Richard Dindo entstammte einer italienischen Familie und wuchs, weitgehend vaterlos, in schwierigen Verhältnissen auf. Sein immenses Wissen erwarb er sich durch unermüdliches und tägliches Lesen. Schon früh entdeckte er in Zürcher Kinos Fellini und Godard. Erst 22-jährig, ohne Beruf und arbeitslos, zog er mit seiner Frau und zwei Töchtern nach Paris, wo er seine Film-Recherchen in der legendären Cinémathèque fortsetzte. Historisch verbürgt entflammte genau hier der «Mai 68» und damit ein epochaler Aufbruch, in den Dindo, von Natur aus ein Rebell, tief eintauchte.
1970 kehrte er in die Schweiz zurück und begann, als Autodidakt Filme zu machen. Dabei verstand er sich von Anfang an als Dokumentarist, immer auf der Seite von Rebell:innen. Mit der Schweiz tat sich Dindo als Secondo sein ganzes Leben lang schwer. «Meine Beziehung zu ihr», erklärte er, «ist von einer Art Hassliebe geprägt. Irgendwie versuchte ich mit meinen Filmen immer auch einen Beweis dafür zu finden, dass ich existiere, dass ich Schweizer bin, eher jedenfalls als etwas anderes.»
Erinnerungskultur als Antrieb
Als überzeugter Dokumentarist wollte Dindo an die tatsächlichen Schauplätze zurückgehen und Erinnerung herstellen. Das Scheitern von Träumen und Rebellionen betrachtete er dabei als unausweichlich. Er lehnte es aber ab, deswegen verbittert unterzugehen. Vielmehr ging es ihm darum, Trauerarbeit zu leisten.
Dindos erster, 1972 entstandener Langfilm Naive Maler in der Ostschweiz war noch nicht geprägt von der Idee der Rebellion, beleuchtete aber die Welt von Aussenseiter:innen. Dabei liess er sie zu Wort kommen, ohne überhaupt hörbar Fragen zu stellen. In folgenden Filmen gab Dindo zahlreichen bekannten Widerständlern einen Namen, unter ihnen Jean Genet, Che Guevara oder Max Frisch.
Mit seinem Film Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S., entstanden 1975 in Zusammenarbeit mit Niklaus Meienberg, gab er dem 1942 als Landesverräter hingerichteten St.Galler Ernst Schrämli ebenfalls einen Namen. Der Film, versehen mit spitzzüngigen Kommentaren von Meienberg, argumentierte, dass es bei der Vollstreckung des Todesurteils angesichts vieler prominenter und straflos gebliebener Nazianhänger um Klassenjustiz ging. Die vom Film ausgelöste heftige Debatte gipfelte darin, dass ihm der Bundesrat, entgegen der Empfehlung einer eidgenössischen Jury, eine Qualitätsprämie verweigerte.
Filmisches Denkmal für Paul Grüninger
Auch mit Grüningers Fall schrieb Dindo 1997 Schweizer Filmgeschichte. Ihm ging es dabei darum, Zeitzeugen sprechen zu lassen, eines seiner zentralen Anliegen. Deshalb lud er jüdische Emigrant:innen aus Österreich, die ihr Leben dem St.Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger verdankten, nach St. Gallen ein, dabei just in den Gerichtssaal, wo Grüninger verurteilt worden war.
Mit einem Rebellen befasste sich Dindo auch mit seinem 1978 ins Kino gekommenen Porträt des 1903 im deutschen Koblenz geborenen antifaschistischen Künstlers und Gebrauchgrafikers Clément Moreau. Sein wechselvolles Leben führte ihn 1961 nach St. Gallen und Zürich und endete 1988 in Sirnach.
Diese vier Filme, wie eigentlich alle von Dindo, sind bleibende Belege für seine feste Überzeugung, dass «Nicht-Erinnerung Selbstzerstörung ist».
Martin Walder: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter – Ein Streifzug durch seine Filme.
Chronos Verlag, Zürich 2025.