Das Buch ist dick und schwer. Kein Wunder, denn es will mehr sein als ein Buch: ein Instrument. Die aus dem Thurgau stammende Musikerin Rahel Kraft hat es geschaffen als Partitur für ihre und andere Performances. Und so steht auch auf dem Buchcover in übereiner gesetzten Stichworten, was man damit tun kann: «making vibrating touching moving listening sharing starting imagining connecting». Das Buch heisst Paradoxical Creatures.
Aussen: japanische Bindung, ausklappbarer Umschlag. Im Innern: perforierte Doppelseiten. Wer sie aufschneidet, produziert bereits ein Geräusch. In einzelne Seiten hineingelegte ultradünne Seidenpapiere dienen als weitere Klang-Körper. Und dazu dann die Anweisungen jeweils oben, seitlich am Rand oder ganz unten an jeder Seite: «Make an unstable sound.» «Breathe deeply.» «Play in unison with others.» Und so weiter, hunderte von Seiten lang: Klanganweisungen, Toninspirationen, Soundexperimente.
«Dieses Buch pendelt zwischen Körper, Papier und Wort», schreibt Rahel Kraft im Vorwort. «Es ist ein Werkzeug, um Töne zu kreieren, und fungiert als Membran, um Klangideen zu transportieren.» Deshalb appeliert sie an die Leser:in: «Vergiss, wie man mit einem Buch umgeht». Ihr visuelles «Skript» lasse sich in immer neuen Formen aufführen, solo, zu zweit oder in Gruppen und auch ergänzt um andere Objekte und Klänge.
Ein Buch ohne Noten, ohne Bilder, und trotzdem voller Musikalität: Dieses ungewöhnliche Objekt hat auch die Jury der Schönsten Bücher des Jahrs 2020 überzeugt. Sie betont den «sehr hohen konzeptionellen Anspruch» und zeichnet die im Rahmen der Thurgauer «Facetten»-Reihe erschienene Publikation zusammen mit 18 weiteren Büchern aus. Herausgeberin von «Facetten» ist die Thurgauer Kulturstiftung, die Gestaltung stammt von Samuel Bänziger, Larissa Kasper und Rosario Florio.
Ausstellung Schönste Bücher der Schweiz 2020: 7. bis 27. November, Hauptpost St.Gallen. Vernissage: 7. November 10.30 Uhr Raum für Literatur St.Gallen
Für das Grafiktrio, das «Facetten» im eigenen Verlag Jungle Books herausbringt und auch Saiten gestaltet, ist die Auszeichnung bereits Routine: Bereits 2013, 2016, 2017, 2018 und 2020 schafften es eine oder mehrere Publikationen der drei in die begehrte Auswahl. Dieses Jahr wird eine weitere Arbeit des Trios ausgezeichnet: Giger Sorayama zum Werk des Künstler HR Giger, erschienen in einem Mailänder Verlag.
Who is who der Verlage
Kasper-Florio und Bänziger sind zudem für drei Jahre beauftragt worden, den Katalog der Schönsten Bücher zu gestalten. Sie haben sich für eine inhaltliche Trilogie entschieden: Zum Auftakt geht es dieses Jahr um die Verlage, 2022 werden die Herausgeber:innen und schliesslich die Gestalter:innen im Zentrum stehen.
Doppelseite aus dem Katalog der Schönsten Bücher.
Mit Kurzporträts aller rund 150 Verlage, die 2020 für die Schönsten Bücher einreichten, ist der Katalog zum einen ein Who is Who der Schweizer und internationalen Kunstbuch-Szene. Zum zweiten werden alle 19 prämierten Bücher vorgestellt mit dem Jurybericht und mit dem Bildmaterial, das sich zu ihnen im Netz finden lässt. Zudem geben sechs Personen aus ausgezeichneten Verlagen Auskunft über ihr Schaffen. Schliesslich hat der Zürcher Künstler Matthias Gabi aus jedem der prämierten Bücher eine Doppelseite ausgewählt und in starker Vergrösserung fotografiert. Die so entstandenen Bögen sind gefaltet ins Buch integriert.
Den Schluss des Katalogs macht die launige Lobrede von Verleger Patrick Frey auf die ihrerseits aus St.Gallen stammende Buchgestalterin Krispin Hée, die dieses Jahr mit dem Jan-Tschichold-Preis ausgezeichnet wird und die «knackig, frisch, knapp und klar» famose Bücher gestalte.
Tschichold-Preisträgerin Krispin Hée.
Noch nicht «the end of print»
Juriert wurde, wie im Katalog einleitend steht, unter pandemie-erschwerten Bedingungen, in kleiner Runde und mit striktem Abstand. Die Buchproduktion selber hingegen sei offenbar halbwegs verschont geblieben, die Anzahl eingereichter Arbeiten lag mit 370 ungefähr gleich hoch wie in den Jahren zuvor. Ob die Pandemie die Herstellung von Büchern – und insbesondere aufwendig gestalteten – auf längere Sicht schwäche oder sogar stärke, sei noch nicht abzusehen.
Das gedruckte Buch sei heute nur noch «ein Medium unter anderen», schreibt Jurypräsident Gilles Gavillet. Inhalte würden heutzutage für diverse digitale und analoge Kanäle entworfen und könnten online kostengünstig verbreitet werden. Dass dennoch keineswegs «the end of print» gekommen sei, liege nicht zuletzt am Engagement und Fachwissen der Gestalterinnen und Gestalter.
Die Verlage Niggli und Benteli in Sulgen wurden per 1. Oktober an die Braun Publishing AG in Salenstein verkauft. Auf der Landkarte sind das nur 20 Kilometer, trotzdem bedeutet es eine Zäsur: Die gesamte Belegschaft verlässt den Verlag.
St.Gallen plant an Stelle des Provisoriums in der Hauptpost eine neue Bibliothek am Marktplatz. Was bringt die künftige Public Library? Und warum braucht das Buch trotz Digitalisierung einen öffentlichen Ort? Fragen an Sonia Abun-Nasr, die abtretende Leiterin der Kantonsbibliothek Vadiana.
Der Niggli-Verlag war 1950 in Teufen gegründet worden und seit 1992 in Sulgen ansässig. Nun ist er verkauft und verlässt die Ostschweiz. Eine Sicherung der Spur, die der Verlag hierzulande gezogen hat – im Gespräch mit jenen, die mit ihm gearbeitet haben.
Das Pilotprojekt Buch und Literatur Ost+ erprobt die «ergebnisoffene Kulturförderung». Wie das geht, wurde an einem öffentlichen Werkstattgespräch in Rapperswil deutlicher. Eine Erkundungstour.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.