Ganz allmählich setzt ein Umdenken ein bei einzelnen Pensionskassen in der Schweiz. Sie haben realisiert, dass sie sich um die Nachhaltigkeit ihrer Investitionen kümmern sollten. Das Problem: Praktisch alle Vorsorgeeinrichtungen investieren einen Teil ihrer Aktien in fossile Energie – in Firmen, die Kohle, Erdöl und Erdgas fördern. Auf diese Weise heizen sie das globale Klima auf.
In seiner Studie «Kohlenstoffrisiken für den Finanzplatz Schweiz» von 2015 schreibt das Bundesamt für Umwelt, dass die bisherige Investitionspraxis von institutionellen Anlegern auf eine Erderhitzung von vier bis sechs Grad Celsius ausgerichtet sei. Um die Renten der aktiven Generation zu sichern, setzen die Pensionskassen also die Zukunft der kommenden Generation aufs Spiel, könnte man festhalten. Das ist, gelinde gesagt, ziemlich leichtsinnig – und ethisch problematisch. Das Pariser Klimaabkommen, das die Schweiz mitunterzeichnet hat, verlangt eine Begrenzung der Erhitzung auf deutlich unter zwei Grad.
Und in der Ostschweiz? Am meisten Gedanken gemacht hat sich laut Sandro Leuenberger von der Klimaallianz Schweiz (einem Zusammenschluss von 80 Umweltverbänden) bisher die Pensionskasse des Kantons St.Gallen (SGPK). Es handelt sich mit 26’000 Versicherten und einer Bilanzsumme von 8,9 Milliarden Franken um die grösste öffentlich-rechtliche Pensionskasse der Region. Sie kündigte an, sich vertieft mit Fragen der Nachhaltigkeit und Klimaverträglichkeit auseinanderzusetzen. Ausserdem macht sie mit beim Ethos Engagement Pool (Schweiz & International). Dabei versucht sie, mit Unternehmen den Dialog über Nachhaltigkeitsthemen zu führen.
Basel-Stadt machts vor
Leuenberger hat bei der Klimaallianz ein Rating in den Ampelfarben Rot, Orange und Grün entwickelt für die öffentlich-rechtlichen Pensionskassen. Alle Pensionskassen der Ostschweiz stehen auf Rot, was «nicht klimaverträglich» bedeutet. Also auch die SGPK, trotz gewisser positiver Ansätze. Auch die ProPublic Vorsorge Genossenschaft hat einen kleinen Schritt gemacht und strebt allgemein «Nachhaltigkeit» an.
Keine Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen hingegen die Pensionskassen der Stadt St.Gallen und des Kantons Thurgau. Die Kassen der beiden Appenzell eint das Ignorieren einer klimaverträglichen Anlagepolitik. Schweizweit gibt es immerhin ein paar Kassen, die auf Orange stehen («erste Schritte wurden eingeleitet»), ganz wenige erst auf Grün («Investitionen verträglich mit dem Pariser Klimaabkommen»).
Auf Orange ist zum Beispiel die Pensionskasse Basel-Stadt, die seit dem Jahr 2019 auf Investitionen in Kohlefirmen verzichtet. Alle Unternehmen, die mehr als fünf Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erwirtschaften, hat die Kasse aus dem Aktienportfolio ausgeschlossen.
Die Pensionskasse Basel-Stadt stiess auch Aktien von renommierten Energieunternehmen ab, etwa von der russischen Gazprom (welche die Champions League sponsert) und dem deutschen Energieversorger RWE. Weiterhin investiert sie aber in Erdöl- und Erdgasunternehmen. In Basel sträubte sich die Pensionskasse zunächst gegen den Ausschluss von Kohlefirmen, politischer Druck des Grossen Rats von Basel-Stadt führte aber schliesslich zu einem gewissen Umdenken.
Wenn der Kampf gegen die Klimaerhitzung erfolgreich sein soll, muss ein Grossteil der fossilen Energievorräte im Boden bleiben. Das ist die Überlegung der Bewegung zum Rückzug aus fossilen Investitionen (kurz Divestement). Sie hat ihren Ursprung an amerikanischen Hochschulen und versucht, die Pensionskassen mithilfe der Politik und der Versicherten unter Druck zu setzen.
Vor vier Jahren erfasste diese Bewegung auch die Schweiz: Die NGO Fossil Free lancierte eine Petition, die die grössten Pensionskassen aufforderte, auf Investitionen in fossile Energieunternehmen zu verzichten. Als erstes stieg in der Folge die Publica, die Pensionskasse des Bundespersonals, aus der Kohle aus. Sie tat dies explizit mit Verweis darauf, dass solche Investments bei verstärkten Anstrengungen für den Klimaschutz an Wert verlieren könnten. Neben dem ethischen gibt es also auch ein starkes wirtschaftliches Argument fürs Divestment.
Die kantonalen Pensionskassen in Zürich und Genf investieren ebenfalls nicht mehr in Kohle. Am klimafreundlichsten ist laut dem Rating der Klimaallianz die Pensionskasse des Kantons Luzern, weil sie ihre Investitionen generell in Unternehmen verlagert, die weniger CO2 verursachen und sich auf dem «Pfad der Dekarbonisierung» befindet. Sie verursacht also, weg von fossilen Energieträgern zu kommen.
Politik vorerst gegen «nachhaltige Anlagepolitik»
Warum sind die Ostschweizer Kassen noch nicht weiter? Der St.Galler Kantonsrat der Grünen, Basil Oberholzer, ist enttäuscht, dass sich bisher nicht mehr erreichen liess. «An der Klimasession des Kantonsrats am 13. Juni haben die bürgerlichen Kräfte die meisten Vorstösse für mehr Klimaschutz abgelehnt», zieht er Bilanz.
Er hatte zusammen mit Christopher Chandiramani (SVP) und Thomas Warzinek (CVP) eine Motion eingereicht, die den Kanton St.Gallen zu einer «nachhaltigeren Anlagepolitik» verpflichtet hätte. Der Vorstoss wurde aber deutlich verworfen, auch die FDP-Fraktion stimmte geschlossen dagegen – die Partei also, die sich auf nationaler Ebene für mehr Klimaschutz engagieren will. Davon merke man in St.Gallen bisher nichts, sagt Oberholzer. Er findet, dass man in erster Linie die Kantonalbanken dazu bringen sollte, nachhaltiger zu investieren. «Dies wäre der grösste Hebel, um etwas zu bewirken – und er wird bisher nicht genutzt.»
Vielleicht brauchen die Pensionskassen in der Ostschweiz noch etwas Zeit. Auch im rot-grünen Basel dauerte es, bis die kantonale Kasse erste Schritte einleitete. Zudem hat sich in St.Gallen wie in anderen Kantonen eine regionale Kontaktgruppe gebildet. Mitglieder sind in erster Linie Versicherte, welche ihre Vorsorgeeinrichtung zu einer nachhaltigeren Investitionspolitik auffordern.
Laut der neu gewählten Grünen Nationalrätin Franziska Ryser, die selber mit dabei war, hat die Kontaktgruppe für die Pensionskasse des Kantons St.Gallen sicher dazu beigetragen, dem Thema Klimaschutz bei der Kasse die nötige Aufmerksamkeit zu verleihen. Sie will sich künftig auch in Bern für das Thema engagieren: «Divestment ist ein zentrales Element, um die Klimaziele zu erreichen und unsere globale Verantwortung wahrzunehmen.»
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten. Stefan Boss, 1966, ist freischaffender Journalist in Basel und Spezialist für Umwelt-, Geschichts- und Logistik-Themen.
Weitere Infos: klima-allianz.ch/blog/pensionskassen
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.