Schweizer Filmemacher-Legende

Richard Dindo (Bild: pd)

Im Februar letzten Jahres starb der Schweizer Filmemacher Richard Dindo im Alter von 81 Jahren. Er hinterlässt 38 vollendete Filme, von denen vier mit der Ostschweiz verbunden sind. Kulturpublizist Martin Walder unternimmt mit Richard Dindo – Erinnerungsarbeiter einen Streifzug durch sein Werk.

Ri­chard Din­do ent­stamm­te ei­ner ita­lie­ni­schen Fa­mi­lie und wuchs, weit­ge­hend va­ter­los, in schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen auf. Sein im­menses Wis­sen er­warb er sich durch un­er­müd­li­ches und täg­li­ches Le­sen. Schon früh ent­deck­te er in Zür­cher Ki­nos Felli­ni und Go­dard. Erst 22-jäh­rig, oh­ne Be­ruf und ar­beits­los, zog er mit sei­ner Frau und zwei Töch­tern nach Pa­ris, wo er sei­ne Film-Re­cher­chen in der le­gen­dä­ren Ci­né­ma­t­hè­que fort­setz­te. His­to­risch ver­bürgt ent­flamm­te ge­nau hier der «Mai 68» und da­mit ein epo­cha­ler Auf­bruch, in den Din­do, von Na­tur aus ein Re­bell, tief ein­tauch­te. 

1970 kehr­te er in die Schweiz zu­rück und be­gann, als Au­to­di­dakt Fil­me zu ma­chen. Da­bei ver­stand er sich von An­fang an als Do­ku­men­ta­rist, im­mer auf der Sei­te von Re­bell:in­nen. Mit der Schweiz tat sich Din­do als Se­con­do sein gan­zes Le­ben lang schwer. «Mei­ne Be­zie­hung zu ihr», er­klär­te er, «ist von ei­ner Art Hass­lie­be ge­prägt. Ir­gend­wie ver­such­te ich mit mei­nen Fil­men im­mer auch ei­nen Be­weis da­für zu fin­den, dass ich exis­tie­re, dass ich Schwei­zer bin, eher je­den­falls als et­was an­de­res.» 

Er­in­ne­rungs­kul­tur als An­trieb

Als über­zeug­ter Do­ku­men­ta­rist woll­te Din­do an die tat­säch­li­chen Schau­plät­ze zu­rück­ge­hen und Er­in­ne­rung her­stel­len. Das Schei­tern von Träu­men und Re­bel­lio­nen be­trach­te­te er da­bei als un­aus­weich­lich. Er lehn­te es aber ab, des­we­gen ver­bit­tert un­ter­zu­ge­hen. Viel­mehr ging es ihm dar­um, Trau­er­ar­beit zu leis­ten.

Din­dos ers­ter, 1972 ent­stan­de­ner Lang­film Nai­ve Ma­ler in der Ost­schweiz war noch nicht ge­prägt von der Idee der Re­bel­li­on, be­leuch­te­te aber die Welt von Aus­sen­sei­ter:in­nen. Da­bei liess er sie zu Wort kom­men, oh­ne über­haupt hör­bar Fra­gen zu stel­len. In fol­gen­den Fil­men gab Din­do zahl­rei­chen be­kann­ten Wi­der­ständ­lern ei­nen Na­men, un­ter ih­nen Jean Ge­net, Che Gue­va­ra oder Max Frisch. 

Mit sei­nem Film Die Er­schies­sung des Lan­des­ver­rä­ters Ernst S., ent­stan­den 1975 in Zu­sam­men­ar­beit mit Ni­klaus Mei­en­berg, gab er dem 1942 als Lan­des­ver­rä­ter hin­ge­rich­te­ten St.Gal­ler Ernst Schräm­li eben­falls ei­nen Na­men. Der Film, ver­se­hen mit spitz­zün­gi­gen Kom­men­ta­ren von Mei­en­berg, ar­gu­men­tier­te, dass es bei der Voll­stre­ckung des To­des­ur­teils an­ge­sichts vie­ler pro­mi­nen­ter und straf­los ge­blie­be­ner Na­zi­an­hän­ger um Klas­sen­jus­tiz ging. Die vom Film aus­ge­lös­te hef­ti­ge De­bat­te gip­fel­te dar­in, dass ihm der Bun­des­rat, ent­ge­gen der Emp­feh­lung ei­ner eid­ge­nös­si­schen Ju­ry, ei­ne Qua­li­täts­prä­mie ver­wei­ger­te. 

Fil­mi­sches Denk­mal für Paul Grü­nin­ger

Auch mit Grü­nin­gers Fall schrieb Din­do 1997 Schwei­zer Film­ge­schich­te. Ihm ging es da­bei dar­um, Zeit­zeu­gen spre­chen zu las­sen, ei­nes sei­ner zen­tra­len An­lie­gen. Des­halb lud er jü­di­sche Emi­grant:in­nen aus Ös­ter­reich, die ihr Le­ben dem St.Gal­ler Po­li­zei­haupt­mann Paul Grü­nin­ger ver­dank­ten, nach St. Gal­len ein, da­bei just in den Ge­richts­saal, wo Grü­nin­ger ver­ur­teilt wor­den war. 

Mit ei­nem Re­bel­len be­fass­te sich Din­do auch mit sei­nem 1978 ins Ki­no ge­kom­me­nen Por­trät des 1903 im deut­schen Ko­blenz ge­bo­re­nen an­ti­fa­schis­ti­schen Künst­lers und Ge­brauch­gra­fi­kers Clé­ment Mo­reau. Sein wech­sel­vol­les Le­ben führ­te ihn 1961 nach St. Gal­len und Zü­rich und en­de­te 1988 in Sir­nach. 

Die­se vier Fil­me, wie ei­gent­lich al­le von Din­do, sind blei­ben­de Be­le­ge für sei­ne fes­te Über­zeu­gung, dass «Nicht-Er­in­ne­rung Selbst­zer­stö­rung ist».

Mar­tin Wal­der: Ri­chard Din­do, Er­in­ne­rungs­ar­bei­ter – Ein Streif­zug durch sei­ne Fil­me. 
Chro­nos Ver­lag, Zü­rich 2025.

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