Im Vorgarten von Arnold B. Stampfli steht eine altehrwürdige Fahrplantafel einer Zürcher Tramhaltestelle. Bahnhofstafeln und Ortsschilder zieren den Eingang zum Ferienhaus «Felsenegg» und machen klar, dass sich hier ein «Bähnler» häuslich eingerichtet hat. Kein Wunder, fragen vorbeiziehende Wandergruppen nach, ob es sich beim pittoresken Ferienhaus um eine Wirtschaft handle. Direkt am Dorfplatz, mit Blick über die Ausläufer des Zürichsees und die örtliche Kirche verbringt Arnold B. Stampfli seinen Lebensabend. In seinem Refugium türmen sich die Erinnerungsstücke aus einem Leben zwischen Journalismus, Katholizismus und seiner Leidenschaft für den Schienenverkehr.
1995 zog Stampfli mit seiner Frau in das Dorf Rieden oberhalb von Gommiswald. Dies, obwohl Rieden nicht gerade mit einer guten ÖV-Erschliessung protzen kann. Stündlich quält sich das Postauto die enge Passage von Uznach hinauf ins Dorf. Den 92-Jährigen hat dies damals wie heute nicht davon abgehalten, sich für sein Fortkommen auf den öffentlichen Verkehr zu verlassen.
Bis sein Bruder dieses Jahr verstarb, besuchte er den ehemaligen Zürcher Domherr Franz Stampfli wöchentlich im Zürcher Altersheim. Mit Bus, Bahn und vom Arzt verschriebenem Gehstock wagte Stampfli den Abstieg in das Zürcher Schienendickicht. «Heute wird viel Wert daraufgelegt, dass alle mitfahren können. So ist es auch für einen Gehbehinderten wie mich weiterhin gut möglich, mitzufahren», sagt Stampfli. In Sachen Barrierefreiheit habe sich in den vergangenen Jahren viel getan – eine von vielen Entwicklungen bei der Bahn, die Stampfli miterlebt hat.
Akribisch wie ein Fahrplan
Aufgewachsen am Zürcher Schaffhauserplatz, war Stampfli von klein auf umgeben von Schienen. «Als Bub konnte ich stundenlang am Fenster sitzen und die vorbeiziehenden Trams beobachten.» Er notierte sich jeweils die Kompositionen der Waggons und führte tägliche Strichlisten, ob sich der Motorwagen vorne oder hinten am Tram befand. Zusammen mit seinem Bruder baute er mit Holzklötzen die Zugbrücken der Stadt nach – zum Missfallen der Mutter, die jeweils um die Bauwerke herumputzen musste. Dieser erzählte der Vierjährige dann schon ganz aufgeregt von der Bahnfahrt von Zürich nach Einsiedeln im Jahr 1933. Kinder bis vier durften damals nämlich noch kostenlos in der Bodensee-Toggenburg-Bahn, die 2001 zur heutigen Südostbahn fusionierte, mitfahren. Und weil der Vater für einmal die 2. Klasse gebucht hatte, fuhren sie nicht wie sonst «hölzern», sondern eben «gepolstert».
Auch in der Schule blieb seine Faszination für den Schienenverkehr nicht unbemerkt. Bei seinen Gspänli im Kollegium in Appenzell handelte er sich den Spitznamen «Fahrplan» ein, weil er jeweils fürchterlich schimpfte, wenn die Bahn Verspätung hatte. Seine Gewissenhaftigkeit brachte ihm im Gymnasium das Ämtli ein, in den Ferien für jeweils alle 250 Schüler die Zugbilletts zu organisieren. Der Mutter zuliebe studierte er Treuhand an der HSG, obwohl es ihn eigentlich wie den Vater in den Journalismus zog. In der Studentenverbindung setzte sich dann der Name «Loki» durch, sein Bruder wurde auf «Tram» getauft.
Während heute eine Tiefgarage an der HSG nötig ist, um die ganzen Porsches und Audis unterzubringen, kam die alte Universität in den 50er-Jahren mit lediglich acht Parkplätzen aus. «Es war selbstverständlich, zu Fuss oder mit dem ÖV zu kommen. Für den Buchhaltungsprofessor warteten wir jeweils eine Viertelstunde bis Vorlesungsbeginn, damit er seinen Zug aus Zürich nehmen konnte», erinnert sich Stampfli.
Seine akribische Arbeit und genaue Auffassungsgabe zogen ihn schlussendlich doch in den Journalismus, wo er sich mit dem ÖV ein damals noch wenig beackertes Themenfeld sicherte. «So einen wie dich haben wir noch nicht», bekam er von den eher autofreundlichen Herren in den Redaktionen jeweils zu hören. So fand er sich nicht selten auf Versammlungen von Autovereinen wieder, wo diskutiert wurde, dass die Einführung von einem Tempolimit 60 innerorts ein gewaltiger Eingriff in die Freiheitsrechte wäre.
Gleichzeitig erlebte Stampfli den Investitionsschub der SBB mit. Lange Zeit durften die Bundesbahnen nur so viel neu in ihr Streckennetz investieren, wie sie jeweils auf der bestehenden Infrastruktur abschrieben. Eine Volksabstimmung befreite die SBB von dieser Radkralle und gab freie Fahrt für das heutige Schienennetz. Einen einzigen Kommunikationsbeauftragten hatte die SBB damals. Mit ihm realisierte Stampfli pionierhafte Reportagen von Tunneldurchbrüchen und Bahnhofsumbauten. Über solches hatte man zuvor nicht berichtet.
Mit Braut und Bahn
Stampflis Leben verlief entlang der Bahnlinie und machte selbst vor seiner Hochzeit nicht halt. Einen Tag nach seiner Trauung im August 1960 weihte die Bodensee-Toggenburg-Bahn eine neue und hochmoderne Zugskomposition auf der Strecke Rapperswil-St.Gallen-Romanshorn ein. Zur Berichterstattung mit dabei war natürlich Stampfli – und zur Feier des Tages auch seine frisch angetraute Gattin. «In aller Eile hatte ich am Morgen jedoch vergessen, mich zu rasieren. Ich konnte das auf der Durchfahrt des acht Kilometer langen Rickentunnels nachholen. Jedoch vorne beim Lokführer, dem einzigen Ort mit Stromanschluss im Zug.» Stampfli lacht verschmitzt.
Bei aller Liebe zur Bahn verlor er nie seinen kritischen Blick. «Der Stampfli kommt, da müssen wir aufpassen», hörte er einst bei einer Pressekonferenz. Als er über einen neuen Autoverlad zwischen Bern und Südfrankreich berichtete, konnte er die genauen Zahlen der täglich verladenen Autos auflisten. Erstaunt erhielt er nach der Veröffentlichung einen Anruf der SBB mit der Bitte zu erklären, wie er denn auf diese Zahlen komme. Intern wisse davon niemand. «Ich habe mich einfach jeden Abend an der Bahnhofsausfahrt postiert und die Autos händisch gezählt», lacht Stampfli auch heute noch.
So ebnete Stampfli den Weg zur heutigen Berichterstattung über den ÖV. Mit anderen Medienschaffenden gründete er den Verein «BahnJournalisten Schweiz», in welchem er lange Zeit als Aktuar tätig war. In seinem Heimatdorf stand Stampfli 20 Jahre als Präsident dem Verkehrsverein Rieden vor.
Ein Auto hat Arnold B. Stampfli dabei zu Lebzeiten nie besessen. «Weshalb sollte ich etwas kaufen, das ich nicht brauche?», fragt der rüstige Rentner. Bei der Abdankung von seinem Bruder diesen Sommer wurde die Familie Stampfli dann auch liebevoll als «autolose Sippe» betitelt. Eine Philosophie, die «Loki» auch seinem Nachwuchs weitergegeben hat – keines seiner Kinder besitzt heute ein Auto.
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