Wer klopft jeden Herbst als erster an? Nein, euer Charlie spricht hier nicht vom Herrliberger Schwabbelmonster und seiner unahnsehnlichen Brut. Und auch nicht von den Landeierhorden, die sich zwecks ihrem alljährlichen Jammerlebenshöhepunkt über die Ostquartiere der Gallenstadt ergossen haben. Sondern ganz banal vom üblen Schleimsack, der sich mit den Regenstürmen und Nebelmeeren immer schön pünktlich in unseren Körpern einnistet. Bei vielen Pfahlgenossen fand er prompt willige Öffnungen, in meinem Fall waren es die Ohren, die dem Saukerl Unterschlupf boten und mich zum Gang zum Spezialisten am Grossen See nötigten, ältere Leser mögen sich erinnern: Der Tscheche mit ungefähr acht Konsonanten im Namen hatte mir einst einen Schleimpropfen aus der Nase geholt, der eine frappante Ähnlichkeit mit einem gewissen Jaegerfranz hatte. Was ihn extrem erheiterte, den schrulligen Konsonantendoktor, aber so ist er, der Tscheche und sein Hang zur Groteske.
So zehrten wir in unserer Pfahlbande von den letzten Kräften, als wir zur Herbstbegrüssung in der jurassischen Knelle hinter dem Bahnhof hockten und uns von Falballa heissen Schnapstee verabreichen liessen. Weil alle darniederlagen, teils bereits infektiös delirierten, heiterten wir uns mit einem Reihumwettbewerb auf: Jeder sollte eine heitere Geschichte aus dem endlos heissen Sommer erzählen. Ich eröffnete den Reigen mit einer denkwürdigen Bilanz: der Stichzahl in unserer Lieblingsgartenbeiz unter der Riesenlinde im Insektensumpfseegelände. Daran mass die kecke Austriaserviertochter ihre Saison: In diesem Jahr habe sie gesamthaft erst 15 Mückenstiche gezählt, wogegen es 2014 an einem einzigen Abend 35 Stiche gewesen seien. Das ist mal eine Sommerrechnung!
Der Rest war auch nicht schlecht: Schmalhans schilderte mit seiner besonderen Vorliebe für Cliffhangermomente, wie er im August zum ersten Mal in eine Höhle kletterte, aber schon nach fünf Metern panisch zurückkrabbelte, weil ihn angeblich eine Riesenkröte bedroht habe. Und Harry Grimm erzählte ohne Rücksicht auf Respektsverlust von einem Hafenmanöver in Langenargen: Weil er sich, das eine Bein schon auf der Jolle und das andere aber noch an Land, nicht entscheiden konnte, welches Bein er nach- respektive zurückziehen sollte, landete er im öligdreckigen Hafenwasser. Immerhin lernte er als begossenes Showäffchen eine schwäbische Blondine kennen, die ihn bald besuchen will – wer’s glaubt, bleibt trocken.
Sumpfbiber hatte wie erwartet keinen Bock auf Persönliches, schoss mit seiner Rezitation von Programmtexten des Überm-See-Festivals aber den Vogel ab. Dort oben wurden Musikanten himmelschreiend in die Höhe geschrieben, bis die Lachtränendrüsen platzten. (An dieser Stelle wieder einmal mein Lieblingstitel aus der Saiten-Geschichte, den Pfahlfreund Fisch einst über die gallenstädtische Musikszene gesetzt hatte: Trommeln bis der Doktor kommt.)
Aber zurück zu diesem gymnasial-literarisch ambitionierten Festival, geben Sie sich diesem Beispiel hin: «Artifizielle Töne aus den abyssischen Tiefen des Maschinenraums, katalytische Vehikel der Entschleunigung prägen das industrielle Klanguniversum auf der Suche nach einer dezidierten, unerbittlich pulsierenden Langsamkeit. Der verlorene Sohn spielt mit dem Spannungsverhältnis zwischen kontinuierlich grollenden, maschinellen Klangstrukturen und emotivem Crooning, wodurch eine extraterrestrisch anmutende Geräuschkulisse entsteht, die sich der Klimax versagt…» Oder dies gefällig? «Reduzierte, filigrane Arrangements, bittersüsse Melodien und das fragile, elegische Timbre stehen paradigmatisch für den auditiven Minimalismus. Puristische, spärlich, aber virtuos eingesetzte elektronische Finessen vermengen sich mit dem als Antipode fungierenden Piano zu einer Emulsion aus organischen Elementen und Elektronik. Als Fundament sekundiert sie der hymnischen Stimme, den vertonten Poemen, die stets mit der aristotelischen Katharsis kokettieren…».
Sind Sie noch da? Oder längst auditiv-abyssisch-aristotelisch weggetaucht? Oh je. Jedenfalls hoffen wir, dass es in Ihren wie auch immer infizierten Runden ebenfalls heiter zu und her geht. Und wenn gegen die Schleimdepression nichts mehr hilft, hätten wir noch einen Geheimtip: Schlagen Sie einem Studentenverbindungsgrosskotz die Kappe vom Kopf – mit einem kräftigen Heute-schon-genickt?-Schlag auf den Hintertotz. Das tut gut und freut die restliche Bevölkerung. Okay, die sind meistens mehrere. Dann müssen Sie halt auch mehrere sein. Es wird zum Scharmützel kommen, aber das ist nichts gegen die Kriege, die derzeit toben. Und von wegen Wahlbrut: Nein, ich gebe meinen Welcome-Türvorleger nicht her. Und verrate auch nicht, wo ich den erstanden habe. Nicht jeder darf ein Welcome vor seiner Hütte haben.
Charles Pfahlbauer jr.
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.