«Der Auslöser für mein Projekt Krieg ohne Krieg war ein Besuch vor bald 20 Jahren im Museum zum grossen Vaterländischen Krieg», erzählt Meinrad Schade an seinem Vortrag im Palace, zu dem das «Haus zur Ameise» eingeladen hat. Der 51-jährige bereiste damals mit seiner Partnerin die Ukraine für ein Fotoprojekt über Museen der Sowjetunion.
«Grosser Vaterländischer Krieg», so nennt sich dort der Zweite Weltkrieg bis heute. «Dieses Museum ist eines der beliebtesten in Kiew, vielleicht sogar in der ganzen Ukraine. Ich finde es absurd, dass ein Krieg, der über 70 Jahre zurück liegt, noch immer derartig Menschen zu mobilisieren weiss», sagt Schade.
Dieses Erlebnis warf für den selbstständigen Fotografen viele Fragen auf: Wann ist ein Krieg vorbei? Kann ein Krieg als «beendet» bezeichnet werden, wenn seine Spuren noch dermassen stark in der Gegenwart manifestiert sind? Wann beginnt ein Krieg und was passiert neben einem Krieg? Diese Fragen wurden zur Basis für Schades Langzeitprojekt «Krieg ohne Krieg», welches, wie er selbst sagt, zu einem Lebenswerk zu werden «drohe».
«Nebenschauplätze»
Seit 2003 reist Meinrad Schade in unregelmässigen Abständen zu Orten, die mit Krieg zu tun haben. Dazu gehörten das ehemalige Stalingrad, Nagorno-Karabakh – ein Land zwischen Armenien und Aserbaidschan, das von kaum einem Staat anerkannt ist –, Kasachstan, die Ukraine und Russland.
Das Palace St.Gallen ist am Dienstagabend gut gefüllt, um die 50 Leute sitzen in den alten Kinosesseln. Sie alle wollen mehr wissen über das neuste Projekt «Unresolved – ungelöst», welches den Konflikt zwischen Israel und Palästina thematisiert.
Schade zögerte lange, ob er sich wirklich ins geheiligte Land aufmachen sollte, denn die dortige Situation gilt als eine der am besten dokumentierten überhaupt. «Was kann ich dem allem noch hinzufügen?», fragte er sich. «Schlussendlich entschied ich mich trotz aller Bedenken, dorthin zu gehen. Ich wollte wissen, wie sich der Konflikt in die Gesellschaft, in die Landschaft, in den Alltag einschreibt.»
Schades Bilder entsprechen kaum dem, was man sich unter gewohnter Kriegsfotografie vorstellt. Er sucht weder das Spektakuläre noch das Schockierende. Aktive Kriegshandlungen, Explosionen, die ganze Grausamkeit von Kriegen bleiben verborgen, entstehen nur im Kopf der Betrachtenden.
Beispielsweise dann, wenn Schade einen Raum voller palästinensischer Frauen fotografiert, die um einen vom israelischen Militär erschossenen Sohn trauern. Oder im Bild einer Familie, die um den Sarg eines israelischen Soldaten steht, der von Palästinensern getötet wurde. Für Schade geht es um die Nebenschauplätze, um das wenig Sichtbare.
«Dort wo ich war, fotografierte niemand anderes», sagt er. «Das ist mein Konzept, das Prinzip der Nebenschauplätze, denn das, worum es mir geht, zeigt sich meines Erachtens nicht in den spektakulären Eruptionen dieses ewigen Konflikts, sondern praktisch immer, Tag für Tag.»
Am liebsten selber nicht dort
Die Fotografien sind durchzogen von Subtilität, offenbaren erst bei genauem Blick oder Erklärung eine viel tiefere Bedeutung. Da ist das Bild eines ausgestopften Löwen in einem Zoo im Gazastreifen, der gestorben ist, weil nicht genug Geld für Futter vorhanden war. Oder eine durch einen Beamer beleuchtete Wand, wo Jugendliche einen Mann abzeichnen, den sie für einen Märtyrer halten. Oder das Bild einer israelischen Wohnsiedlung, welche gar keine ist, sondern das 3D-Modell eines palästinensischen Wohnprojekts für den Mittelstand.
«Für mich ist das ein Sinnbild dafür, dass der Traum des ‹normalen› Lebens auf beiden Seiten der Konfliktlinien sehr ähnlich aussieht», sagt Schade.
meinradschade.ch hauszurameise.com
«Ich hatte durchaus immer wieder Momente, wo ich mich fragte, was ich überhaupt da mache. Es lässt sich sicher fragen, was ich als einigermassen wohlhabender Schweizer in so einem Gebiet verloren habe», antwortet Schade auf die erste Frage nach seinem Vortrag. «Und manchmal gibt es auch Situationen, die so absurd sind, dass ich im Moment jeweils am liebsten nicht dort wäre.»
Der bekannte Fotograf wirft viele Fragen auf, die Antworten nimmt er nicht vorweg. Er bleibt stets selbstkritisch und lässt vieles offen. Beispielsweise, wenn er sagt, dass er den Israel-Palästina-Konflikt immer wieder neu für sich verhandle. Sein nächstes Projekt ist bereits in Planung: Schade will sich mit der Darstellung von Krieg durch das Medium Film auseinandersetzen.
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.