Gut 50 Personen sitzen im ersten Stock der Militärkantine, darunter auch eine Handvoll Männer. Anders als draussen, wo sich gerade ein Gewitter zusammenbraut, ist die Stimmung im Saal heiter. Doch der Grund für das Treffen ist triftig: Die akademische Welt hat ein Frauenproblem. Oder ein Männerproblem, je nach Sichtweise.
«Frauen sind in der Wissenschaft und an den Universitäten auch im Jahr 2016 noch massiv untervertreten», heisst es in der Einladung des Doktorandennetzwerks der Uni St.Gallen. «An der HSG ist dieser Missstand mit einem Professorinnen-Anteil von nur rund 10 Prozent besonders offensichtlich.»
Wie sich dieser Gender Gap an Universitäten konkret äussert, erklärt Dr. Christa Binswanger, Dozentin für Gender und Diversity und Mitglied der Gleichstellungskommission der Uni St.Gallen, in ihrem Referat. Hier ein paar Zahlen:
Christa Binswanger erläutert die Familienzeit
Mehr als einmal verweist Binswanger auf Unis in Schweden, wo beispielsweise keine Sitzungen mehr abgehalten werden nach 18 Uhr – zum Schutz der Familienzeit. Nachhaltig seien solche Modelle und Fördermassnahmen allerdings erst, wenn sie auf Mütter und Väter ausgerichtet seien.
Berufung als letzte grosse Hürde
In der anschliessenden Podiumsdiskussion wird klar: Die Bedingungen eines Lehrstuhls könnte man eigentlich schon fast als ideal bezeichnen, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Wer eine Professur innehat, ist offenbar zeitlich einigermassen flexibel, zudem gäbe es seit den 90er-Jahren auch die Möglichkeit einer Teilzeitprofessur, wie Prof. Dr. Yvette Sánchez, HSG-Professorin für lateinamerikanische Kultur und Gesellschaft, anmerkt. Und: St.Gallen hat immerhin drei Krippen, die mit der Uni zusammenarbeiten.
Aber: In diesen privilegierten Kreis vorzustossen ist alles andere als einfach. Auf einen Lehrstuhl berufen wird nur, wer eine ansehnliche Publikationsliste vorweisen kann, also in einschlägigen Magazinen und Verlagen präsent ist. Vielleicht. Denn zuerst gilt es, durch das Berufungsverfahren zu kommen. Die zuständigen Kommissionen seien aber nach wie vor männlich dominiert, kritisiert Sánchez. «Vieles läuft auf der Mikroebene ab, und je mehr Männer in einer Berufungskommission vertreten sind, desto schwieriger wird es für eine Frau, gewählt zu werden.»
Man müsse auch sehen, wer sich denn auf diese Stellen bewerbe, ergänzt Prof. Dr. Tina Freyburg, die letzten Sommer auf den Lehrstuhl für vergleichende Politikwissenschaften berufen wurde. «Es ist superfrustrierend, wenn man sieht, dass sich viele top-qualifizierte Frauen gar nicht erst trauen, sich auf eine Assistenzprofessur oder gar auf ein Ordinariat zu bewerben.» Sally Gschwend, Mitglied des Universitätsrates, erklärt sich das unter anderem damit, dass Männer tendenziell «risikofreudiger» seien als Frauen. Frauen müsse man eher ermuntern, Männer eher etwas bremsen.
Einziger Mann in der Runde ist Prof. Dr. Kuno Schedler, Prorektor Forschung und Faculty an der Uni St.Gallen. Man habe das Problem zwar erkannt, sagt er, stehe aber noch am Anfang. Seit 2015 gebe es an der HSG einen Leitfaden für Berufungskommissionen, zudem setze man sich neuerdings dafür ein, «Potenzial zu kaufen und nicht Publikationslisten». «Wir nehmen jede, die qualifiziert ist auf die Shortlist.»
Seit 40 Jahren im Dilemma
Einig ist man sich darin, dass gerade auch informelle Netzwerke für die Karriere wichtig sind. Frauenquoten steht die Runde eher kritisch gegenüber. Für Binswanger wären Quoten, ob in Kommissionen oder bei Dozenten allgemein, eine mögliche Übergangsmassnahme. «Sie haben zumindest den Vorteil, dass man nach qualifizierten Frauen suchen müsste», pflichtet Gschwend bei, fragt sich aber, ob es politisch überhaupt durchführbar wäre.
Freyburg sieht in Quoten und anderen Fördermassnahmen wie Präsentations-Workshops oder Mentorings speziell für Akademikerinnen die Gefahr, dass sie «implizieren, dass Frauen Defizite haben, die mit speziellen Trainings beseitigt werden können» – ein Dilemma, das seit den 70er-Jahren provoziere, entgegnet Binswanger. Sie setzt deshalb auch auf Dekonstruktion: der Männerbünde und unterschwelligen Machtmechanismen. Und auf Mentoringprogramme und Massnahmen für beide Geschlechter, zum Beispiel vier Wochen Vaterschaftszeit.
Die jungen Akademikerinnen der zweiten Podiumsrunde sehen sich ebenfalls in einer stark männlich geprägten Umgebung. Gerade bei ihnen wird deutlich: Schwierig wird es dann, wenn Kinder kommen. «Als junge Mutter und Forscherin bin ich auf gute Rahmenbedingungen angewiesen» sagt Dr. Anna Ebers vom Institut für Wirtschaft und Ökologie. «Habilitieren ohne geregelte Kinderbetreuung ist enorm schwierig.» Auch für Gina Di Maio, Doktorandin SEPS, steht und fällt die Karriere mit der «Flexibilität der Strukturen».
Von links: Nora Markwalder, Gina Di Maio, Tina Freyburg (Moderation), Anna Ebers und Sué González Hauck
Prof. Dr. Nora Markwalder, Assistenzprofessorin für Strafrecht und Kriminologie, hingegen fühlt sich kaum benachteiligt, betont aber: «Ich kann das nur sagen, weil ich keine Familie habe.» Und Law School-Doktorandin Sué González Hauck ergänzt: Wie man sich als Frau in der Akademikerwelt zurechtfindet, hänge nicht zuletzt auch mit dem Selbstbild zusammen. «Man muss sich fragen: Welchen Rollenbilder will ich entsprechen und welchen nicht?» Dazu passt auch Ebers Strategie: «Je aggressiver der Ton der Männer, desto ernster fühle ich mich genommen.»
Bereichernde Elemente
Eine, die sich definitiv zurechtgefunden hat, ist Dr. Margrith Bigler-Eggenberger. Die Uzwilerin wurde 1974 zur ersten ordentlichen Bundesrichterin gewählt und war eine der ersten Dozentinnen an der HSG. Erst 1990 habe die Schweizerische Hochschulkommission den Begriff Frauenförderung zum Thema gemacht, erklärt sie in ihrem Referat. Allerdings weniger wegen der Forderung nach Gleichberechtigung, sondern aus der «durchaus wichtigen Erkenntnis, dass ‹das weibliche Element ausersehen sei, bereichernde Elemente ins Leben der Forschung› zu tragen». Ausserdem seien Wirtschaft und Wissenschaft damals «auf alle Hochbegabten angewiesen» gewesen.
Dieser Rückgriff sein immer dann nötig, «wenn Begabung Mangelware wird in der Männerwelt», erklärt Bigler-Eggenberger. Seither habe sich vieles verändert. Und auch wieder nicht: «Chancengleichheit für Frauen lässt in vielen Bereichen des Lebens, gerade in Prestige-Berufen, nach wie vor auf sich warten.» Als jüngstes Beispiel nennt sie «die Hetzjagd auf eine Frau» – Marianne Mettler –, «die Verwaltungsratspräsidentin des Spitalverbundes St.Gallen werden sollte» und der, als Frau und Sozialdemokratin, «ganz selbstverständlich Unfähigkeit vorgeworfen wurde, ohne sie wirklich zu kennen».
Erste Bundesrichterin der Schweiz: Margrith Bigler-Eggenberger
Zum Schluss verweist die ehemalige HSG-Dozentin auf Artikel 8 der Bundesverfassung, auf den man sich durchaus berufen könnte, um gerichtlich gegen Diskriminierung vorzugehen. «Es wäre eine Sensation, wenn es einmal passieren würde, dass es ein Prozess wegen Nichtwahl an einer Hochschule geführt würde.»
Schade, dass die wenigen Männer, die anwesend waren, nicht mehr zu Wort kommen in der anschliessenden Diskussion. Ihre Meinung, etwa zu Vaterschaftszeit oder zur Dynamik in Männerbünden, wäre sicher bereichernd gewesen. Ebenfalls lohnend: eine Diskussion darüber, welchen Impact die angestrebte Frauenförderung an Universitäten auf die Nichtakademikerinnen in aller Welt haben könnte – oder besser: sollte.
Macht und Geschlecht in der «erfreulichen Universität»: Zum Auftakt beschrieb Historikerin Elisabeth Joris Frauenbewegungen des letzten Jahrhunderts, den Abschluss macht Soziologin Eveline Yv Nay mit Gedanken zu queer-feministischen Bündnispolitiken.
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.