Der zurückhaltende, aber bestimmte Tonfall in ihrer Stimme, die feingliedrige Erscheinung, der wilde Lockenkopf. Michaella Guez-Barasch öffnet ihre Wohnungstüre weit, bittet ins helle Wohnzimmer mit einer breiten Fensterfront, der Blick ins Appenzellerland spektakulär.
«Was soll ich sagen? Ich bin seit meinem zweiten Lebensjahr eine Migrantin.»
So beginnt sie, die Geschichte des Mädchens, das damals, als es zwei Jahre alt war, mit Eltern und Geschwistern aus der tunesischen Hafenstadt Bizerta nach Aschdod übersiedelte. Nach der Abschaffung des französischen Kolonialregimes im Jahr 1956 war es dort zu mehreren Zwischenfällen mit vielen zivilen Opfern gekommen. 1961 startete Israel eine Rettungsaktion.
Die jüdischen Tunesier aus Bizerta, es waren einige hundert, wurden evakuiert und nach Israel gebracht. «Ich war ja sehr klein und habe keine Erinnerungen, weder an Tunesien, noch an die Reise. Man brachte uns über Algerien nach Marseille und Tel Aviv. Wir, die Eltern und meine drei Geschwister, waren eine typische Immigrantenfamilie neben sehr vielen anderen Einwanderern in der Stadt Aschdod, die neben der antiken Stadt praktisch aus der Wüste gestampft worden war. In unserem Haus gab es Menschen aus Indien, Argentinien, Rumänien, Irak, Marokko. Es roch immer nach wunderbaren Gewürzen.
Meine Mutter lernte, indische Gerichte zu kochen. Wir sprachen in der Familie französisch. Wenn die Eltern wollten, dass wir nicht mithörten, wechselten sie ins Arabische. Wir waren eine liberale, nordafrikanische jüdische Familie. Das Essen war koscher, an Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag im Herbst, hat man gefastet, aber Vater hat an Schabbat geraucht.»
Michaella Guez-Barasch wäre gerne Sozialarbeiterin geworden, doch sie entschied sich dann für ein Ökonomiestudium. Als Jugendliche und junge Frau war sie politisch aktiv. Sie wollte aber auch wissen,was und wie andere Menschen denken, sie pflegte Beziehungen zu einer christlichen Gemeinde im Norden des Landes.
Schweizer Juden – 150 Jahre Gleichberechtigung: Vernissage 15. Februar, 18.30 Uhr, HVM St.Gallen hvmsg.ch
Sie war hingerissen von Golda Meir. «Ich dachte immer, ich sehe ein bisschen aus wie sie. Was mich dann auf die Idee brachte, ich könnte auch Ministerpräsidentin werden.» Es kam dann anders. In der Fabrik, in der sie als Studentin zeitweise arbeitete, lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen. Gemeinsam mit ihm verliess sie Israel im Jahr 1988. «Mein Mann wollte aus privaten Gründen etwas Abstand gewinnen zu seiner Heimat. Wir dachten – und ich hoffte es damals sehr – nach zwei, drei Jahren zurückzukehren. Daraus sind nun 30 Jahre geworden.»
Michaella Guez-Barasch trägt eine Traurigkeit in sich. Der Tee riecht nach Zimt und Ingwer, die Datteln sind fleischig. Sie stammen aus ihrer Heimat, die sie so oft wie möglich besucht. Eine ihrer Schwestern ist zum orthodoxen jüdischen Glauben übergetreten. Sie hat sechs Kinder.
Ja, es gebe Diskussionen, heftige manchmal. «Neulich etwa wegen den Palästinensern, die zur Arbeit nach Israel gehen und keine Konservenbüchsen mehr mit sich führen dürfen. Wegen Bombengefahr. Also müssen sie sich ihren Thunfisch in Plastikbeutel füllen. Das bedaure ich sehr.» Doch man dürfe nie und nichts bagatellisieren. Es gebe keine einzige Familie, keine einzige Freundin, die nicht in irgendeiner Weise von dieser schrecklichen Geschichte betroffen sei.
Morschach im Kanton Schwyz. Das war die erste Station der Familie Guez-Barasch. Michaella erwartete ihr erstes Kind. Dann Weggis. In Herisau erhielten sie schliesslich eine Aufenthaltsbewilligung. Da war sie nun. Als Jüdin. Als Migrantin. Als berufstätige Mutter von inzwischen zwei Kindern in einem Kanton, der das Frauenstimmrecht noch nicht kannte.
Das Paar gründete eine bis heute erfolgreiche internationale Handelsfirma für Fruchtsaftkonzentrate. Die Kinder, beide heute erwachsen, besuchten in Herisau die Grundschule, später das kantonale Gymnasium. Trotz ihres Heimwehs sei sie für vieles, was man ihrer Familie in der Schweiz ermöglicht habe, äusserst dankbar. Mit der Synagoge in St.Gallen ist sie verbunden, seit ihr Sohn sich als Jugendlicher vorbereiten musste auf Bar Mizwa, die religiöse Mündigkeit.
Seither ist ihr, die sich als nicht religiösen Menschen bezeichnet, das Gottes- und Gemeinschaftshaus spirituelle Unterstützung. Eine Brücke zwischen Berufstätigkeit, Familie und dem freiwilligen Engagement für Flüchtlinge und anderen Hilfsbedürftigen. Sie wendet ihren Blick Richtung Küche, zum Gemälde des israelischen Künstlers Reuven Rubin.
Ein feiner weisser Nebel zieht herab über einen alt gewachsenen Olivenhain. Ein Bild wie aus der Bibel, die auf dem Tisch liegt. Auf der aufgeschlagenen Seite ist von den Propheten die Rede.
Dieser Text erschien im Februarheft von Saiten.
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