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Wer solidarisch ist, macht sich verdächtig

Die St.Galler Künstlerin Lika Nüssli hat im Frühling den Gazastreifen besucht. Hier ihre Flaschenpost aus unserem Juniheft.
Von  Gastbeitrag
Ramallah: Wassertanks auf allen Häusern. (Bilder und Illustrationen: Lika Nüssli)

Am Ostermontag landen wir auf dem Flugplatz Ben Gurion und fahren direkt nach Jerusalem. Auf dem Weg schaue ich ständig aus dem Fenster. Deckt sich die helle felsige Landschaft hier mit meiner Vorstellung von diesem Gebiet im Nahen Osten? Bereits sehe ich erste Mauerstreifen, die israelisches und palästinensisches Gebiet trennen. Eine Grenze, die die einen aus Angst aufbauen und die die andern in ihrer Freiheit einschränkt.

In und um Jerusalem ist die Hölle los. Christen und Juden sind an Ostern und Pessach zu Hauf in die heilige Stadt gepilgert. Der Taxichauffeur lässt uns irgendwo in der Nähe der Stadtmauern aussteigen. Durch das dichte Gewühl der Menschen gelangen wir durch das Jaffator in die Altstadt mit den engen Gassen aus weissem Stein.

Ich bin auf sonderbare Weise fasziniert von der Aufmachung und Menge der ultraorthodoxen Juden. Es hat noch eine andere grosse Gruppe, die sich durch ihre Kleidung und Accessoires zu erkennen gibt: Polizisten und Soldaten mit Gewehren. Nach dem Einchecken in der Jugendherberge begeben wir uns zur Klagemauer. Dahinter erheben sich der Felsendom und die AlAqsa-Moschee.

Tunnel und Tarnnetz

Am nächsten Morgen geht es los nach Erez, zum Grenzübergang in den Gazastreifen. Wir sind zu viert unterwegs, Anita Meister, Lilo Gander, Rolf Zopfi und ich. Anita und Rolf leiten und koordinieren zusammen die Kampagne «Olivenöl aus Palästina». Mit dem Fair-Trade-Handel von biologischem Olivenöl und Za’tar ermöglichen sie den Bauern gesicherte Existenzgrundlagen und wirtschaftliche Perspektiven im besetzten Land. Ein beachtlicher Teil des Gewinns fliesst wieder zurück in Hilfsprojekte in Gaza und im Westjordanland.

Lilo und ich begleiten Anita und Rolf zu den zahlreichen Treffen und Besichtigungen der Projekte. Die Strassenränder sind gesäumt mit israelischen Flaggen – hier ist wohl jeder Tag Nationalfeiertag. Das Schild «Erez Crossing» ist das letzte, was ich vorläufig fotografieren darf. Gleich danach beginnt eine hohe Mauer mit massivem Stacheldrahtverhau und einem Eingang in eine militärische Anlage.

Nach einer Passkontrolle betreten wir eine grosse leere Halle. Nur wenige Soldaten mit Gewehren beobachten uns. Mit unseren Bewilligungspapieren begeben wir uns an den ersten Schalter. Junge Soldatinnen kontrollieren unsere Papiere und verweisen uns an den nächsten Schalter. Eine andere Soldatin will genaue Auskunft darüber, warum wir nach Gaza wollen. Danach Gepäckschleusen und Leibeskontrolle wie am Flughafen.

Auf der anderen Seite der Mauer geht es etwa 500 Meter durch einen Zauntunnel, der durch Niemandsland führt. Am Ende erwartet uns palästinensisches Militär. Wieder Fragen und Kontrollen, aber auch Kaffee mit Kardamom. Wir müssen warten, bis wir von einem Fahrer aus Gaza abgeholt werden, anders kommen wir nicht weiter. Die Soldaten lassen sich gerne auf Selfies ein, und so traue ich mich, eine erste kleine Intervention mit meinem mitgebrachten eingefärbten Stück Stoff am Wassertank zu machen und sie mit der Kamera festzuhalten.

Magic Peace Ritual

Mit dem Auto folgen wir wieder einem abgeriegelten Weg zum nächsten Checkpoint, dem der Hamas. Wieder eingehende Befragungen in einem Büro in einer Baracke. Ein Lächeln ist hier keinem abzuringen, dafür ein eindrückliches Dokument. Ein riesiges Tarnnetz spannt sich über den Eingang der Anlage – es wirkt wie ein Versteck – eine tolle Installation! Die Hamas macht jetzt auch Gegenwartskunst. Ich kann es mir nicht verkneifen, ein Bild davon zu schiessen.

Einschusslöcher in der Stallwand

Wir fahren direkt zur Organisation PARC – Palestinian Agricultural Relief Committees – an die erste Sitzung, anschliessend besichtigen wir das Gebiet am Grenzzaun, wo die Gemüsefelder und Bauern sind, die Anita und Rolf unterstützen. Seit über einem Jahr finden dort jeden Freitag Demonstrationen statt. Mit dem «Great March of Return» fordern die Palästinenser die Freilassung aus diesem Gefängnis und ihr Land zurück. Mit dem Protest setzen sie ihr Leben aufs Spiel, vom Grenzzaun her werden sie beschossen. Der erste Bauer, den wir besuchen, zeigt uns die Einschusslöcher bei den Stallungen. Einige seiner Tiere sind ebenfalls umgekommen dabei.

Auf einem anderen Feld setzt eine Familie Setzlinge ein. Der Junge bringt uns eine Handvoll verbrauchte Tränengaspatronen. Was diesen Bauern ebenfalls Ertragseinbussen bringt, sind die vielen Demonstranten, die die Felder und Pflanzen zertrampeln. Hier mache ich eine weitere Aktion mit meinem Tuch, der Fahrer fotografiert mich dabei. Zuvor hatte ich einen Übersetzer gefragt, was Magic Peace Ritual auf arabisch heisst. So versteht mich der Fahrer, der sich als engagierter Assistent entpuppt. Ich freue mich über die Umsetzung meines künstlerischen Vorhabens, mit dem ich auf meine eigene Art in Kontakt mit den Menschen vor Ort komme.

Während der Fahrt ins Hotel durch Gaza City klebe ich fasziniert an der Scheibe. Ungesehene Bilder bietet diese teilzerstörte, verbastelte Stadt. Es sind viele Wagen mit abgehungerten Eseln unterwegs. Es kommt mir vor wie eine Zeitreise. Gerne würde ich hier tagelang durch die Strassen streifen. Krass, wie mich die visuelle Szenerie hier in Bann zieht.

Am Abend gehen wir durch belebte Strassen, finden einen guten Falafelstand. Wir sind ebenfalls ein seltener Anblick für die Einwohner. Aber ihr Starren ist freundlich und neugierig. Welcome, welcome… das sind die Lyrics, die uns die ganze Reise begleiten. Die nahöstliche Herzlichkeit lässt sich nicht unterdrücken.

Im Spital der Demonstranten

Am nächsten Tag begleiten wir ein Team der PMRS – Palestinian Medical Relief Society – auf einer mobilen Rehabilitationstour zu verletzten Demonstranten. Wir betreten ein heruntergekommenes Haus. Einem 15-jährigen Jungen wird eine grosse Beinwunde gepflegt. Am ganzen Bein entlang ist eine externe Schraubenkonstruktion befestigt. Er hat Glück, viele haben ihre Beine oder Arme verloren. Er habe aus Neugier seine Freunde an die Demo begleitet, erzählt er.

Nach einem weiteren Hausbesuch gehen wir in eine Reha-Klinik, in der viele junge Menschen mit Krücken und Verbänden im Wartesaal sitzen. Ich spreche mit drei verletzten Frauen, eine ist erst 14, die anderen zwei sind junge Mütter. Stolz zeigen sie mir ihre Fotos von den Demonstrationen. Sie hoffen mit aller Kraft auf eine Veränderung, sehen auf diversen Kanälen, dass Proteste etwas bewirken können, dass andere Frauen etwas bewirken. In Gaza hat es bis jetzt ausser Toten und Krüppeln nicht viel gebracht. Nur wenig davon gelangt ins mediale Bewusstsein. Lilo und Anita fällt auf, dass es nicht mehr so viele Frauen hat, die einen Hidschāb tragen. Jemand erzählt uns, die Frauen realisierten, dass der Schleier nichts mit der Religion zu tun hat, sondern nur mit patriarchaler Unterdrückung.

Gaza City: viel Eselskraft, weniger Pferdestärken

Bei der Ausreise aus Gaza durchwühlen die israelischen Grenzsoldaten unsere Koffer. Geldtasche, Kleider, Necessaire, alles wird ausgeleert, kommt zerstreut in Plastikwannen zurück.

Zurück in Jerusalem treffen wir Elad Orian, einen israelischen Physiker und Gründer von Comet-me. Er und sein Team installieren ausschliesslich in palästinensischen Siedlungen Solaranlagen für Strom und sandbetriebene Wasserversorgung. Damit leistet er wertvollen Widerstand. Unsere Reise führt uns weiter durch diverse Checkpoints, nach Ramallah zu einem Yogalehrer und Aktivisten der zweiten Intifada, zu einer jungen Feministin, die uns ins Khalil Sakakini Kulturzentrum mitnimmt, nach Jericho in eine Maftoulfabrik, in der nur Frauen arbeiten, ins kommunistische Farcha, eines der ersten Öko-Dörfer, und am Schluss zum Schweizer Botschafter in Tel Aviv.

Die Stimmung am Strand von Tel Aviv ist ausgelassen, ein krasser Gegensatz zum Erlebten im Landesinneren. Die meisten Menschen, die ich dort getroffen habe, dürfen nicht hier ins Küstengebiet reisen, sie sind in ihrer Freiheit stark eingeschränkt.

Vor dem Abflug müssen wir die letzten menschenunwürdigen Befragungen über uns ergehen lassen. Dass wir solidarisch mit den Menschen in Palästina sind, macht uns schon mal sehr verdächtig, und das Verhör nimmt an diskriminierender Schärfe zu.

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

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