Spitzhacke in die Hand, und losgedroschen auf den Bühnenboden, bis die Bretter, die die Welt bedeuten, splittern. Fast könnte man meinen, Tim Kramer habe einigen Frust loszuwerden nach neun Jahren als Schauspieldirektor und Herr über diese Bretter.
Der da hackt und sich abrackert, ist aber Kramer in der Rolle des Lenz. Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), Stürmer und Dränger: Georg Büchner hat den historischen Lenz in seiner gleichnamigen Erzählung 1835 literarisch beispielhaft gezeichnet als Dichter zwischen Genie und Wahnsinn, als jungen Mann mit einer übersteigerter Empfindlichkeit, die ihn an den herrschenden rigiden Verhältnissen zerbrechen lässt. «Entsetzlich» ist das tragische Zauberwort in diesem Pioniertext der Moderne. «Entsetzlich einsam», «allein im Nichts», von «namenloser Angst» getrieben sucht Lenz Gesundung im Gebirge beim Elsässer Pfarrer Oberlin, findet bald zu sich und stürzt bald wieder in neue, schwindelndere Abgründe. Am Ende siegt der Wahn, die kalte Leere. «So lebte er hin.»
Im Kollektiv gegen das Alleinsein
«Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut»: Das ist die unerfüllbare Lenz’sche Programmatik. Und das ist wohl auch die Wahlverwandtschaft, die Tim Kramer in dieser Figur findet und für seine letzte Produktion als Schauspieldirektor mit höchstem Ernst auf die Bühne bringt. Kramer spielt Lenz, den Suchenden, den glühend Einzelnen unter den Menschen und unter dem leeren Himmel, mit pulsierender Erregtheit, gleichsam innerlich händeringend. Aber er ist nicht allein, seine drei Mitspieler sekundieren, sprechen chorisch Passagen des Texts. Theater wird zur Medizin gegen das Ent-setztsein, gegen die Einsamkeit.
Zu den vier Spielerinnen und Spielern kommt das Carmina Quartett hinzu, Stephan Goerner, Matthias Enderle, Susanne Frank und Wendy Champney (das Programmheft findet es peinlicherweise unnötig, die Namen zu nennen). Sie spielen Quartettsätze von Bach, Beethoven, Mendelssohn Bartholdy, Schönberg und Adorno auf wechselnden Plätzen vor und auf der Bühne. Das Quartett, die Idealform des (musikalischen) Ensembles, spielt nicht nur phänomenal, sondern verkörpert seinerseits eine leibhaftige Antithese zu Lenz‘ Einsamkeit.
Mit Frisch auf dem Grat
Bei Lenz bleibt Kramer denn auch nicht stehen. Er fügt weitere «suchende» Grosstexte bei – zu viert steigen Diana Dengler, Boglarka Horvath, Anselm Lipgens und Tim Kramer mit Max Frischs «Auskunft aus der Stille» ins Hochgebirge und proben die Wahl zwischen «männlicher Tat und Tod». Dass der junge Frisch seinen erst zweiten literarischen Text 1937 zwar publiziert, aber rasch verworfen und als «Schmarrn» abgekanzelt hat, ist auch hier im munteren Wechselgespräch nachvollziehbar; der Nordgrat zwischen Bergler-Kitsch und existentieller Frisch-Schärfe ist schmal.
Weiter im Gipfeltreffen der Dichter: Diana Dengler verstrickt sich wunderbar in die Riesenärmel von Franz Kafkas «Ausflug ins Gebirge», den dieser mit lauter Niemanden unternehmen will. Anselm Lipgens macht mit einem Lenz-Liebesgedicht im ironischen Tragödenton den Anfang. Und Boglarka Horvath stemmt das Höchstgewicht, mit Paul Celans «Gespräch im Gebirg», beladen mit Säcken und Koffern, mit der Jahrtausendlast des wandernden Juden. Ein Text, so schwer wie leicht fliessend, so intellektuell rätselhaft in seinem Anspielungsreichtum zwischen dem «Juden Klein» (Celan) und dem «Juden Gross» (Adorno) wie zugleich emotional hautnah.
Text und Musik wechseln sich meist ab, fallen einander nur hier bei Celan einmal heftiger ins Wort, sonst nimmt das Quartett vorweg oder lässt nachklingen, was das Schauspiel benennt – und was an Unnennbarem mitschwingt.
Den Schluss macht «Wandern. Ein Stimmengeflecht», von Thomas Arzt eigens für diesen Abend geschrieben, eine muntere, manchmal polemische Sinnsuche zwischen den Niederungen des Ehealltags und dem Hochgebirge der Selbstverwirklichung.
Kramer spielt an diesem Abend, als Mitspieler wie als Co-Regisseur (das Programmheft nennt ausdrücklich das gesamte Ensemble verantwortlich für die Inszenierung) noch einmal seine Qualitäten aus: Der Inhalt ist von hohem Ernst und gesellschaftlichem Belang, das gesprochene und geschriebene Wort wird mit höchstem Respekt behandelt und durch keinerlei Regiemätzchen geschmälert, und die Bühnen-Bilder sind (im Team mit Gernot Sommerfeld und Natascha Maraval) sorgsam und sparsam gesetzt.
VR-Präsident verpatzt Ovation
All das hätte eine ordentliche Würdigung «on stage» verdient – Urs Rüegsegger, Präsident des Theater-Verwaltungsrats, setzt denn auch dazu an, aber spricht ohne Mikrofon kaum verständlich und so uninspiriert, dass es am Ende Buhs für den Redner absetzt, statt einer Ovation, wie sie dem scheidenden Schauspieldirektor nicht nur nach diesem starken Abend zugestanden wäre.
Aufführungen: Di 31. Mai, Fr 3. und 10. Juni. theatersg.ch
Bilder: Tine Edel
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