Kategorie
Autor:innen
Jahr

Tod im Hagenbuchwald

Frieda Keller (Julia Buchmann) vor Gericht. (Bilder: Präsens Film)

Frieda Keller (Julia Buchmann) vor Gericht. (Bilder: Präsens Film)

Maria Brendle liefert mit dem Gerichtsdrama Friedas Fall ein kraftvolles und mitreissendes Debüt um ein St.Galler Frauenleben in dunklen Zeiten.

Am An­fang steht ei­ne Sze­ne rei­nen Glücks: Ei­ne Frau und ein klei­ner Bub tol­len mit strah­len­den Ge­sich­tern auf ei­ner früh­lings­grü­nen Wie­se in ei­ner idyl­li­schen Hü­gel­land­schaft her­um, ren­nen schliess­lich auf ei­nen na­hen Wald zu, die Be­we­gun­gen der bei­den glei­chen ei­nem Tanz. Der klei­ne Bub steht bei ei­nem Baum, die Frau ei­ni­ge Me­ter hin­ter ihm, die Sze­ne bricht ab, der Film­ti­tel Frie­das Fall er­scheint, dann der Un­ter­ti­tel: Nach ei­ner wah­ren Be­ge­ben­heit.

Mit si­che­rer Hand skiz­ziert Re­gis­seu­rin Ma­ria Brend­le gleich zu Be­ginn, um was für ei­nen «Fall» es sich da han­delt. Denn in der noch knap­pe­ren Er­öff­nungs­sze­ne sah man die glei­che Frau schwei­gend ei­nem streng drein­bli­cken­den Mann ge­gen­über­sit­zen, der sie an­schreit, sie sol­le jetzt end­lich er­zäh­len, was da oben im Wald pas­siert sei.

Pas­siert ist: Die 25-jäh­ri­ge Thur­gau­er Da­men­schnei­de­rin Frie­da Kel­ler hat am 5. Ju­ni 1904 im St.Gal­ler Ha­gen­buch­wald ih­ren fünf­jäh­ri­gen Sohn Ernst er­würgt und am Tat­ort ver­scharrt. Das Kind, die Fol­ge ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung durch den Wirt ei­nes Lo­kals, in dem Frie­da kurz­zei­tig als Ser­vie­re­rin ar­bei­te­te, hat­te sie in den Jah­ren da­vor in der «Kin­der­be­wahr­an­stalt Tem­pel­a­cker» un­ter­ge­bracht. Das von Or­dens­schwes­tern ge­führ­te Heim hat­te Ernst dann zwangs­wei­se der Mut­ter über­ge­ben, als die­se das Kost­geld nicht mehr auf­brin­gen konn­te.

Bru­ta­le Män­ner­ge­sell­schaft

In zahl­rei­chen, ge­schickt und schnör­kel­los mon­tier­ten Rück­blen­den er­fährt man die­sen Kern ei­ner Ge­schich­te, die kurz nach der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de die Schwei­zer Öf­fent­lich­keit er­schüt­ter­te. Und man er­fährt ganz ne­ben­bei auch De­tails wie et­wa die­ses aus dem da­ma­li­gen Thur­gau­er Straf­ge­setz­buch: «Ei­ne Weibs­per­son, die sich mit ei­nem ver­hei­ra­te­ten Mann ein­lässt, ver­dient kei­ne Gunst des Ge­set­zes. Sie trägt die Fol­gen ih­rer Un­sitt­lich­keit sel­ber.» 

Vor dem Ge­richt, wo die ge­stän­di­ge Frie­da Kel­ler (Ju­lia Buch­mann, die ihr Ki­no­haupt­rol­len­de­büt bra­vou­rös meis­tert) dann steht, tönt das im Plä­doy­er des Staats­an­walts Wal­ter Gmür (Ste­fan Mer­ki) so: «Fräu­lein Kel­ler ver­moch­te den Zu­dring­lich­kei­ten des ‹Post›-Wir­tes nicht stand­zu­hal­ten.»

Friedas Fall

21. Ja­nu­ar: Pre­mie­re im Ki­nok St.Gal­len mit Re­gis­seu­rin Ma­ria Brend­le, Au­torin Mi­c­hè­le Mi­nel­li, Haupt­dar­stel­le­rin Ju­lia Buch­mann und Pro­du­zent Hans Syz. Mo­de­ra­ti­on: Mo­ni­ka Simm­ler, As­sis­tenz­pro­fes­so­rin für Straf-, Straf­pro­zess­recht und Kri­mi­no­lo­gie, Uni­ver­si­tät St.Gal­len. 

Wei­te­re Vor­stel­lun­gen in An­we­sen­heit der Fil­me­ma­che­rin­nen: 3. Fe­bru­ar 17:30 Uhr und 20 Uhr

ki­nok.ch

Als Ge­gen­spie­ler von Gmür, ei­nem skru­pel­lo­sen Kar­rie­ris­ten, steht der Ver­tei­di­ger Frie­da Kel­lers, An­walt Ar­nold Jang­gen (Max Si­mo­ni­schek). Die­ser ent­spricht ganz dem Bild ei­nes aris­to­kra­ti­schen, aber echt hu­ma­nis­tisch ge­sinn­ten Man­nes, der zwar et­was für die Ver­bes­se­rung so­zi­al Be­nach­tei­lig­ter er­rei­chen will, aber doch ganz ein Ge­fan­ge­ner des Sys­tems bleibt. 

Das zeigt sich dar­in, dass er zwar Frie­da vor der dro­hen­den To­des­stra­fe be­wah­ren will, dies aber nur da­mit zu er­rei­chen glaubt, in­dem er ih­re früh­kind­li­che Hirn­er­kran­kung ins Zen­trum stellt. Jang­gens frisch an­ge­trau­te Ehe­frau, die deut­sche Thea­ter­schau­spie­le­rin Ge­si­ne (Mar­le­ne Tanc­zik), ist dar­ob hell em­pört: «Muss man ei­ne Frau für ver­rückt er­klä­ren, nur weil sie in ih­rer Not nicht mehr ein und aus wuss­te?», schleu­dert sie ih­rem Gat­ten ent­ge­gen, als der zu Hau­se für sein Plä­doy­er übt.

Ihr Fall mo­bi­li­sier­te Frau­en­be­we­gun­gen

Frie­das Fall ist ein Frau­en­film aus ei­ner bru­ta­len Män­ner­ge­sell­schaft. Es sind lau­ter Män­ner, die das Ge­sche­hen und die Ge­schi­cke der Be­tei­lig­ten be­stim­men re­spek­ti­ve zu be­stim­men glau­ben. Doch es sind die Frau­en, die sich letzt­lich als die Han­deln­den er­wei­sen, al­len vor­an Er­na Gmür (Ra­chel Braun­schweig), die Ehe­frau von Wal­ter Gmür. 

Als «Frau Staats­an­walt» gibt sie zwar an­fäng­lich ganz die treu­sor­gen­de Haus­her­rin, die ih­rem viel be­schäf­tig­ten Gat­ten den Rü­cken frei­hält und ihn auch un­ter­stützt, als er sei­ne Kar­rie­re mit ei­nem Sitz im Re­gie­rungs­rat krö­nen möch­te. Doch von dem Mo­ment an, da Frie­da im Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis sitzt – das sich im weit­läu­fi­gen Haus des Ehe­paars Gmür be­fin­det –, be­ginnt bei der Frau ein Um­den­ken, was das Wir­ken ih­res Man­nes be­trifft. Hin­ter sei­nem Rü­cken tut sie al­les, um Frie­das Los zu lin­dern. Und als der Staats­an­walt da­hin­ter­kommt, lässt sie sich nicht ein­schüch­tern, son­dern ver­tei­digt die un­glück­li­che Ge­fan­ge­ne wei­ter.

FRIEDAS FALL STILL13 Friedas Blick C Condor Films jpg

Die ent­ste­hen­de Kom­pli­zin­nen­schaft zwi­schen den bei­den so un­ter­schied­li­chen Frau­en bil­det so das ei­gent­li­che Zen­trum die­ses Dra­mas aus ei­ner Zeit, die so weit weg gar nicht scheint – et­wa, wenn auf ei­ner Kund­ge­bung ge­gen die Frie­da dro­hen­de To­des­stra­fe auf ei­nem der Kar­ton­schil­der die Wor­te ste­hen «Frau, Le­ben, Frei­heit».

Am En­de des Films steht ei­ne Fo­to­gra­fie der «ech­ten» Frie­da Kel­ler. Und man liest dann über ihr wei­te­res Le­ben und wel­che Fol­gen der «Fall» hat­te: «Frie­da Kel­ler ver­brach­te 15 Jah­re in Ein­zel­haft. In schlech­ter geis­ti­ger und kör­per­li­cher Ver­fas­sung wur­de sie 1919 be­gna­digt. Nach ei­nem Hirn­schlag im Jahr 1939 wur­de sie in die psych­ia­tri­sche Kli­nik Müns­ter­lin­gen ein­ge­lie­fert, in wel­cher sie drei Jah­re spä­ter ver­starb. Der Fall Frie­da Kel­ler (...) mo­bi­li­sier­te die schwei­ze­ri­schen Frau­en­be­we­gun­gen, die glei­ches Recht für al­le for­der­ten. Im Jahr 1942 mit In­kraft­tre­ten des ge­samt­schwei­ze­ri­schen Straf­ge­setz­bu­ches wur­de die To­des­stra­fe ab­ge­schafft – und seit­her kön­nen auch ver­hei­ra­te­te Män­ner für se­xu­el­le Über­grif­fe straf­recht­lich be­langt wer­den.»

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5