Kategorie
Autor:innen
Jahr

St.Gallens boomender Babyhandel

St.Galler Behörden wussten schon in den 1980er-Jahren, dass Adoptionskinder aus Sri Lanka über dubiose Kanäle in die Schweiz vermittelt wurden. Die Regierung präsentiert jetzt einen Forschungsbericht dazu und anerkennt damalige Verfehlungen – entschuldigt sich aber noch nicht offiziell.
Von  Roman Hertler , 
Medienkonferenz zum Forschungsbericht: Celin Fässler und Sarah Ramani Ineichen vom Verein Back to the Roots, Regierungsrätin Laura Bucher und Historikerin Francesca Falk. (Bild: hrt)

Jetzt ist es amtlich: Nicht nur Sri Lanka hat bei Adoptionsverfahren geschlampt oder vorsätzlich gegen geltendes Recht verstossen, sondern auch der Kanton St.Gallen. Heute ist ein entsprechender Forschungsbericht präsentiert worden. In dieser Form der Erste schweizweit.

Zwischen 1973 und 2002 wurden insgesamt 86 Kinder aus Sri Lanka, in den meisten Fällen kurz nach ihrer Geburt, von im Kanton St.Gallen wohnhaften Ehepaaren adoptiert. Dass bei Adoptionen aus Sri Lanka vieles falsch gelaufen ist und in etlichen Fällen kommerzielle Interessen der Vermittlungspersonen zwischen beiden Ländern mitspielten, war schon in den 1980er-Jahren hinlänglich bekannt. Das Thema kam spätestens ab 2019 mit der Berichterstattung des Schweizer Fernsehens unter anderem über die 1997 verstorbene St.Galler Adoptionsvermittlerin Alice Honegger erneut aufs Tapet.

Honegger, Oehler, Thavanesan – St.Galler Adoptionssumpf

Dem Kanton St.Gallen kommt in dieser Angelegenheit eine besondere Rolle zu: Honegger stand unter der Aufsicht des Kantons. Sie vermittelte aber nachweislich auch Kinder an Schweizer Ehepaare in Zeiten, in denen der Kanton ihr die Bewilligung dafür vorübergehend sistiert hatte.

Honegger unterhielt enge Kontakte zum sri-lankischen Anwaltsehepaar Arumugam und Rukmani Thavanesan und zum Anwalt Subramaniam Parameshwaran, die ihr Kinder vermittelten, jeweils äusserst zweifelhafte Dokumente beglaubigten – und dafür ordentlich abkassierten. Die grosse Mehrheit der St.Galler Fälle lief über ihre Schreibtische, wie die Forschung zeigt.

Auch St.Galler Prominenz war involviert. Der St.Galler CVP-Nationalrat Edgar Oehler hat zwischen 1980 und 1984 selber vier Mädchen aus Sri Lanka adoptiert. 1983 hatte der Bund aufgrund der kritischen Berichterstattung die Einreisebestimmungen für Kinder verschärft, um dem boomenden Kinderhandel zu begegnen. Oehler hat sich gemeinsam mit Honegger, über deren Vermittlungsagentur auch seine vier Adoptivtöchter vermittelt wurden, eingesetzt, diese Regelungen rückgängig zu machen. Erfolgreich: Ein halbes Jahr später war die Verschärfung wieder vom Tisch.

Konkreten Fragen der Medien dazu, etwa vom SRF oder vom «Tagblatt», wich Oehler jeweils aus. Von Kinderhandel will er nichts gewusst haben. In einem Forschungsbericht der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHaW) von 2020 heisst es, wer hierzulande eine Tageszeitung oder eine Wochenzeitschrift las, war spätestens im Frühjahr 1982 im Bild. Oehler war bis 1985 Chefredaktor der Tageszeitung «Die Ostschweiz», und seit 1971 Nationalrat.

Ausserdem kurios und eine absolute Ausnahme bei den 86 untersuchten Fällen: In den St.Galler Archiven finden sich zu den vier Adoptionen von Oehler keinerlei sri-lankische Dokumente, sondern höchstens Dokumente, die auf deren Existenz zumindest hinweisen. Warum diese Akten fehlen, kann sich die Forschung nicht erklären.

Kein einziger Fall genügend dokumentiert

Auch aufgrund dieser besonderen Rolle St.Gallens hat das kantonale Departement des Inneren 2020 ein Forschungsteam um die Historikerinnen Francesca Falk und Danielle Berthet beauftragt, die entsprechenden Bestände in den öffentlichen Archiven von Kanton und Gemeinden zusammenzutragen und digitale Dossiers zu allen Einzelfällen zu erstellen.

«Eine Haupterkenntnis unserer Studie ist, dass es bei den Adoptionen eben nicht nur auf sri-lankischer Seite zu Verfehlungen kam, sondern auch bei den St.Galler Kantons- und Gemeindebehörden», erklärt Forschungsleiterin Francesca Falk am Donnerstag im Regierungsgebäude in St.Gallen. In sämtlichen untersuchten Fällen ist davon auszugehen, dass massgebende rechtliche Vorgaben im Adoptionsverfahren nicht eingehalten wurden. Zumindest ist deren allfällige Einhaltung schlecht bis gar nicht dokumentiert.

Dabei geht es um potenziell gefälschte oder unsorgfältig ausgefüllte Geburtsurkunden oder Einverständniserklärungen der leiblichen Eltern in Sri Lanka – also Dokumente aus Sri Lanka. Es geht aber hauptsächlich auch um die Verfehlungen der St.Galler Behörden. Der Bericht weist nach, dass diese in zahlreichen Fällen offensichtliche Anzeichen von kommerziellem «Babyhandel» missachteten und ausserdem ihre Aufsichtspflicht auf verschiedenen Ebenen verletzten. So wurden vielen Kindern keine gesetzliche Vertretung zur Seite gestellt, das Pflegeverhältnis mangelhaft beaufsichtigt oder Kinder Ehepaaren zugesprochen, ohne vorgängig die Verhältnisse ausreichend abzuklären.

Verein als Anlaufstelle

2018 formierte sich der Verein Back to the Roots, der als Anlaufstelle für aus Sri Lanka adoptierte Personen fungiert. An der Medienkonferenz zur Präsentation des Forschungsberichts sind dessen Präsidentin Sarah Ramani Ineichen und Kommunikationsverantwortliche Celin Sithy Fässler, beides Betroffene, anwesend.

Ineichen fragte: «Haben Sie sich einmal vorgestellt, was es bedeutet, wenn Ihnen Ihr Kind gleich nach der Geburt weggenommen wird? Wie sich das für die Eltern anfühlt, wenn das unfreiwillig geschieht? Und wie es sich für die Kinder anfühlt, die sich irgendwann fragen, ob die Person in ihrer sri-lankischen Geburtsurkunde tatsächlich die richtige leibliche Mutter oder der richtige leibliche Vater sind?»

Fässler anerkennt das Engagement des Kantons, der den Verein auch weiterhin via Leistungsauftrag finanziell unterstützt. Die Forschungsergebnisse haben sie selber nicht überrascht: «Wir wussten, dass einiges im Argen liegt. Jetzt haben wir es schwarz auf weiss.» Der Kanton, namentlich auch das Staatsarchiv, unterstützt Betroffene auch weiterhin kostenfrei bei der Recherche ihrer Adoptionsgeschichten.

Die Anerkennung der Verantwortung sei ein erster Schritt in Richtung Wiedergutmachung, sagt Fässler. Die Forderungen des Vereins gehen aber noch weiter: «Der Kanton muss sich bei den Betroffenen entschuldigen – so wie er es auch bei den administrativ Versorgten getan hat.»

Regierung: «Zeitpunkt für öffentliche Entschuldigung kommt noch»

«Dafür ist jetzt an dieser Medienkonferenz nicht der richtige Zeitpunkt», erklärt Regierungsrätin Laura Bucher auf Nachrage. Ein derartiges Fehlverhalten der Behörden wie im Fall der Adoptionen aus Sri Lanka sei in einem Rechtsstaat aber inakzeptabel. «Ich persönlich bin der Meinung, dass sich die St.Galler Regierung bei den Betroffenen entschuldigen muss. Aber das muss in einem anderen Rahmen und mit Bund und den anderen Kantonen koordiniert geschehen.»

Der Kanton werde die Betroffenen weiterhin bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte unterstützen und die Beiträge an den Verein Back to the Roots im Bedarfsfall erhöhen, erklärt Bucher. Man werde derzeit mit Anfragen überhäuft und komme mit deren Bearbeitung kaum noch nach, gibt der Verein an.

Juristische Folgen dürften kaum auf den Kanton St.Gallen zukommen. Die Vorkommnisse liegen schon zu lange zurück und sind grösstenteils wohl verjährt. Ob den Betroffenen ein Anrecht auf Entschädigung aufgrund der behördlichen Verfehlungen zusteht, wird sich vermutlich ebenfalls beim Bund klären. Dieser hat seinerseits ein breit gefasstes und Adoptionen aus diversen anderen Ländern umfassendes Forschungsprojekt in Auftrag gegeben. Ergebnisse werden diesen Herbst erwartet.

Auch ein weiteres Nationalfonds-Projekt von Francesca Frank wartet auf die Genehmigung. Hierbei sollen mit einem Oral-History-Ansatz vor allem Betroffene aus der ganzen Schweiz und deren Adoptiveltern direkt zu Wort kommen. Wie der Kanton auf Anfrage mitteilt, sind in St.Gallen in den Jahren zwischen 1979 und 2002 insgesamt 1816 Kinder aus dem Ausland adoptiert worden – die Kinder aus Sri Lanka machen hierbei nur einen Bruchteil aus. Da eröffnen sich also noch weitere Forschungsfelder.

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1