Wie kommt man zu einer Anfrage, eine Laudatio zu halten? Hat das mit der Lebensphase zu tun, so als Vorstufe, bevor diejenige des Nachrufers kommt?
Eine Laudatio ist per Definition eine Lobrede, also darf nichts Böses gesagt werden, zumindest nichts offensichtlich Böses. Es ist mir eine Ehre, den Geehrten Lob zuzusprechen – die Ehrenden brauchen wohl keine Argumente mehr, sie haben ja schon entschieden.
Jungle Books wurde 2015 gegründet. Die Jury des Jan-Tschichold-Preises schriebt: «Die Publikationen von Jungle Books werfen einen klaren, präzisen Blick auf die Themen und den Kontext, aus dem sie stammen. Sie zeichnen sich durch einen sorgfältigen Umgang mit Typografie, Bildgestaltung, Druckraster, Papier und Druckfarben aus, die zu einer feinsinnigen Organisation des Raums beitragen.»
Die Jury würdigt die Qualität und die Beständigkeit der Produktion von Jungle Books, insbesondere im schwierigen Umfeld des unabhängigen Verlagswesens. Die regelmässige Präsenz der Publikationen von Jungle Books in der Verlagslandschaft zeuge «von der Arbeitskraft, der Beharrlichkeit und dem Anspruch der Gründungsmitglieder, die es geschafft haben, ein selbst initiiertes Projekt zu einer festen Grösse in der Szene zu machen. Die St.Galler Szene, die man geradezu als St.Galler Schule bezeichnen möchte, geht aus der sprudelnden Lebendigkeit dieser Produktion hervor.»
Ich sei vollkommen frei, was ich sage; jedoch trug mir der Anfragende und Geehrte Samuel Bänziger auf, es solle nicht zu privat sein, zu viel der Gefühlsduselei, mit welcher wir uns jeweils unsere eigenartige Form der Zusammenarbeit erklärten.
Korrumpiert denn offenkundige Zuneigung gute Gestaltung? Welche Parameter braucht gute Gestaltung, und was ist das denn überhaupt, gute Gestaltung? Bei der Jan Tschichold-Preis-Laudatio kann diese Frage noch auf das Medium Buch eingeengt werden. Höchst erstaunlich, dass sich das Buch in unserer digitalisierten Welt bei jungen Gestalter:innen höchster Wertschätzung erfreut, im Falle der Geehrten gar zur Königsdisziplin erkoren wird.
In dem Dutzend Jahren, die wir zusammenarbeiteten, ist uns die Aussage «Machen wir ein Buch» ganz leicht und entsprechend oft von den Lippen gegangen, mal mit Fragezeichen, oft als neutrale Aussage, gelegentlich auch gepresst mit Ausrufezeichen.
Wir lernten uns wenige Jahre vor der Verlagsgründung kennen, die Geehrten konnten sich in hoher Kadenz um banale Grafik-Fragen im Zeughaus-Teufen-Betrieb kümmern. Die Resultate kamen oft in Buch-Nähe: Booklets, Serien, die sich stapeln und durchblättern lassen. Unlängst noch war es bei der Buchgestaltung en vogue, lose Blätter einzulegen, die dann beim Durchblättern rausflogen, dem Buch ganz viel Raum gaben und zu einem Rätsel wurden, wenn man versuchte, sie an die richtige Stelle zurückzulegen. Dabei stellten sich die Fragen: Wieso sind diese Teile nicht fest eingebunden? Folgt diese dynamische Ordnung einem höheren Sinn? Unsere Ausstellungsunterlagen kommen in gesammelter Form diesem flatterhaften Konzept nahe, ohne jedoch Teil eines fest gebundenen Korpus zu sein.
Nach zehn Jahren gemeinsamen Gestaltens gelang uns dann die klare Antwort auf unsere mittlerweile abgegriffene Frage «Machen wir ein Buch» (mittlerweile ermüdet und ohne Interpunktion): Wir machen ein Buch!
Man könnte meinen, es sei ein einfaches Unterfangen, die über die Jahre entstandenen Flyer und Booklets zu einem wohlgestalteten Jungle-Buch zusammenzufügen. Da aber die Jungle-Bücher nicht einfach dokumentieren und sammeln, was ist, sondern nach einem Mehrwert durch das Medium Buch suchen, war dann der Weg der Buchentstehung genau so aufregend wie schon all die anderen gemeinsam entwickelten Produkte.
Wir haben schon oft über unsere je gleichen, aber doch unterschiedlichen Arbeiten gesprochen, das Kuratieren im vergänglichen Raum, das grafische Arbeiten auf beständigem Papier, und darüber, wie es ist, wenn etwas zum Buch gebunden wird. Wir manövrierten uns da oft nicht selten ins «Zeug», meist dem kurzatmigen Nachrichtendienst geschuldet, verhedderten uns, konnten Fragen und Antworten einander nicht mehr zuordnen und verstanden uns so miss. Dabei hätten kluge Beobachter vielleicht von Dekonstruktion gesprochen.
Ueli Vogt, 1965, hat zehn Jahre lang das Zeughaus Teufen kuratiert. Er ist Gärtner, Architekt und Kurator. Seine Laudatio wurde übersetzt und in der BAK-Publikation zu den Schönsten Büchern 2023 publiziert.
Manchmal gelangten wir zu einer schwer beschreibbaren Gestalt. Der Inhalt war schemenhaft in der Struktur, durchscheinend, oft aber auch mit einer Prise «Komischem». Wir fragten uns: Ist das nun gut oder schlecht, cool oder doof? Wir waren uns dann oft einig: Wenn wir dieses «Komischsein» aushielten, dann wars gut. Komische Gestalten lassen sich nicht genau beschreiben, sie sind weder lustig noch ganz streng konzeptionell, lassen aber Raum für viele Gedanken und Fragen. Dadurch entsteht etwas Neues; eine neue Sichtweise auf etwas vermeintlich Vertrautes wird möglich.
Aus diesen Konfusionen heraus entstanden Fundamente, auf denen die Themen mittels ihrer eigenen Methode neu zusammengefügt wurden und somit dem Objekt einen eigenständigen Mehrwert und einen dem Medium Buch innewohnenden Ewigkeitsanspruch mitgaben. Ich weiss nicht, wie weit sich dieses Vorgehen des Ausstellung-Gestaltens auch auf die Buchgestaltung übertragen lässt. Ich mutmasse, wenn Jungles dabei sind, werden die Gestaltungsprinzipien auch bei den Büchern so oder zumindest ähnlich sein. Zwischen Ornament und Inhalt, immer betonend, dass die Inhalte und das Lesbare das Wichtigste seien, behält die visuelle Erscheinung aber meist die Oberhand. Das Konzept mit strengen Regeln hilft der flatterhaften Wahrnehmung, genauer und vor allem nachvollziehbarer zu werden. Dazu gesellen sich noch viele handwerkliche und materielle Fragen: Welches Papier soll gewählt und frühzeitig geordert werden, sollen noch weitere Materialien dazukommen, und wie originell soll es gebunden sein? Vielleicht frech mit offenem Rücken, wie ein Rohbau, oder angelehnt an klassische Buchgestaltungen?
Der Wahl der Buchstaben kommt bei den Jungles eine wichtige Rolle zu. Da ich diese kaum unterscheiden, dafür aber gut lesen kann, galt das Prinzip des gegenseitigen Vertrauens, was mir bei Gestaltungsfragen ganz wesentlich scheint. Dieses Grundvertrauen beruht idealerweise auf Gegenseitigkeit. Wenn manchmal die Lesbarkeit auf der Strecke bleiben sollte, kann auch das als Aussage verstanden werden, denn Texte müssen sowieso entschlüsselt und erarbeitet werden. So entstehen viele schwebende Momente, die ihrerseits Qualitäten erzeugen und zur verdienten Ehrung berechtigen.
Uns ist ein wunderbar sperriger Schollen gelungen mit dem leichtfüssigen Titel «1x ZHT», bei dem man zwischen Überforderung, Lust und lustig hin- und herschwankt. Und ich vermute, dass das der nicht verhandelbare Grund für den Jan Tschichold-Preis an euch ist: Ihr habt das allerschönste und daher wohl auch meist übersehene Buch gemacht, weil es so unfassbar und vielleicht auch nicht schön, aber ganz sicher komisch ist!
Ganz herzliche Gratulation, liebe Larissa, lieber Olivier, lieber Rosario, und lieber Samuel, ich bin stolz auf euch!
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.