kommt er zurück in die Schweiz und findet eine Anstellung in der Konditorei Tanner in Teufen – in jenem Betrieb, den er 1931 übernehmen kann. Dazwischen ist er im Alpenkurhaus Kräzerli in Urnäsch und in der Stadt St.Gallen tätig. Hier ist er Mitgründer der «Zunft zum Schneebesen der Zukkerbekken», die heute noch existiert und deren Mitglieder regelmässig süssen Nachschub für die in der Ausstellung platzierte Vitrine liefern.
Die Ladenfront des Café Spörri.
Sohn Peter und dessen Frau Helen übernehmen 1953 den Betrieb und bauen das Haus ab 1960 mehrmals aus. Es entsteht der Anbau auf der Südseite mit seiner fast 11 Meter langen Fensterfront, die den Blick auf den Alpstein freigibt.
Die vielen Fotos aus allen Jahrzehnten dokumentieren die Besuche der illustren Gäste, darunter die legendäre Tänzerin Josephine Baker und viele Politiker:innen. Und wir erleben Bau- und Architekturgeschichte anhand des Interieurs, das immer wieder dem Zeitgeschmack angepasst wurde: nach einer hölzern-braunen Phase waren in den 1970er-Jahren Grüntöne angesagt. Als 1981 bei einer Renovation in der Appenzellerstube eine historische Rokoko-Deckenmalerei ans Licht kam, war es für die Spörris selbstverständlich, diese zu erhalten und zu restaurieren.
Es war, wie es in der umfangreichen Publikation zur Ausstellung heisst, diese «Mischung aus Exklusivität und Bodenständigkeit», dazu die grossgeschriebene Gastfreundschaft, aber auch das Kulturprogramm, die das Café überregional bekannt gemacht hatten. Es trug den Stempel «alt aber zeitlos».
Weil sich keine familieninterne Nachfolge abzeichnete, verkauften Peter und Helen Spörri 1982 den Betrieb an die Confiserie Feller, die ihrerseits Teil einer internationalen Holding war. Die hohe Qualität der Produkte verschwand langsam, und als die Holding ihre Gastrobetriebe verkaufte, geriet das Café Spörri kurz unter das Dach der italienischen Autogrill-Gruppe, bis die Appenzeller Bäckerei Böhli den Betrieb übernahm. Doch dann zeigte sich immer deutlicher, dass das angestammte Haus betrieblich mit seinen vielen Treppen einen hohen Erneuerungsbedarf hatte. Es entstanden mehrere Neubauprojekte, einige unter Einbezug der historischen Bausubstanz, andere radikal neugestaltet. Doch gegen alle formierte sich Widerstand aus Angst vor der Verschandelung des Ortsbildes.
Zu sehen gibt es auch Originalrezepte von Gründer Jacques Spörri.
Die Bäckerei Böhli zog schliesslich 2007 aus dem angestammten Spörri-Haus aus und betrieb noch bis 2012 ein Provisorium beim Bahnhof Teufen – in einem Holzbau, der heute samt Spörri-Namenszug in Nesslau steht. Mit den gescheiterten Um- und Neubauplänen verschwand der Name des Café Spörri. Das Inventar wurde liquidiert. Stühle, Kaffeemühlen, Glacébecher, Besteck und vieles mehr fanden neue Besitzer:innen, die ihre Erinnerungsstücke nun im Zeughaus nochmals präsentieren. Das Stammhaus im Dorfzentrum ist stehen geblieben, den Treffpunkt aber gibt es nicht mehr. Heute wird in den ehemaligen Wirtsstuben gewohnt – und im Parterre Wein statt Pralinés und Torten verkauft.
Ausstellung zum Café Spörri: bis 20. September, Zeughaus Teufen.Im Begleitprogramm sind Kinder und Erwachsene eingeladen, eigene Kunstwerke aus Schokolade herzustellen (9. Mai) und es gibt Erläuterungen zur Kaffeekultur (30. Mai). In zwei Veranstaltungen wird über die Veränderung der Dorfkerne diskutiert (20. August) und über den Nutzen von Provisorien (16. September). zeughausteufen.chZeughaus Teufen, David Glanzmann, Lilia Glanzmann, Hanspeter Spörri (Hrsg.): Café Spörri 1932–2012. Verlagsgenossenschaft St.Gallen, St.Gallen 2026. vgs-sg.ch
Ausstellung in Teufen
Die aktuelle Ausstellung im Zeughaus Teufen beschäftigt sich mit dem Erbe dreier Familien und dessen Einfluss auf das Ortsbild.
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