Eben noch sind wir an Boutiquen und Kunstgalerien vorbeigeschlendert, haben im Café gesessen und die Jerusalemerinnen und Jerusalemer beobachtet, deren Stil Hotpants ebenso zulässt wie Kippas. Und nun steigen wir am schäbigen Busbahnhof in einen holprigen Bus, der uns nach Palästina bringt. Der Geruch von Fleisch und Zigaretten hängt in der Luft. Die Sitzordnung ist strikt, Frauen sitzen zu Frauen, Männer zu Männern.
Bald lassen wir das Treiben Jerusalems hinter uns und fahren durch eine rot-braune, hügelige Landschaft. Überall verstreut liegen Siedlungen. Da ist sie, die Mauer, die Israel und Palästina trennt und schon kurz nach der Abfahrt das Landschaftsbild dominiert. Beton, Stacheldraht, Wachtürme: bedrückend. Ein unauffälliger Checkpoint, schon ist man im palästinensischen Autonomiegebiet.
Der israelische Checkpoint in Ramallah. (Bilder: Kathrin Reimann)
Ramallah, 30’000 Einwohner, Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde. Touristen verirren sich selten hierher. Die Stadt ist nicht wirklich schön. Betlehem ist attraktiver, mit Banksy-Kunstwerken und religiösen Stätten.
«I am not your Habibti!»
In Ramallah fühlt es sich an, als wäre grad das Leben explodiert. Verkäufer bieten in zig Läden und an Ständen ihre Ware feil, in offenen Friteusen brutzeln Falafelbällchen. Salzige Schaschlickschwaden, süssliche Shishadämpfe und der Duft von starkem Kardamom-Kaffee steigen in die Nase. Die Strassen überfüllt von hupenden Autos. Männer dominieren das Bild: Sie heizen die Fleischgrills an, verkaufen Falafelsandwichs, rösten Kaffee, spielen und schwatzen in Cafés, sitzen am Steuer der Autos.
Auf den Strassen wimmelt es von Autos, Pferde bilden eher die Ausnahme.
Unser Hostel finden wir zwischen einer Baustelle und Wohnhäusern. Streunende Katzen suchen in Abfallhaufen nach Essen. Wir treffen auf eine selbstbewusste junge Frau. Ihre auffällige Jeansjacke trägt den Schriftzug «I am not your Habibti!». «Das bedeutet, ich bin nicht dein Schätzchen!», verkündet sie. Designt von der palästinensischen Marke – oder vielmehr Bewegung – BabyFist.
Im Geschäft erwarten uns weitere selbstbewusste und teilweise unverschleierte Frauen. Sie probieren Jacken, Tops und Hoodies an. Alle mit einer starken Botschaft versehen. Meist in Arabisch, manchmal mit Englisch kombiniert. «It’s my Life», «She is the Future» oder eben «I am not your Habibti». Damit werden sexuelle Belästigungen, Erniedrigungen und die Unterdrückung angesprochen. Diese seien hier an der Tagesordnung.
«Das wird entweder verschwiegen, oder die Frau wird dafür verantwortlich gemacht», erklärt uns die Verkäuferin. Mit ihren Kleidungsstücken wollen die Frauen hinter BabyFist Diskussionen anstossen und die repressiven Verhältnisse in Palästina und anderswo aufbrechen.
Gegründet hat das Unternehmen die in Amerika geborene Palästinenserin Yasmeen Mjalli, die es zurück in die Heimat zog, wo sie zum ersten Mal belästigt wurde. Mit ihrem Projekt bezweckt sie neben dem geschlechterspezifischen Dialog auch die Neubelebung der Textilindustrie in Gaza, welche noch bei 13 Prozent dessen liege, was sie vor der Belagerung war.
«Wir beteiligen uns am Wiederaufbau und lassen unsere Jeansjacken in Gaza produzieren», erklärt uns die Verkäuferin. Die T-Shirts, Kapuzenpullis und Tragetaschen werden in Ramallah hergestellt. «Zehn Prozent unserer Einnahmen gehen an Frauenprojekte – denn Wissen ist Macht.» Dieses Jahr an eine Kampagne, um an Schulen im gesamten Westjordanland Wissen über Menstruation zu vermitteln. BabyFist will auch mit Workshops zu Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt oder psychische Gesundheit jungen Menschen einen sicheren Rahmen bieten, um sich über Tabuthemen auszutauschen.
Musik, Farben und Wasser: Abends trifft man sich in Ramallah beim Springbrunnen.
Noch ganz beflügelt von so viel Engagement wechseln wir das Quartier. Wir sehen ein anderes Bild Ramallahs. Schicke Läden, hippe Cafés und Galerien sind hier zu finden. Während wir in einer Pizzeria Taybeh-Bier aus einer Mikrobrauerei im Westjordanland trinken, ertönt plötzlich laute Musik und Gejohle und Gelächter. Ein riesiger Springbrunnen speit das Wasser im Takt der Musik und wechselt dazu die Farbe. Familien und Kinder betrachten das Schauspiel, die Tische im Café rundherum sind alle besetzt. So sieht Abendvergnügen in Ramallah aus.
Ekstatisch feiern – und aufwachen im verstörenden Alltag
Und das Nachtleben? Zuerst statten wir der verrauchten, düsteren Berlin-Bar einen Besuch ab. Laute Musik pumpt durch den Raum, zum Bier werden frische Gurken mit Zitronensaft gereicht. Rauchverbot kennt man hier nicht. Die Barkeeper sind coole Typen mit langen Haaren, die selbstgedrehte Zigaretten rauchen.
Unser nächster Anlaufpunkt ist ein Club namens Radio. Wir bezahlen Eintritt und bekommen in dem kleinen, minimalistisch ausgestatteten Club eine astreine Technoshow, bestes Bier, grossartigen Arak und eine offene, feierwütige und überwiegend männliche Partymeute geboten.
Im «Radio» wird nachts zu Techno getanzt.
Das gegenseitige Interesse ist gross. Immer wieder werden wir angesprochen. Und immer wieder werden aus oberflächlichen Smalltalks tiefgründige Gespräche über die Ungerechtigkeit, die Ausweglosigkeit und den ganzen Wahnsinn der Belagerung.
Wieso geht man überhaupt feiern, wenn es kaum was zu feiern gibt? Wahrscheinlich, weil man es kann. Denn Ramallah gilt für moderne Palästinenserinnen und Palästinenser als Sehnsuchtsort. Und doch bleibt die Stadt ein goldener Käfig, weil alle Zugänge, alle Geld- und Warenströme, Wasser, Strom und alle Logistik von Israel kontrolliert werden.
Am nächsten Morgen herrscht Katerstimmung. Während andere Hostelgäste mit einem Guide nach Hebron aufbrechen, hängen wir herum und raffen uns später auf, um Ramallahs Märkte zu erkunden, wo es von lokalen Spezialitäten bis zu chinesischer Billigware alles gibt.
Auf dem Weg zurück ins Hostel sehen wir weinende Mädchen mit Schultaschen an der Bushaltestelle stehen. Im Hostel treffen wir auf die verstörte Gruppe, welche in Hebron in eine Räumung der Altstadt geriet. Hebron ist Sinnbild des verfahrenen Nahost-Konflikts: Weil mitten im Zentrum radikale Siedler ihre Häuser hingestellt haben, müssen Palästinenser weichen.
So auch an diesem Tag; aufgrund eines israelischen Feiertages wurde die Altstadt vom israelischen Militär geräumt, damit die Siedler ungestört beten konnten. Die Touristinnen und Touristen berichten von Schreien, Panik, Drohungen und Schüssen. Auch Busse seien keine mehr gefahren. Die weinenden Schulmädchen kamen nicht mehr nach Hause.
Unser Gastgeber – ein ruhiger Mann mittleren Alters mit traurigen Augen – hört fassungslos zu. Dann bricht es aus ihm heraus. «Wir sind hier eingesperrt. Nach Jerusalem kann nur, wer von den Israelis eine spezielle Genehmigung hat oder älter als 55 Jahre ist, also fast niemand.» Kinder, die einen Stein geworfen haben, würden jahrelang weggesperrt. Menschen würden verschwinden oder getötet. Israelis würden palästinensische Gebäude mit Abfall bewerfen. «Die Israelis nehmen uns alles weg, unseren Besitz, unsere Geschichte, unsere Ehre, unsere Zukunft. Sie vertreiben, entrechten und benachteiligen uns. Und die Welt schaut tatenlos zu.»
Kathrin Reimann, 1984, schreibt, kommuniziert, organisiert Subkultur und schmeisst Bars. Sie war vom 4. bis 19. Oktober in Palästina und Israel.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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