Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Dort wo ich war, fotografierte niemand anderes»

Der Fotograf Meinrad Schade fotografiert im neusten Abschnitt seines Langzeitprojekts «Krieg ohne Krieg» den Alltag der Menschen inmitten des Israel-Palästina-Konflikts. Seine Bilder zeigte er beim dritten «Artist Talk» des Hauses zur Ameise letzten Dienstag im Palace. von Andri Bösch
Von  Gastbeitrag
Bilder: Meinrad Schade

«Der Auslöser für mein Projekt Krieg ohne Krieg war ein Besuch vor bald 20 Jahren im Museum zum grossen Vaterländischen Krieg», erzählt Meinrad Schade an seinem Vortrag im Palace, zu dem das «Haus zur Ameise» eingeladen hat. Der 51-jährige bereiste damals mit seiner Partnerin die Ukraine für ein Fotoprojekt über Museen der Sowjetunion.

«Grosser Vaterländischer Krieg», so nennt sich dort der Zweite Weltkrieg bis heute. «Dieses Museum ist eines der beliebtesten in Kiew, vielleicht sogar in der ganzen Ukraine. Ich finde es absurd, dass ein Krieg, der über 70 Jahre zurück liegt, noch immer derartig Menschen zu mobilisieren weiss», sagt Schade.

Dieses Erlebnis warf für den selbstständigen Fotografen viele Fragen auf: Wann ist ein Krieg vorbei? Kann ein Krieg als «beendet» bezeichnet werden, wenn seine Spuren noch dermassen stark in der Gegenwart manifestiert sind? Wann beginnt ein Krieg und was passiert neben einem Krieg? Diese Fragen wurden zur Basis für Schades Langzeitprojekt «Krieg ohne Krieg», welches, wie er selbst sagt, zu einem Lebenswerk zu werden «drohe».

«Nebenschauplätze»

Seit 2003 reist Meinrad Schade in unregelmässigen Abständen zu Orten, die mit Krieg zu tun haben. Dazu gehörten das ehemalige Stalingrad, Nagorno-Karabakh – ein Land zwischen Armenien und Aserbaidschan, das von kaum einem Staat anerkannt ist –, Kasachstan, die Ukraine und Russland.

Das Palace St.Gallen ist am Dienstagabend gut gefüllt, um die 50 Leute sitzen in den alten Kinosesseln. Sie alle wollen mehr wissen über das neuste Projekt «Unresolved – ungelöst», welches den Konflikt zwischen Israel und Palästina thematisiert.

Schade zögerte lange, ob er sich wirklich ins geheiligte Land aufmachen sollte, denn die dortige Situation gilt als eine der am besten dokumentierten überhaupt. «Was kann ich dem allem noch hinzufügen?», fragte er sich. «Schlussendlich entschied ich mich trotz aller Bedenken, dorthin zu gehen. Ich wollte wissen, wie sich der Konflikt in die Gesellschaft, in die Landschaft, in den Alltag einschreibt.»

Schades Bilder entsprechen kaum dem, was man sich unter gewohnter Kriegsfotografie vorstellt. Er sucht weder das Spektakuläre noch das Schockierende. Aktive Kriegshandlungen, Explosionen, die ganze Grausamkeit von Kriegen bleiben verborgen, entstehen nur im Kopf der Betrachtenden.

Beispielsweise dann, wenn Schade einen Raum voller palästinensischer Frauen fotografiert, die um einen vom israelischen Militär erschossenen Sohn trauern. Oder im Bild einer Familie, die um den Sarg eines israelischen Soldaten steht, der von Palästinensern getötet wurde. Für Schade geht es um die Nebenschauplätze, um das wenig Sichtbare.

«Dort wo ich war, fotografierte niemand anderes», sagt er. «Das ist mein Konzept, das Prinzip der Nebenschauplätze, denn das, worum es mir geht, zeigt sich meines Erachtens nicht in den spektakulären Eruptionen dieses ewigen Konflikts, sondern praktisch immer, Tag für Tag.»

Am liebsten selber nicht dort

Die Fotografien sind durchzogen von Subtilität, offenbaren erst bei genauem Blick oder Erklärung eine viel tiefere Bedeutung. Da ist das Bild eines ausgestopften Löwen in einem Zoo im Gazastreifen, der gestorben ist, weil nicht genug Geld für Futter vorhanden war. Oder eine durch einen Beamer beleuchtete Wand, wo Jugendliche einen Mann abzeichnen, den sie für einen Märtyrer halten. Oder das Bild einer israelischen Wohnsiedlung, welche gar keine ist, sondern das 3D-Modell eines palästinensischen Wohnprojekts für den Mittelstand.

«Für mich ist das ein Sinnbild dafür, dass der Traum des ‹normalen› Lebens auf beiden Seiten der Konfliktlinien sehr ähnlich aussieht», sagt Schade.

«Ich hatte durchaus immer wieder Momente, wo ich mich fragte, was ich überhaupt da mache. Es lässt sich sicher fragen, was ich als einigermassen wohlhabender Schweizer in so einem Gebiet verloren habe», antwortet Schade auf die erste Frage nach seinem Vortrag. «Und manchmal gibt es auch Situationen, die so absurd sind, dass ich im Moment jeweils am liebsten nicht dort wäre.»

Der bekannte Fotograf wirft viele Fragen auf, die Antworten nimmt er nicht vorweg. Er bleibt stets selbstkritisch und lässt vieles offen. Beispielsweise, wenn er sagt, dass er den Israel-Palästina-Konflikt immer wieder neu für sich verhandle. Sein nächstes Projekt ist bereits in Planung: Schade will sich mit der Darstellung von Krieg durch das Medium Film auseinandersetzen.

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26