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«Vergiss, was ein Buch ist»

19 Bücher sind zu den «Schönsten» des Jahrs 2020 gewählt worden. Zwei davon stammen vom Saiten-Grafiktrio Bänziger und Kasper-Florio, das auch den Katalog für den diesjährigen Wettbewerb gestaltet hat. Am Sonntag ist Vernissage in der St.Galler Hauptpost-Bibliothek.
Von  Peter Surber , 
Die 19 ausgezeichneten Bücher. (Bild: pd)

Das Buch ist dick und schwer. Kein Wunder, denn es will mehr sein als ein Buch: ein Instrument. Die aus dem Thurgau stammende Musikerin Rahel Kraft hat es geschaffen als Partitur für ihre und andere Performances. Und so steht auch auf dem Buchcover in übereiner gesetzten Stichworten, was man damit tun kann: «making vibrating touching moving listening sharing starting imagining connecting». Das Buch heisst Paradoxical Creatures.

Aussen: japanische Bindung, ausklappbarer Umschlag. Im Innern: perforierte Doppelseiten. Wer sie aufschneidet, produziert bereits ein Geräusch. In einzelne Seiten hineingelegte ultradünne Seidenpapiere dienen als weitere Klang-Körper. Und dazu dann die Anweisungen jeweils oben, seitlich am Rand oder ganz unten an jeder Seite: «Make an unstable sound.» «Breathe deeply.» «Play in unison with others.» Und so weiter, hunderte von Seiten lang: Klanganweisungen, Toninspirationen, Soundexperimente.

«Dieses Buch pendelt zwischen Körper, Papier und Wort», schreibt Rahel Kraft im Vorwort. «Es ist ein Werkzeug, um Töne zu kreieren, und fungiert als Membran, um Klangideen zu transportieren.» Deshalb appeliert sie an die Leser:in: «Vergiss, wie man mit einem Buch umgeht». Ihr visuelles «Skript» lasse sich in immer neuen Formen aufführen, solo, zu zweit oder in Gruppen und auch ergänzt um andere Objekte und Klänge.

Ein Buch ohne Noten, ohne Bilder, und trotzdem voller Musikalität: Dieses ungewöhnliche Objekt hat auch die Jury der Schönsten Bücher des Jahrs 2020 überzeugt. Sie betont den «sehr hohen konzeptionellen Anspruch» und zeichnet die im Rahmen der Thurgauer «Facetten»-Reihe erschienene Publikation zusammen mit 18 weiteren Büchern aus. Herausgeberin von «Facetten» ist die Thurgauer Kulturstiftung, die Gestaltung stammt von Samuel Bänziger, Larissa Kasper und Rosario Florio.

Ausstellung Schönste Bücher der Schweiz 2020: 7. bis 27. November, Hauptpost St.Gallen. Vernissage: 7. November 10.30 Uhr Raum für Literatur St.Gallen

Für das Grafiktrio, das «Facetten» im eigenen Verlag Jungle Books herausbringt und auch Saiten gestaltet, ist die Auszeichnung bereits Routine: Bereits 2013, 2016, 2017, 2018 und 2020 schafften es eine oder mehrere Publikationen der drei in die begehrte Auswahl. Dieses Jahr wird eine weitere Arbeit des Trios ausgezeichnet: Giger Sorayama zum Werk des Künstler HR Giger, erschienen in einem Mailänder Verlag.

Who is who der Verlage

Kasper-Florio und Bänziger sind zudem für drei Jahre beauftragt worden, den Katalog der Schönsten Bücher zu gestalten. Sie haben sich für eine inhaltliche Trilogie entschieden: Zum Auftakt geht es dieses Jahr um die Verlage, 2022 werden die Herausgeber:innen und schliesslich die Gestalter:innen im Zentrum stehen.

Doppelseite aus dem Katalog der Schönsten Bücher.

Mit Kurzporträts aller rund 150 Verlage, die 2020 für die Schönsten Bücher einreichten, ist der Katalog zum einen ein Who is Who der Schweizer und internationalen Kunstbuch-Szene. Zum zweiten werden alle 19 prämierten Bücher vorgestellt mit dem Jurybericht und mit dem Bildmaterial, das sich zu ihnen im Netz finden lässt. Zudem geben sechs Personen aus ausgezeichneten Verlagen Auskunft über ihr Schaffen. Schliesslich hat der Zürcher Künstler Matthias Gabi aus jedem der prämierten Bücher eine Doppelseite ausgewählt und in starker Vergrösserung fotografiert. Die so entstandenen Bögen sind gefaltet ins Buch integriert.

Den Schluss des Katalogs macht die launige Lobrede von Verleger Patrick Frey auf die ihrerseits aus St.Gallen stammende Buchgestalterin Krispin Hée, die dieses Jahr mit dem Jan-Tschichold-Preis ausgezeichnet wird und die «knackig, frisch, knapp und klar» famose Bücher gestalte.

Tschichold-Preisträgerin Krispin Hée.

Noch nicht «the end of print»

Juriert wurde, wie im Katalog einleitend steht, unter pandemie-erschwerten Bedingungen, in kleiner Runde und mit striktem Abstand. Die Buchproduktion selber hingegen sei offenbar halbwegs verschont geblieben, die Anzahl eingereichter Arbeiten lag mit 370 ungefähr gleich hoch wie in den Jahren zuvor. Ob die Pandemie die Herstellung von Büchern – und insbesondere aufwendig gestalteten – auf längere Sicht schwäche oder sogar stärke, sei noch nicht abzusehen.

Das gedruckte Buch sei heute nur noch «ein Medium unter anderen», schreibt Jurypräsident Gilles Gavillet. Inhalte würden heutzutage für diverse digitale und analoge Kanäle entworfen und könnten online kostengünstig verbreitet werden. Dass dennoch keineswegs «the end of print» gekommen sei, liege nicht zuletzt am Engagement und Fachwissen der Gestalterinnen und Gestalter.

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Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover