«Tim Kramer ist dann mal weg», schrieb Daniele Muscionico im Mai letzten Jahres in der NZZ. Im Titel hiess es sogar: «Ein Direktor bricht ab». Wie empfinden Sie diese Zeilen jetzt, fast ein Jahr nach Ihrem Ausscheiden als St.Galler Schauspieldirektor?
Tim Kramer: Die Autorin hat sich auf einen szenischen Vorgang in meinem letzten Stück Lenz bezogen, ich hatte damals eine Spitzhacke in den Bühnenboden gerammt (mehr dazu auf saiten.ch hier). Meine Gefühle am Ende meiner St.Galler Zeit waren sehr ambivalent, es gab die erfüllenden Momente, und es gab jene Situationen, wo man schon gerne mal eine Hacke in den Boden gerammt hätte.
Tim Kramer in seiner Schlussproduktion «Lenz». (Bild: Tine Edel)
Sie waren insgesamt neun Jahre Direktor in St.Gallen, davor spielten Sie in Wien, hatten dort sechs Jahre lang einen Lehrauftrag am Max-Reinhardt-Seminar und waren drei Jahre Leiter der Schauspielabteilung am Konservatorium Wien. Ausserdem waren Sie all die Jahre selbst als Schauspieler tätig. Warum dann St.Gallen?
Einzig und allein wegen der Möglichkeit zu gestalten. Verantwortung hatte ich ja schon als Leiter am Konservatorium, aber natürlich ist dort der künstlerische Spielraum eher klein. Und ich bemerkte, je älter ich werde und je länger ich im Beruf tätig bin, desto klarer und dezidierter wurde meine Meinung darüber, welches Theater unterstützungswürdig ist, welche Form von Theater heute Sinn macht. Da war St.Gallen interessant.
Wie war die Zeit am St.Galler Theater für Sie rückblickend?
Das Spannende an St.Gallen oder der gesamten Ostschweiz inklusive Liechtenstein ist die Frage nach der Position des Sprechtheaters. Darüber muss diskutiert werden, das ist in St.Gallen ein heisses Thema. Es gibt so viele verschiedene Wünsche und Stränge, an denen gezogen wird. Ich bin überzeugt, dass ich in meiner Zeit die Position des Sprechtheaters in St.Gallen stärken, es mehr in der Stadt und Region verankern konnte.
Sie sind seit diesem Jahr freischaffend tätig. Ängstigt Sie die Freiheit nach den vielen Jahren des Eingebundenseins in Institutionen?
Nein. Die Frage ist nur, wie kommt die Miete rein. Mich hat es nie interessiert, durch eine bestimmte Funktion eine bestimmte Bedeutung zu bekommen. Ich muss mich in diesem Sinne also nun nicht neu erfinden. Ich habe ja nie in dieses «Kastl-Denken» gepasst. Je mehr Freiheit uns die Aufklärung und Globalisierung schenkt, desto mehr haben die Leute das Bedürfnis, in Fächern denken zu können. Mit meinem Lebenslauf passe ich in gar kein Fach rein, was mir persönlich sehr angenehm ist. Aber das ist im Umgang mit anderen Menschen manchmal kompliziert, weil jemand, der zum Beispiel vornehmlich leitender Dramaturg ist, Schwierigkeiten damit hat, dass ich als Regisseur, Pädagoge, Schauspieler und dazu noch in Leitungsfunktionen gearbeitet habe.
Sie möchten Ihren Teil zur Diskussion rund um die Position des Sprechtheaters beitragen. Was ist denn Ihre Haltung?
Ich sehe die Zukunft des Theaters darin, dass der Schauspieler wieder im Mittelpunkt des szenischen Geschehens stehen muss. Der Schauspieler in seiner vermittelnden Funktion ist kein Auslaufmodell! Genau das versuchte ich in St. Gallen zu zeigen. Ganz besonders auch in zeitgenössischen Arbeiten wie zum Beispiel beim Jelinek-Stück Die Kontrakte des Kaufmanns.
Im Moment inszenieren Sie das Stück Kunst von Yasmina Reza im TAK Theater Liechtenstein. Wie kam es dazu?
Ich lernte den Intendanten Thomas Spieckermann über die gemeinsamen Autorentage St.Gallen/Konstanz kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut. Er sah Inszenierungen von mir, wir redeten viel über Theater und haben gemerkt, dass wir beide an einem Strang ziehen. Das Stück Kunst stand in Schaan schon fest. Es ist publikumswirksam, aber nicht blöde. Darin steckt eine intelligente Sicht auf gesellschaftspolitische Entwicklungen, die heute noch schärfer sind als in den 90er-Jahren, fast so, als ob die Autorin sie vorausgesehen hätte. Wirklich toll.
Yasmina Reza: Kunst 17. März (Premiere), 1. April, 5. Mai, 7. Juni, jeweils 20.09 Uhr Theater am Kirchplatz Schaan tak.li
Sie arbeiten im TAK an einem Haus, das vorwiegend von Gästen bespielt wird und kein eigenes Ensemble und keine Werkstätten aufweist. Wie ist das Arbeiten dort?
Dieses Haus ist eine einzige Oase. Das ganze Technikteam ist so grossartig, auch die Verwaltung – ach, jeder dort ist prima. Man hört nie: Das geht nicht oder das können wir nicht machen oder dafür ist die Requisite zuständig. Für mich ist es geradezu Wellness, hier im TAK zu arbeiten. Die Kleinheit des Hauses ist für Schauspieler sensationell. Die grosse Bühne in St. Gallen ist bezüglich Sprechtheater die schwierigste Bühne der Schweiz, so meine ich. Wer dort inszenieren kann, kann an jeder grossen Bühne inszenieren. Wer dort spielen kann und dabei auch verstanden wird, der kann auf jeder grossen Bühne spielen.
Sie sind in Berlin geboren, lebten in Hamburg, München und Wien. Seit neun Jahren wohnen Sie in St.Gallen. Bleibt es dabei?
Vorerst schon. Und St.Gallen ist ja noch viel schöner, wenn man da nicht arbeiten muss.
Sie arbeiten aber noch mit den Studierenden der HSG als Lehrbeauftragter für Handlungskompetenz
Ja, aber da ist man ja ganz woanders, da ist man ja fast in Boston. Es ist toll. Ich mache diese eine Vorlesung schon seit 2010 und nun kam noch eine zweite dazu. Es geht um Kommunikation und Präsentation. So wie ich überzeugt bin, dass der Schauspieler im Mittelpunkt des Theaters steht, so muss für die Leute, die von der HSG abgehen, der Mensch im Mittelpunkt ihres Geschehens sein, nicht der Gewinn. Ein hehres Anliegen, aber man glaubt nicht, wie offen manche dieser jungen Leute dafür sind. Das hat mich sehr angenehm überrascht.
Tim Kramer.
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